22:41 22 September 2017
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    „Aleppo-Massaker“ und Mossul-Befreiung – deutsche Medien messen mit zweierlei Maß

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    Politik
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    Die irakische IS-Hochburg Mossul, wo bis heute noch über 700.000 Einwohner eingeschlossen sind, wird tagtäglich von Haubitzen, Drohnen und Flugzeugen der US-Koalition beschossen, was zwangsläufig auch viele Zivilisten das Leben kostet. Was in Aleppo als „Massaker“ und „Putins Rache“ bezeichnet wurde, wird nun jedoch nüchtern als Erfolg gefeiert.

    Die US-Koalition und die irakische Armee scheinen bei ihrer Mossul-Offensive derzeit tatsächlich erfolgreich zu sein. So hat das Pentagon neulich stolz verkündet, dass der IS-Chef Abu Bakr al-Bagdadi angesichts der vorrückenden irakischen Truppen die umkämpfte Stadt verlassen habe und für einen endgültigen Sieg nur noch der westliche Stadtteil befreit werden müsse. Auch scheint das Ganze unter Präsident Trump schneller fortzuschreiten, als es bei der „lahmen Ente“ Obama der Fall war.

    In West-Mossul befindenden sich derzeit nach UN-Angaben bis zu 750.000 Zivilisten und 350.000 Kinder (in Aleppo waren einst 300.000 Menschen eingesperrt), wobei der Stadtteil derzeit verstärkt bombardiert wird.  Tausende Menschen fliehen vor dem Hunger, Durst und den eskalierenden Kämpfen —  von humanitären Korridoren für die Zivilbevölkerung wie beim Kampf um das syrische Aleppo ist jedoch keine Rede, obwohl Hilfsorganisationen wie zum Beispiel Save the Children die irakischen Streitkräfte und ihre Verbündeten dazu auffordert, solche Korridore einzurichten und „alles dafür zu tun, um Kinder und Familien zu schützen. Mittlerweile ist es laut dem UN-Kinderhilfswerk UNICEF rund 30.000 Flüchtlingen, die Hälfte davon Kinder, gelungen, die Stadt zu verlassen. Davon und von dem hohen Blutzoll bei den Zivilisten und der Armee wird jedoch nur sehr vereinzelt und nüchtern in den Leitmedien der USA berichtet.

    Auch in deutschen Medien fehlt diesmal jede Spur der so üblich gewordenen Kriegsberichterstattung, bei der zuvor schon fast leidenschaftlich Russland und die „blutrünstige“ syrische Regierung wegen „unmenschlicher Bombardements“ und des „völkerrechtswidrigen Krieges“ stigmatisiert wurden. 

    Dem Leser werden diesmal keine zerstörten Straßen, weinende Kinder und verstümmelte  Leichen unter die Nase gehalten, als ob die Bomben der US-Koalition  ganz stichprobenartig nur Terroristen als Ziel verfolgen würden und die Angaben der militärischen Non Profit-Beobachtungsstelle „Airwars“, wonach  die Zahl der Todesfälle von Zivilisten bei der Befreiung Mossuls bereits weitaus höher ist als in Aleppo, ganz gewiss eine Lüge wären.

    Dabei ist es wohl doch offensichtlich, dass es um den umkämpften Westteil Mossuls, wo nach Berichten  der New York Times Haubitzen, Drohnen und Flugzeuge der US-Koalition im Einsatz sind, mindestens genauso schlimm stehen muss, wie es uns einst täglich vom Ostteil Aleppos berichtet und gezeigt wurde. (NYT gegenüber räumt  der US-Kommandant Geoffrey Ross sogar ein, Mossul „Tag und Nacht beschießen“ zu können)

     

    Jedoch bleiben solche Aufschreie wie „so grausam rächen sich Putins Truppen an Zivilsten“, diesmal aus. So betitelte im vergangenen August nämlich die sonst immer nur für russische Innenpolitik zuständige Welt-Korrespondentin Julia Smirnova ihren Artikel über die Aleppo-Offensive. „Massenmord: Aleppo geschieht vor unseren Augen – Schämt euch“, wurde den Lesern dazu noch ins Gewissen geredet.

    Für Mossul hatte sich zu der Zeit aber offenbar niemand geschämt: Der Spiegel Online-Politikredakteur Christoph Sydow hatte Ende Oktober in einem Video die Berichterstattungslinie seiner Redaktion über Aleppo und Mossul beispielweise sogar verteidigen wollen – „Ost-Aleppo ist seit Monaten von der Außenwelt abgeschnitten. Es kommt keine Hilfe in die Stadt. Die Menschen hungern, es gibt kein Trinkwasser, es gibt wenig Strom. In Mossul ist die Lage im Moment noch anders. Die Stadt kann versorgt werden, die Menschen haben Wasser, die Menschen haben Strom, die Menschen haben genug zu essen. Es muss bislang dort noch niemand hungern“, betonte Sydow im „Spiegel“-Clip, das ein ganz normales und glückliches Mossul zeigte. Später stellte sich jedoch heraus, dass Sydow als Beweis für die deutlich bessere Lage in Mossul, wo es zu der Zeit in Wirklichkeit allerdings schon viel schlimmer zuging, ein Propagandavideo des IS benutzte.

    ​Im November wird die Rhetorik noch krasser: Der Mossul-Aleppo-Vergleich sei eine üble Verzerrung, hieß es in einem Welt-Artikel von Richard Herzinger. Die Unterschiede seien nämlich „fundamental“ — und die Parallelen würden Russland nicht „entlasten“.

    „Wenn gegen den IS gerichtete US-Luftangriffe auch Zivilisten treffen, ist das schlimm. Unbeabsichtigte Fehltreffer sind jedoch etwas anderes“, behauptete Herzinger.

    Einen Monat später fanden seine Worte auch eine Art Bestätigung, an die man vorerst gar nicht glauben mochte: Nahe Mossul verwechselte die US-Koalition ein Auto mit einem Krankenhaus. Das Pentagon sagte in einer Erklärung, man habe einen Van treffen wollen, in dem man IS-Kämpfer vermutete. Dann habe man das Fahrzeug auf einem Parkplatz bombardiert, der sich später „als der eines Krankenhauses herausstellte“. Der Luftschlag tötete möglicherweise Zivilisten, gab die Behörde zu.

    Mitte Februar bezeichnete dann der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel die Rückeroberung des Ostens der Stadt sogar als „wichtigen Erfolg“, wobei die deutsche Bundesregierung dem Irak zusätzlich einen Kredit über 500 Millionen Euro zur Verfügung stellte. Kurze Zeit danach werden in Mossul 30 irakische Ex-Militärs durch einen Fehlschlag der US-Koalition getötet.

    Doch die Medien, die nur wenige  Monate davor über „Assads schrecklichen Sieg in Aleppo“ geschrieben hatten, schienen für solche Sachen diesmal gar kein oder nur wenig Interesse zu bekunden — keine Schreckensbilder, keine Kollateralschäden, meist nur sehr nüchterne Kommentare. Trotz der Tatsache, dass in Mossul hunderttausende Menschen in der Falle sitzen, die US-geführte Koalition bombardiert weiter. Man schweigt, obwohl Mossul genauso wie Aleppo zweigeteilt, die Menschen eingekesselt und ohne Nahrung, Wasser und Strom unter ständigem Beschuss verharren.

    Binnenflüchtlinge fliehen aus Mossul, 9. März: Das fünf Monate alte Kind ist am Verdursten, solche Fotos scheinen nun aber tabu zu sein
    © REUTERS/ Thaier Al-Sudani
    Binnenflüchtlinge fliehen aus Mossul, 9. März: Das fünf Monate alte Kind ist am Verdursten, solche Fotos scheinen nun aber tabu zu sein

     

    Das, was sich in Mossul abspielt, sei eine „dramatische Befreiung“, schreibt Bild am vergangenen Dienstag — als wohl einzige deutsche Zeitung, deren  Reporter sich unmittelbar an der Front befinden. Doch auch hier bleibt die Berichterstattung sehr nüchtern — „ISIS ist es egal, wie viele Menschen sterben“. Es werden Menschen gezeigt, die „unter dramatischen Bedingungen“ vor dem Krieg flüchten. Auf diese „Bedingungen“ wird jedoch nicht allzu tief eingegangen – „Das Problem für die irakische Armee: Selbst wenn sie einen Stadtteil erobern, gibt es immer die Gefahr, dass ISIS-Kämpfer sich in Häusern versteckt haben, aus Tunneln gekrochen gekommen. Sicher ist man hier nirgendwo.“

    ​Dafür aber filmen die Bild-Reporter irgendwo weit außerhalb der Stadt eine nicht allzu große Karawane von Flüchtlingen: „Schön, dass so viele Menschen sich Sorge um Menschen machen, die vom Krieg fliehen – ganze 200.000 Klicks im @periscopeco ist schon eine ganze Menge! Vielen Dank für das Teilen“, schreibt dazu einer der Reporter. Twitter sei die beste Plattform für Livesendungen, dies würde so aber wohl sonst nur noch Jan Böhmermann so sehen, ergänzt er.

    „Ja, weil nur #FreePress gegen #Trump #Erdogan #Putin hilft“, kommentiert seinerseits der deutsche Politiker und Blogger Daniel Mack (Bündnis 90/Die Grünen).

    ​Fazit: Es ist klar, dass Journalisten im Grunde über beide Städte genauso kritisch sowie  objektiv berichten sollten, hier wird scheinbar jedoch mit zweierlei Maß gemessen.

    Tags:
    Bashing, Medien, Terrormiliz Daesh, Die Welt, Bild-Zeitung, Baschar al-Assad, Wladimir Putin, Aleppo, Syrien, Irak, Mossul
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