14:01 21 November 2019
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    Ukraine und Polen "erlebten 2016 schwerste Krise in ihren Beziehungen"

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    Politik
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    Der ukrainische Historiker und Publizist Wladimir Wjatrowitsch sprach in einem Interview mit der Online-Zeitung “Apostroph” über die 2016 deutlich verschlechterten Beziehungen zwischen Polen und der Ukraine.

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    © Foto : Presseamt des ukrainischen Präsidenten
    „Wir können tatsächlich sagen, dass die Beziehungen zwischen der Ukraine und Polen 2016 ihren tiefsten Stand in der Geschichte der Unabhängigkeit beider Länder erreicht haben. Sie haben sich wirklich sehr angespannt, vor allem weil einige Politiker in Polen vom Thema vergangene Konflikte profitieren wollen.“

    Nach seiner Auffassung sollte das Thema ukrainisch-polnischer Konflikt während des Zweiten Weltkriegs längst erschöpft sein, denn bereits in den 1990er- und frühen 2000er-Jahren hatten beide Länder einander die gegenseitigen Kränkungen verziehen.

    „Ich darf daran erinnern, dass es schon gemeinsame Erklärungen im Parlament und gemeinsame Erklärungen der Präsidenten, gemeinsame Erklärungen der Kirchen, der Gesellschaft usw. gab. Dieses Thema wieder aufzuwerfen, war eigentlich sinnlos, es sei denn, manche rechte Kräfte in Polen wollten dadurch politische Vorteile daraus ziehen“, so Wjatrowtisch.

    Im Sommer 2016 hatte das polnische Parlamentsunterhaus beschlossen, den 11. Juli zum Nationaltag des Gedenkens der Opfer des Völkermordes zu erklären, den ukrainische Nationalisten gegen die Einwohner der Zweiten Polnischen Republik in den Jahren 1943 bis 1945 begangen hatten. Den Polen zufolge sind für die Massenmorde zwischen 1939 und 1945 die Angehörigen der Organisation ukrainischer Nationalisten – der Ukrainischen Rebellenarmee — verantwortlich. Betroffen davon waren die Einwohner Wolhyniens, Ost-Galiziens und der südöstlichen Woiwodschaften der Zweiten Polnischen Republik. 

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    © Flickr / Jorge Láscar
    Als Höhepunkt der Ereignisse des Jahres 1943, die auch als „Massaker von Wolhynien“ bekannt sind, gilt der 11. Juli, als die ukrainischen Nationalisten etwa 150 polnische Dörfer gleichzeitig angriffen. Polnische Historiker halten das für einen Völkermord und ethnische Säuberungen und behaupten, dass 100 000 bis 130 000 Menschen dabei ums Leben gekommen seien. Ukrainische Forscher halten diese Ereignisse allerdings für eine Folge des Krieges der polnischen Heimatarmee gegen die Ukrainische Rebellenarmee, an der auch friedliche Einwohner beteiligt waren. Die Ukraine schätzt ihre Verluste auf 10 000 bis 20 000 Menschen.

    Die Oberste Rada (ukrainisches Parlament) verabschiedete eine Erklärung, in der der Beschluss des polnischen Parlaments zur Anerkennung des „Massakers von Wolhynien“ als Völkermord verurteilt wurde. Die ukrainischen Gesetzgeber finden, dass diese Entscheidung „die politischen und diplomatischen Fortschritte beider Länder gefährdet“.

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    Wladimir Wjatrowitsch, Polen, Ukraine