03:54 22 August 2017
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    „Angst für Deutschland“ – Experte: Merkel verdient Ehrenmitgliedschaft in AfD

    © AFP 2017/ Odd Andersen
    Politik
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    „Angst für Deutschland“ heißt das neue Buch von Melanie Amann. Es gilt als das bis dato umfangreichste Werk über die Alternative für Deutschland. Es soll analysieren, welche Politiker in der AfD wirklich das Sagen haben. Der Politikwissenschaftler Prof. Dr. Werner Patzelt von der TU Dresden kommentiert das Buch im Interview mit Bolle Selke.

    Herr Professor Patzelt, in dem Buch Angst für Deutschland schreibt Melanie Amann, dass sie in den bald vier Jahren als AfD-Berichterstatterin mehrmals versagt habe. Immer wieder habe sie Entwicklungen der Partei falsch eingeschätzt. Denken Sie, dass ihr mit diesem Buch also eine Korrektur gelungen ist? Warum sind Amanns Prognosen nun zuverlässiger?

    Mir scheint, dass das eine ziemlich faire und um Sachlichkeit und das Erkennen tatsächlich vorhandener Züge bemühte Darstellung der AfD und ihrer inneren Dynamik ist. Man sieht dem Buch an, dass Vorurteile, die üblicherweise dieser Partei gegenüber gehegt werden, hier so gut wie völlig fehlen.

    Auch wenn das Buch ja versucht, die Phänomen AfD zu verstehen und zu erklären, ist ein genereller  Unterton vorhanden, ja,  gewissermaßen ein Verständnis, wie man am besten mit der AfD umgehen sollte. AfD-Politiker würden ja nur – wie es auch der Titel schon sagt – Stimmen mit Ängsten einfangen. Ist dieser Ton dem Thema angemessen?

    Natürlich fängt ein AfD-Politiker Stimmen auch mit Ängsten und mit Zukunftssorgen ein. Insofern ist die Beschreibung korrekt und ab und zu merkt man, dass nicht ein persönlicher Freund dieser Partei den Text verfasst hat, aber innerhalb einer fraglosen allgemeinen Gegnerschaft der Partei gegenüber, ist es ein sehr fairer und die Zustände und Entwicklungen gut abbildender Text, der noch dazu den Vorteil hat, dass er ja an manchen Stellen wie ein Krimi gelesen werden kann.        

    Man erfährt viele Einzelheiten und Details in dem Buch, interessant war für mich die Zusammenarbeit zwischen Björn Höcke und dem Publizisten Götz Kubitschek und die Aussage, dass Kubitschek selbst wohl hinter der „Erfurter Resolution“ gesteckt hat, welche er dann anschließend auch kommentiert hat. Gab es für Sie als Experten auch Einblicke oder Geschichten, die Sie interessant fanden, sogar überrascht haben?

    Auf der Faktenebene hat mich nichts sonderlich überrascht. Das man nun genauer sieht, was denn genau wie abgelaufen ist, wie etwa in der Rekonstruktion der Ereignisse um den Essener Parteitag herum, das war für mich der große Zugewinn und dass Empfindungen, was denn da bei der AfD womit in Spannung sei, dass das nun auch klar beschrieben worden ist und man dafür dann auch gute Worte findet, etwa auch die Strömungen innerhalb der AfD, dass fand ich für mich selbst sehr belehrend.    

    Amann sieht zwei Lager in der AfD, die Nationalisten um Höcke und Gauland und die Pragmatiker um Petry und Pretzell. Könnte es da zu weiteren Spannungen kommen? Immerhin hat Frauke Petry ja schon ein Parteiausschlussverfahren gegen Björn Höcke angestrengt.

    Ja, die Spannungen und die Auseinandersetzungen um die richtige Linie, die gehen ganz ohne Zweifel weiter und das Verfahren zum Ausschluss von Höcke schwebt ja im Grunde, weil die Zustimmung des entsprechenden Thüringer Landesschiedsgerichts ja nicht so einfach zu bekommen ist. Die AfD ist eine Partei im Werden. Sie hat noch nicht ihre endgültige Gestalt. Sie ist ringt immer noch um den richtigen Kurs und die Leute, die für bestimmte Ziele eintreten, müssen erst noch ihre Machtstellung abklären. Es ist nichts Festes und das versteht die Autorin auf eine ganz vorzügliche Weise dem Leser vor Augen zu führen.   

    Ist die AfD tatsächlich wie die Autorin schreibt vor allem ein Produkt äußerer Umstände? Sprich Flüchtlings- und Eurokrise…

    Es ist schon so, dass es früher eine Reihe von Versuchen gegeben hat, rechts der Union eine Partei entstehen zu lassen. Bei all diesen Parteien waren die Umstände nicht so, dass sich der Erfolg halbwegs verlässlich einstellen konnte. Hätte es die große Flüchtlingskrise der Jahreswende 2015/16 nicht gegeben, dann dürfte die AfD mit großer Wahrscheinlichkeit auch nicht dort stehen, wo sie jetzt steht. Es ist die AfD schon auch ein Ergebnis von Umständen zu denen ganz wesentlich gehört, dass die Union darauf verzichtet hat, den rechten Rand fest einzubinden, beziehungsweise zwischen sich und dem rechten Rand möglichst keinen politischen Spielraum zu lassen. 

    „Wie niemand sonst hat aber Angela Merkel der AfD geholfen“. Würden Sie diese These von Melanie Amann auch so sehen?

    Das sehe ich genauso und wenn man die Gleichsetzung von AfD und PEGIDA vollzieht, könnte man im Grunde der CDU-Vorsitzenden die Ehrenmitgliedschaft antragen, denn sie hat bei PEGIDA und der AfD durch einesteils unnötig fehlerhafte Politik und andernteils unnötig intransigentes Auftreten Zulauf beschert, wo es vermeidbar gewesen wäre.  

    Der letzte Teil des Buches „Angst für Deutschland“ ist dem Umgang mit der AfD gewidmet. Ganz kurz zusammengefasst: Gefühle soll man da zeigen und am Ball bleiben. Sind die vorgeschlagenen Strategien zweckdienlich?

    Die Strategie, die im Grunde empfohlen wird, ist die AfD nicht vor sich hin sich entwickeln zu lassen, sondern sich hier in inhaltliche Auseinandersetzungen zu begeben und nicht zu glauben, dass rationale Argumente allein bei einer solchen Auseinandersetzung weiter bringen, sondern, dass es auch darauf ankommt, das Gefühl derer, mit denen man oder um die man streitet, anzusprechen. Das sind vollständig richtige Vorschläge. Das Schlusskapitel habe ich mit besonders großem Vergnügen gelesen, weil es genau das im Umgang mit der AfD und mit rechtspopulistischen Bewegungen vorschlägt, was ich seit langer Zeit, gegen große Kritik vorschlage. Mir scheint, dass es eine gute praktische Hinweissammlung ist, die sich an eine sachgerechte Analyse anschließt.       

    Herr Prof. Patzelt, in dem jüngsten ZEIT-Interview mit dem Papst stellte der Journalist eine Frage, die auf einer renommierten Biografie beruhte, der Papst erwiderte allerdings, dass diese Geschichte so gar nicht stimmen würde. Ja, wie sehr kann man denn so einem Buch trauen?  

    Nachdem die ganze Schreibhaltung nicht die üblicherweise der AfD gegenüber eingenommene ist, nämlich vor Häme triefend, vor Kritik strotzend, auf jeder Seite den Unwillen des Autors über seinen Gegenstand spüren lassend, sondern eine, zwar mit einer klaren Position versehene, aber sich ansonsten um ein klares Urteil bemühende Darstellung ist, meine ich, dass man sich sehr weitgehend auf die dargestellten Dinge verlassen kann.  Das im Einzelnen auch ein gut recherchierender Journalist manches falsch wahrnimmt und manche Zusammenhänge nicht vollständig richtig rekonstruiert, dass kann immer vorkommen. Ich hatte aber beim Lesen nie den Eindruck, dass hier absichtlich mit den falschen Fakten in alternativer und unredlicher Weise umgegangen würde.

    Sie würden als eine Leseempfehlung für Angst für Deutschland abgeben?

    Wer begreifen will, was die AfD ist und wer sie von innen verstehen will, der wird an diesem Buch noch längere Zeit nicht vorbei kommen.

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    Tags:
    Flüchtlingskrise, PEGIDA, Partei Alternative für Deutschland (AfD), Marcus Pretzell, Frauke Petry, Alexander Gauland, Götz Kubitschek, Björn Höcke, Angela Merkel, Werner Patzelt, Melanie Amann, Deutschland
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