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    Präventiver US-Atomschlag gegen Russland und China: Real oder illusorisch?

    © Flickr/ U.S. Navy
    Politik
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    2015017
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    Amerikanische Experten haben in einem Artikel für das „Bulletin of the Atomic Scientists“ zu den gestiegenen Möglichkeiten der USA zum Führen eines präventiven Atomangriffs Stellung genommen. Die Agentur Sputnik hat den russischen Militärexperten Wladimir Jewsejew, Vize-Direktor des Instituts für die Länder der GUS, um einen Kommentar gebeten.

    Wie die Autoren des Artikels unter der Überschrift  „Wie die Modernisierung der US-Atomstreitkräfte die strategische Stabilität untergräbt” – Hans M. Kristensen, Direktor des Nuklear-Informationszentrums bei der Föderation Amerikanischer Wissenschaftler (FSA), Theodore A. Postol, ein namhafter Experte für Raketentechnik, sowie Matthew McKinzie,  Direktor für Nuklearprogramme des nationalen Rates für den Schutz der Naturressourcen,  meinen, sollen die Beobachter die von den USA seit 2009 durchgeführte  wahre Revolution in der Sphäre der Offensivwaffen „verschlafen“ haben. Ihres Erachtens sind somit neue Möglichkeiten für einen präventiven Atomschlag gegen die strategischen Kräfte Russlands oder Chinas aufgetaucht.

    Der russische Militärexperte sieht darin aber eher eine PR-Aktion, um die Bereitstellung von Geldern für die nukleare Umrüstung —  „für die Modernisierung oder die Entwicklung neuer Atomwaffen“ — der US-Streitkräfte zu begründen.

    „Jetzt  ist ein Kampf um 200 bis 400 Milliarden Dollar entbrannt“, sagt er. „Zugleich gibt der neue amerikanische Präsident widersprüchliche Erklärungen ab:  mal zugunsten einer Reduzierung der strategischen Angriffswaffen, mal verlangt er höhere Ausgaben für Atomwaffen und meint, der Prager Vertrag über strategische Offensivwaffen (auch START-Vertrag) passe den USA nicht mehr und die Amerikaner bräuchten Handlungsfreiheit“, so Jewsejew.

    Nun sind ihm zufolge die amerikanischen Experten der Ansicht, die erfolgreiche Modernisierung der Atomsprengköpfe steigere die Möglichkeiten der USA, besonders geschützte strategische Objekte anzugreifen. Damit sei die Ausstattung von Atomsprengköpfen für die seegestützten Trident-II-Raketen mit dem neuen „Superzünder“ MC4700 gemeint. Laut dem russischen Experten besteht deren Besonderheit darin, dass sie einen Teil der Fehlschläge – des Hinausschießens über das Ziel hinweg – durch eine Zündung des Gefechtskopfes in geringer Höhe über dem Ziel wettmachen könnten. Außerdem sollen die Gefechtsköpfe der seegestützten Raketen nun auch effektiv bei Atomgegenschlägen auf strategische und durch Raketensilos geschützte Objekte einsetzbar sein.

    Im Weiteren geht der russische Militärexperte darauf ein, inwieweit derartige Eigenschaften für einen erfolgreichen Präventivschlag wichtig seien.

    „Einen qualitativen Durchbruch und eine Überlegenheit zu erreichen, ist jetzt schwer, da ohnehin  schon viel zu viel getan wurde“, so Wladimir Jewsejew. Was Russland betrifft, so hat man ihm zufolge bereits zu sowjetischen Zeiten ähnliche spezielle Regimes für die Zündung von Atomsprengköpfen entwickelt, die ebenfalls erfolgreich bei Atomschlägen auf besonders geschützte Ziele anwendbar sind. „Deshalb sehe ich in der Möglichkeit, Schläge gegen unterirdische Objekte, zum Beispiel gegen Kommandopunkte zu führen, weder ein Zurückbleiben Russlands noch eine Überlegenheit der USA.“

    Mehr zum Thema: China und USA auf Konfrontationskurs

    Der russische Experte ist überzeugt, dass der Gedanke hinsichtlich irgendeiner Überlegenheit eine gefährliche Tendenz offenbare. Der Ausbau der Präsenz solcher Gefechtsköpfe, wie sie im Artikel des amerikanischen Bulletins beschrieben sind, wird Jewsejew zufolge lediglich zu einer entsprechenden Reaktion Russlands führen. Aber sollten die USA dennoch einen Präventivschlag vorsehen, so ergebe sich sogleich die Frage, ob die russischen strategischen Raketentruppen wirklich nur über unterirdische Raketenstartanlagen verfügen. Der Experte verweist auf die mobilen russischen Raketenkomplexe, zum Beispiel des Typs „Topol“ oder „Jars“, sowie auf den russischen Atomraketen-Zug „Bargusin“. Russland verfüge zudem über die Borei-Trägersysteme für seegestützte Interkontinentalraketen, ergänzt Jewsejew und fragt: „Wie wollen sich die USA gegen sie verteidigen?“

    Die Autoren des Artikels „Wie die Modernisierung der US-Atomstreitkräfte die strategische Stabilität untergräbt“ schlussfolgerten, dass „das gewachsene Potential der USA für einen präventiven Atomschlag die Lage destabilisiert und eine höchst gefährliche Situation schafft“. Wie der russische Militärexperte Wladimir Jewsejew seinerseits meint, ist ein Krieg vom Typ „entwaffnender Erstschlag“ in der Praxis nicht zu realisieren.

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    Tags:
    Borej (U-Boot), Jars, Topol, Theodore A. Postol, Matthew McKinzie, China, USA, Russland