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    „Das hat noch gefehlt!“: Erdogans Nazi-Vergleich schlägt Wellen in deutscher Presse

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    Die jüngsten Ausfälle des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan, wonach Berlins Politik mit Nazi-Praktiken gleichzusetzen sein sollen, haben in der deutschen Presse viel Staub aufgewirbelt. Kaum eine Zeitung oder Nachrichtenagentur hat den Vorfall ohne Kommentar gelassen. Sputnik gibt Ihnen einen Überblick.

    Nazi-Vergleiche, das hat noch gefehlt! — TAZ

    „Nazi-Vergleiche, das hat noch gefehlt! Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan macht Wahlkampf für seine Verfassungsreform, Deutschland dient ihm als willkommenes Feindbild. Er inszeniert sich als starker Mann, der den ‚arroganten Europäern‘ die Stirn bietet. Bewusst sucht er deshalb die Konfrontation, bezeichnet den inhaftierten Journalisten Deniz ¬Yücel als ‚Agenten‘ und wirft den Europäern vor, der Türkei schaden zu wollen.“
    Die TAZ kritisierte zugleich die Auftrittsverbote für türkische Minister, da diese Erdogan in die Hände spielten. „Denn sie machen es ihm leicht, den Europäern Parteilichkeit und doppelte Standards vorzuwerfen. Wer solche Auftrittsverbote fordert, läuft in die Erdogan-Falle.“

    Redefreiheit für Erdogan ist Beihilfe zur Ausschaltung von Grundrechten — SZ

    Heribert Prantl fragt sich in einem Kommentar für die „Süddeutsche Zeitung“, ob Deutschland, das sich zu Recht auf die Meinungs- und die Versammlungsfreiheit viel zugutehalte, Reden türkischer Politiker, die für solche Taten wie Verhaftungen missliebiger Rechtsanwälte, Journalisten und Professoren werben, erlauben sollte. „Die Frage lautet daher: Ist der deutsche Staat, der den Menschenrechten verpflichtet ist, nicht nur berechtigt, sondern gar verpflichtet, dieser Werbung entschieden entgegenzutreten?“

    „Seitdem Erdogan mit denen, die seine Gegner sind oder die er dafür hält, so verfährt, wie es ihm beliebt; seitdem der Verfassungsbruch als Verfassungsverteidigung ausgegeben wird – seitdem ist Redefreiheit für Erdogan (und seine Regierungs-Wahlkämpfer) in Deutschland Beihilfe zur Ausschaltung von Grundrechten und zur Freiheitsberaubung von echten oder angeblichen Erdogan-Gegnern.“

    Anmaßung ohnegleichen – Die Zeit

    „Eine Doppelmoral müssen sich allerdings zuallererst die türkischen Regierungsvertreter vorwerfen lassen: Zu Hause die Medien gängeln, einen traurigen Journalisten-Inhaftierungsrekord aufstellen, durch ein Klima der Angst die Meinungsfreiheit auf ein Minimum einschränken – und dann genau diese Rechte im Ausland für sich einfordern, ist eine Anmaßung ohnegleichen.“

    Er weiß genau, was er tut — RP Online

    „Nun hat Recep Tayyip Erdogan im Streit um die verhinderten Wahlkampfauftritte türkischer Regierungspolitiker in Deutschland die ganz große Keule herausgeholt. Der türkische Präsident weiß genau, was er tut, wenn er das Deutschland von 2017 mit der NS-Diktatur vergleicht: Er richtet im Verhältnis der beiden Länder größtmöglichen Schaden an. Das war kein Ausrutscher, kein Versehen. Erdogan ist gar nicht interessiert daran, dass Versuche, die aufgeheizte Stimmung zu beruhigen, Erfolg haben. Ganz im Gegenteil. In Ankara glaubt man, den eskalierenden Streit mit den Deutschen im Wahlkampf um eine neue Präsidialverfassung instrumentalisieren zu können.“

    CSU wettert über Despoten vom Bosporus – Spiegel

    „Verstört reagieren deutsche Politiker auf den Nazi-Vergleich des türkischen Präsidenten Erdogan. Die CSU wettert über "den Despoten vom Bosporus", die Linke fordert ein Ende des Flüchtlingsdeals. Justizminister Maas will auf Dialog setzen.“

    Dem Türken ist scheißegal, ob er von Deutschen geliebt wird — Die Welt

    „Diese Äußerungen markieren eine neue Eskalation in einer aktuellen Kontroverse um Besuche türkischer Regierungsmitglieder in Deutschland. Quer durch die Parteien wurden Erdogan und seine Kabinettsmitglieder gewissermaßen zu unerwünschten Personen erklärt und die Forderung erhoben, dass die Bundesregierung einen Einreisestopp verhängt, damit es keinen Wahlkampf um innertürkische Belange in Deutschland gibt.“

    Die aktuellen Beziehungen zwischen der Türkei und Deutschland zeigt die „Welt“ am Beispiel eines Deutsch-Türken, der diese mit einer Liebesbeziehung vergleicht: „Der Türke war immer der, der Deutschland geliebt hat und der immer traurig war, dass der Deutsche ihn nicht zurückgeliebt hat. Mittlerweile ist es dem Türken scheißegal, ob er von den Deutschen geliebt wird. Das ist ein sehr schlechtes Zeichen. Ich sehe für die nächsten 30 Jahre schwarz für die deutsch-türkischen Beziehungen.“

    Einen solchen PR-Coup hat sich Erdogan kaum zu träumen gewagt – n-tv

    „Erdogan geht auf maximale Konfrontation. Und die verfehlt ihre Wirkung nicht. "Infam" und "abstrus" nannte Justizminister Heiko Maas die Sätze Erdogans.“ (…) „So verständlich und inhaltlich richtig die Empörung deutscher Regierungspolitiker sein mag, hilfreich ist sie nicht. Erdogans Anhänger feiern ihn nun dafür, dass er der EU und dem großen Deutschland die Stirn bietet, und das nicht erst seit Beginn der aktuellen Affäre. Erdogan geriert sich als stolzer Türke, der sich von Berlin nicht den Mund verbieten lassen will. Der türkische Präsident als Mahner für die Einhaltung des Grundrechts auf Meinungs- und Redefreiheit in Deutschland – einen solchen PR-Coup zu landen, hat er womöglich selbst nicht zu träumen gewagt.“

    Ausgerechnet nationalistischer Autokrat kommt den Deutschen mit Faschismus-Keule – Weser-Kurier

    Ausgerechnet ein nationalistischer Autokrat kommt den Deutschen mit der Faschismus-Keule. "Eure Praktiken unterscheiden sich nicht von den früheren Nazi-Praktiken", ätzt Recep Tayyip Erdogan in Istanbul. Seine Worte sind die kalkulierte Maßlosigkeit eines Staatsoberhaupts, sie belasten das angespannte deutsch-türkische Verhältnis und müssen Empörung auslösen. Aber am schlimmsten schmerzen immer die Vorwürfe, an denen ein Hauch von Wahrheit klebt. Und dass deutsche Behörden Wahlkampfveranstaltungen verbieten, passt tatsächlich nicht in das heutige Deutschland der Freiheit.“

     

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    Tags:
    Recep Tayyip Erdogan, Türkei, Deutschland