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08:31 15 Oktober 2019
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    Otto von Bismarck in Kissingen, 1874

    Historiker: Bismarcks Warnung vor Folgen antirussischer Politik auch heute beachten

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    Politik
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    Die Russlandpolitik von Otto von Bismarck ist für den Historiker Dr. Achim Engelberg so „aktuell wie die Tagesnachrichten“. Das schreibt er im aktuellen März-Heft der Potsdamer Zeitschrift WeltTrends. Der erste deutsche Reichskanzler (1871-90) habe zu Recht gewarnt, dass eine antirussische Politik „letztlich zu Krieg führe“.

    Wer das gegenwärtige Verhalten des Westens, an vorderer Stelle Deutschland, zu Russland beobachtet, muss feststellen: Statt Kooperation wird die Konfrontation vorangetrieben. Worten aus Berlin vom Dialog widersprechen Taten wie die fortgesetzten Sanktionen gegen Moskau und deutsche Soldaten an der russischen Grenze. Der russische Wunsch, zu mehr Zusammenarbeit zurückzukehren, wurde und wird abgeblockt, zumindest auf der offenen Bühne. Für manche Beobachter ist in der Folge dieser Entwicklung die Gefahr eines Krieges so hoch wie seit 1989 nicht mehr. Wer sich dagegen in Politik und Medien hierzulande für den Ausgleich mit Russland ausspricht, dafür, wieder  mehr zusammenarbeiten, wird oft angegriffen. Das erlebte aktuell der SPD-Politiker Matthias Platzeck, der von Journalisten allein dafür angegangen wird, dass er dem russischen Sender RT deutsch ein Interview gab.

    Zu den wenigen Medien, die für einen differenzierteren Blick stehen, was das Verhältnis zu Russland angeht, gehört das außenpolitische Journal WeltTrends aus Potsdam. Es hat in letzter Zeit mehrmals Politiker wie Platzeck und auch ehemalige Diplomaten wie Frank Elbe, der sich gegenüber Sputnik immer wieder äußerte, zu Wort kommen lassen. Im aktuellen März-Heft ist ein interessanter und streitbarer Text von Achim Engelberg zu lesen, in dem dieser einen historischen, aber nicht minder aktuellen Blick auf das deutsch-russische Verhältnis wirft.

    „Bismarcks Russlandpolitik war gerichtet auf Zusammenarbeit, die nicht in Abhängigkeit endet“, schreibt der Historiker. Der Sohn des renommierten und 2010 verstorbenen Bismarck-Forschers Ernst Engelberg erinnert an den Lebensweg des deutschen Politikers im 19. Jahrhundert, in dessen politischen Turbulenzen Russland immer wieder eine Rolle spielte. Es habe immer Verbindungspunkte gegeben: Einer von dessen Vorfahren, Ludwig August von Bismarck, befehligte im 18. Jahrhundert als Oberkommandierender die in der Ukraine agierende russische Armee. Die außenpolitischen Lehrjahre habe der spätere preußische Ministerpräsident und Reichskanzler ab 1859 als Gesandter in St. Petersburg verbracht, erinnert Engelberg.

    Bismarck habe immer die Zusammenarbeit mit St. Petersburg gesucht, sei gleichzeitig aber auf Unabhängigkeit bedacht gewesen. Konflikte zwischen Russland und Österreich-Ungarn habe er als „ehrlicher Makler“ lösen wollen. Ziel der diplomatischen Aktivitäten des Reichskanzlers war es laut Engelberg, „kein gegen Deutschland gerichtetes Bündnis zuzulassen“. Der Historiker weist in seinem Text darauf hin, wie eng die „ungleich entwickelten Mächte“ in Europa bereits im 19. Jahrhundert politisch und ökonomisch miteinander verbunden waren. Das habe der Wiener Börsenkrach vom 1873 gezeigt. Bismarck habe „konservative Solidarität der Staaten mit dem Machtkampf untereinander“ verbunden. Dabei habe er aber auch die innere Schwäche Russlands ausgenutzt, erinnert der Historiker. „Gleichzeitig musste er die weitgehende antirussische Stimmung beachten.“ Die Abneigung gegenüber dem Zarenreich sei quer durch alle politischen Lager im Deutschen Reich gegangen.

    Engelberg vergleicht die heutige russische Politik mit der im 19. Jahrhundert. Damals habe Moskau schon versucht, in der slawischen Welt Einfluss zu gewinnen, was aber nicht erfolgreich gewesen sei. Der Historiker zitiert aus dem Buch „Bismarck. Sturm über Europa“ seines Vaters Ernst, der von einer „grobschlächtigen Einmischung“ Russlands schrieb. Die angeblichen Parallelen zur heutigen Situation erläutert er aber nicht. Bismarck habe damals trotz aller Konflikte sich bemüht, den Kontakt zu Russland „nicht ohne Not abbrechen zu lassen, da er sonst den europäischen Frieden bedroht sah“. Sein Nachfolger Caprivi habe dagegen 1890 den geheimen Rückversicherungsvertrag zwischen Berlin und Moskau von 1887 aufgekündigt. Vor den Folgen habe der Ex-Reichskanzler 1896 gewarnt, indem er den Vertrag und dessen Aufkündigung öffentlich machte. Doch all seine Nachfolger hätten unter dem Druck des deutschen Kaisers und der expansionistischen deutschen Kräfte eine Politik fortgesetzt, „die, wie von Bismarck, aber auch von Friedrich Engels, vorausgesagt, in den Ersten Weltkrieg und die Selbstzerstörung Europas führte.“ Engelberg hält es für notwendig, „heute, wo wir eine Neuordnung Europas (und der Welt) erleben“, bei der Russland eine Rolle spiele, an „Bismarcks vielschichtige Politik“ zu erinnern.

    Tilo Gräser

    WeltTrends Heft 125 (März 2017). Das außenpolitische Journal erscheint monatlich im Potsdamer Wissenschaftsverlag.

    Online hier: http://welttrends.de/#

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    Tags:
    Otto von Bismarck, Matthias Platzeck, Deutschland, Russland