13:52 22 Oktober 2018
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    Eine Muslimin (Symbolbild)

    Bei deutschen Muslimen hat Bundesregierung falsche Partner gewählt - Experte

    © AFP 2018 / Mohammed Al-Shaikh
    Politik
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    Der Arzt und Politologe Dr. Mimoun Azizi fordert die Bundesregierung auf, nicht länger mit den bestehenden muslimischen Verbänden zu verhandeln. Im Interview mit Sputnik wirft er Millî Görüş, der DITIB und dem Zentralrat der Muslime vor, islamistisch und antisemitisch zu sein.

    „Wir werden ja von Verbänden vertreten, die wir weder gewählt haben, noch akzeptieren“, betont er in einem Gespräch mit Sputnik-Korrespondent Bolle Selke. „Wir möchten von denen aus vielerlei Gründen nicht vertreten werden. Es gibt türkische Verbände, in erster Linie Millî Görüş, islamistisch ausgerichtet, wir haben die DITIB, die die AKP-Linie fortsetzt, und wir haben auf der anderen Seite den Zentralrat der Muslime,  in dem  die Grauen Wölfe — die ATIB vertreten ist und die Muslimbruderschaft.“ Arzt, Politikwissenschaftler und Soziologe Dr. Mimoun Azizi. Diese Verbände würden hochgerechnet und sogar laut eigenen Angaben nur 20 Prozent der in Deutschland lebenden Muslime vertreten. Das seien aber die Verbände, mit denen die Bundesregierung verhandele, zum Beispiel über die Gründung eines muslimischen Wohlfahrtsverbandes oder über islamischen Religionsunterricht. Diese Verbände sprächen aber nicht für die restlichen 80 Prozent.

    Auch wenn die restlichen 80 Prozent nicht gut organisiert sind, gebe dies der Bundesregierung nicht das Recht, sich an Verbände zu wenden, die undemokratisch seien. Dr. Azizi betont:

    „Es gibt im Grunde genommen nachgewiesenen Antisemitismus bei der DITIB. Wir haben da eine AKP-Linie, die islamistisch ist. Das ist gar keine Frage. Die Millî Görüş ist auch bekannt dafür. Im Zentralrat der Muslime sind die Grauen Wölfe und die Muslimbrüderschaft vertreten, das ist kein Geheimnis. Mit der DITIB haben wir nichts anderes als einen verlängerten Arm der AKP. Sie ist antisemitisch, sie sind gegen Kurden, sie sind gegen Aleviten, sie sind gegen Jesiden.

    Wie kann ich mich als Deutscher muslimischen Glaubens und demokratischer Überzeugung von solchen Verbänden vertreten lassen? Das kann ja wohl nicht sein.“
    Der Facharzt für Neurologie und Psychotherapie fordert, dass die Verbindung zwischen der DITIB und der türkischen Regierung aufgelöst werde. Mit einem islamischen Gesetz, ähnlich wie in Österreich.

    Er warnt, dass die Integration durch die Verhandlung mit diesen Verbänden, oder gar einer möglichen Gründung eines muslimischen Wohlfahrtssystems, angeführt von solchen Verbänden, scheitern werde. Darunter werden die deutsche Gesellschaft und das Verhältnis zu der Mehrheit der hier lebenden, schon längst integrierten Muslime leiden.

    Man wolle nicht  zwischen denjenigen, die gegen diese Verbände sind und denjenigen, die sich durch diese Verbände vertreten fühlen, unterschieden. Dass sei das Problem, was diese circa 80 Prozent Deutschen muslimischen Glaubens haben.

    Der marokkanisch stämmige Politologe Azizi ist gerade dabei, mit anderen liberalen Muslimen wie Ali Ertan Toprak und Dr. Abdel-Hakim Ourghi  einen entsprechenden liberalen muslimischen Verband zu gründen. Ali Ertan Toprak ist der Verbandsvorsitzende der Kurdischen Gemeinde Deutschlands und Dr. Abdel-Hakim Ourghi leitet den Fachbereich Islamische Theologie/Religionspädagogik an der Pädagogischen Hochschule Freiburg. Azizi erklärt weiter:

    „Es gäbe genug Liberale, die zur Islamkonferenz eingeladen werden könnten, um ein Gleichgewicht herzustellen. Darauf nimmt man keine Rücksicht. Stattdessen verhandelt man mit den gut organisierten Verbänden Millî Görüş, DITIB und dem Zentralrat der Muslime. Nun muss sich aber die Bundesregierung und der Innenminister die Frage stellen lassen, ob ein gut organisierter Verband alleine ein Kriterium dafür ist, das man mit solch einem Verband verhandelt? Müssen nicht andere Kriterien erfüllt sein, wie Demokratieverständnis, Pressefreiheit, Religionsfreiheit, Gleichheit der Geschlechter, Akzeptanz der hiesigen Werte und des Grundgesetzes?“

    Er wolle nicht, wie zum Beispiel der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime, Aiman Mazyek, die Scharia diskutieren. Religion sei Privatsache. Für alle müsse das Grundgesetz gelten. Denn nur dann sei ein friedliches Zusammenleben möglich.

    Der in Hagen geborene Schriftsteller Azizi fragt sich, ob die Bundesregierung blind, taub und dumm zugleich sei, und bemerkt:

    „Sie verhandelt tatsächlich mit dem Zentralrat der Muslime, zusammengesetzt aus dem islamischen Zentrum München, einem Treffpunkt der Muslimbrüderschaft, aus dem islamischen Zentrum Hamburg, da sind schiitische Fundamentalisten vertreten, aus der ATIP, das ist die Vertretung der Grauen Wölfe, der türkischen Nationalisten und Faschisten. Das sind die Grundpfeiler, die Parteien, die innerhalb des Zentralrats der Muslime das Sagen haben. Mit solch einem Verband will die Bundesregierung verhandeln?“

    „Wir sagen: Lieber Herr Innenminister, es gibt andere Ansprechpartner, die sich gerade formieren, die nicht gekränkt sind, wenn es Kritik gibt, die schon längst in dieser Gesellschaft integriert sind und viel besser in der Lage sind, die Integration zu fördern.“

    Wenn der Innenminister und die Bundeskanzlerin mit solchen Verbänden verhandeln würden, dürften Sie sich auch nicht wundern, wenn die Integration scheitere, die AfD stärker werde und wenn die mehrheitliche muslimische Community sich von der Politik abwende und noch mehr dem Fatalismus hergebe.

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    Tags:
    Muslime, Bundesregierung, Deutschland