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15:14 17 August 2019
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    Holland wählt: Grüner Optimismus und wenig Angst vor Wilders

    Holland wählt – und alles spricht über Wilders

    © Sputnik / Ilona Pfeffer
    Politik
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    Am Abend vor den Parlamentswahlen in den Niederlanden geben die Unterstützer der Parteien auf der Straße noch einmal alles, um die Menschen von ihrem jeweiligen Kandidaten zu begeistern. Sputnik-Reporterin Ilona Pfeffer war in den Straßen von Den Haag unterwegs und hat Eindrücke gesammelt.

    Die Niederlande sind im Endspurt des Wahlkampfes angekommen. Doch das merken Besucher in Den Haag nicht auf den esten Blick. Vergeblich suche ich nach übereinander aufgehängten Plakaten, von denen die Kandidaten der Parteien um die Wette strahlen. Nichts scheint darauf hinzudeuten, dass schon in wenigen Stunden ein neues Parlament gewählt wird. Bei genauerem Hinsehen entdecke  ich dann doch Wahlwerbung: Auf einem nüchtern anmutenden, nicht allzu großen Plakat sind sämtliche Kandidaten nebeneinander abgebildet. Bei der großen Anzahl der Parteien – es treten insgesamt 28 zur Wahl an – sind die Portraits der Kandidaten kaum zu erkennen. Dafür muss ich schon nahe herangehen und mir Zeit nehmen.

    Zeit nehmen sich die Niederländer wohl auch gern bei der Entscheidung: Viele zögern bis zuletzt, bei welcher Partei sie ihr Kreuz setzen sollen. Etwa drei Prozent entscheiden sich erst in der Wahlkabine. Das macht die Prognosen schwierig und die Wahlen selbst umso spannender. Für die vielen Wahlkämpfer der Parteien heißt es: Bis zuletzt kämpfen.

    Wahlkämpfer bis zuletzt aktiv

    Am Hauptbahnhof haben sich am Vorabend der Parlamentswahl besonders viele von ihnen versammelt, um ein letztes Mal Vollgas in Sachen Wahlkampf zu geben. Die Sozialisten verteilen rote Rosen. Anhänger von „Groenlinks“, den niederländischen Grünen, fangen mit jugendlichem Elan jeden Passanten ab. Vereinzelte Anhänger kleinerer Parteien, wie der Tierschutzpartei, versuchen, ihre Botschaft an den potentiellen Wähler zu bringen.

    „Viele Menschen wollen nach der letzten Regierung eine Veränderung, denn seit einer ganzen Weile waren es immer die selben Zentrumsparteien, die an der Macht waren“, erzählt mir Vincent. Er verteilt vor dem Hauptbahnhof für „Groenlinks“ die Flyer. Er glaubt, dass seine Partei dieses Jahr sehr gute Chancen habe, in die Regierungskoalition zu kommen. Vor allem junge Menschen seien es, denen die Politik der niederländischen Grünen besonders zusage. Stolz erzählt er mir, dass „Groenlinks“ bei einer inoffiziellen Umfrage unter Studierenden stärkste Partei geworden sei.

    Geert Wilders dominierte während des Wahlkampfes mit seinen Themen die öffentlichen Debatten, Das erklärt Vincent so: Das läge daran, dass die Niederländer seit der Finanzkrise Existenzängste hätten und Wilders‘ Botschaften bei ihnen deswegen auf fruchtbaren Boden stießen. Der junge Mann ist jedoch überzeugt, dass „Groenlinks“ die Ursachen dieser Ängste mit einer sozialeren Politik bekämpfen und langfristig beseitigen könnte.

    Amsterdam
    © REUTERS / Michael Kooren
    Amsterdam

    Keine Angst vor Wahlerfolg von Wilders

    Ich verabschiede mich von den Wahlkämpfern und gehe weiter Richtung Parlament. Mir fällt ein Lastwagen auf, der gerade von zwei Männern beladen wird. Auf der Ladefläche sehe ich Stellwände, große graue Tonnen und grüne Kisten. Mir kommt ein Verdacht. Und tatsächlich, die Männer bestätigen es: Sie verladen gerade die Wahlurnen und alles, was in einem Wahllokal so gebraucht wird. Gleich wollen sie losfahren und ihre Ladung in den Wahllokalen der Stadt verteilen.

    Ich gehe einige Meter weiter in ein kleines marrokanisches Schnellrestaurant. Um mich herum wird Arabisch gesprochen. Mitarbeiter und Besucher scheinen sich zu kennen. Und auch hier wird Wahlkampf gemacht: An der Theke liegen Flyer der als „Migrantenpartei“ bekannten „DENK“. Zwei junge Männer kommen herein und bringen noch mehr Flyer. Einer von ihnen trägt eine Jacke und einen Rucksack mit „DENK“-Logo. Wir kommen ins Gespräch.

    Sie seien keine Migrantenpartei, betonen sie. Es stimme, sie hätten unterschiedliche Wurzeln. Sie seien aber alle Niederländer. Über ihre Sicht zu Wilders oder die Sorgen, die vielleicht seinetwegen unter den Muslimen herrschen, wollen sie nicht mit mir sprechen.

    Stattdessen führen sie mich zu einer nahegelegenen marrokanischen Moschee. Dort haben die Gläubigen gerade ihr Abendgebet beendet. Einer ist bereit zu sprechen. Er ist vorsichtig und drückt sich eher vage aus. Doch er sagt, dass die Muslime in den Niederlanden sich sehr wohl fühlen. Es gebe keine Stimmung der Angst und Bedrängung. Selbst wenn Geert Wilders und seine „Parij voor de Vrijheid“ gewinnen sollten, so hätten die Muslime keine Angst, dass sie ausgewiesen würden oder die Moscheen schließen könnte.

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    Tags:
    Muslime, Geert Wilders, Niederlande