20:43 21 Juli 2017
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    Donald Trump und Angela Merkel bei einem Treffen im Weißen Haus, März 2017

    Experten: Merkel hat Trump Vortritt als „Verteidiger westlicher Werte“ gelassen

    © REUTERS/ Jonathan Ernst
    Politik
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    Washington und Berlin liegen „so deutlich auseinander, wie schon lange nicht mehr“. So sieht es der US-Experte Martin Thunert nach dem Besuch Merkels bei Trump. Der US-Präsident hat „America first“ demonstriert und sich als der Bewahrer der westlichen Werte dargestellt – abgestimmt mit der Kanzlerin. Das meint der Politologe Heinz Gärtner aus Wien.

    Unter US-Präsident Donald Trump werden die globalen Beziehungen neu gestaltet, stellen politische Beobachter und Medien fest. Das habe auch der Besuch von Kanzlerin Angela Merkel am 17. März in Washington gezeigt. Über den Besuch, seine Einschätzung und die Medienresonanz sprach Sputnik-Korrespondent Bolle Selke mit zwei Politikwissenschaftlern.

    "‘America first‘ ist auch in diesem Gespräch sichtbar geworden“, stellte der Politwissenschaftler Gärtner fest.

    „‘America first‘ wurde bei jeder Gestik und bei jedem Thema demonstriert. Die Kanzlerin war eigentlich diejenige, die Kompromisse gemacht hat – verbal und aber auch inhaltlich."

    Trumps einziges Ansinnen: US-Handelsdefizit reduzieren

    Gärtner meinte, dass der Begriff „Europäische Union“ bei Trump nicht vorgekommen ist. Für den US-Präsidenten sei Freihandel eine bilaterale Frage. Deshalb habe die deutsche Kanzlerin gesagt, auch Verhandlungen zwischen der EU und den USA wären bilaterale Verhandlungen. „Natürlich wird er auch versuchen Deutschland, und über Deutschland die Europäische Union unter Druck zu setzen und das Handelsbilanzdefizit, dass die USA mit der EU und auch mit Deutschland haben, zu reduzieren“, schätzte der österreichische Politologe Trumps „einziges Ansinnen“ ein.

    „Der Verweis der Kanzlerin, dass die deutschen und europäischen Unternehmen in den USA Arbeitsplätze schaffen, das ist Trump eigentlich nicht so wichtig. Wichtig ist, dass die USA besser aussteigen bei diesen 'Handelsdeals' — wie er das nennt."

    Trump habe beim Besuch die vorherige Debatte, wer jetzt für die westlichen Werte stehe, umgedreht:

    "Die Werte wie die individuelle Freiheit, der Rechtsstaat – das ist nicht von der Kanzlerin gekommen, das ist von Trump gekommen.“

    Merkel habe das nicht aufgegriffen und nicht wiederholt, beobachtete Gärtner. Er vermutete: Es sollte wohl abgestimmt so aussehen, dass die Kanzlerin nicht als „die Führerin der freien Welt“ dasteht. Deswegen habe nicht sie, sondern Trump die Werte betont.

    Medien mit Blick auf Oberflächlichkeiten

    Aus Sicht von Gärtner gibt es einen „Kampf zwischen den Medien und Trump“.

    „Trump hat diese Front im Wahlkampf eröffnet und die Medien sind natürlich jetzt nicht zimperlich mit ihm. Er bezeichnet das alles als Fake News, aber natürlich setzt er auch selbst Fake News in die Welt. Ich würde sagen: Es ist ein Kampf zwischen Fake News und Fake News.“

    Das habe eine bedauerliche Eigendynamik entwickelt. „Sehr viele Inhalte gehen dadurch verloren“, meinte der Politologe aus Wien.

    Die US-Medien haben den Besuch Merkels bei Trump sehr kritisch beobachtet und berichtet. Das stellte Martin Thunert vom Heidelberg Center for American Studies an der Universität Heidelberg im Gespräch mit Sputnik fest. In der Berichterstattung sei es aber sehr um die Gestik, die Mimik, die Symbolik, um den verweigerten Händedruck und auf das persönliche Verhältnis von Merkel und Trump gegangen.

    „Ich würde sagen, dass das Treffen gute und schlechte Seiten hatte“, konzentrierte sich der US-Experte dagegen auf die Inhalte.

    „Ich glaube, es war sehr klug von der deutschen Regierung – da haben sie sich von den Kanadiern inspirieren lassen –, dass man ein Überthema gewählt hat, und zwar ein Thema bei dem Deutschland punkten kann und das ist eben die Frage der beruflichen Bildung in beiden Ländern. Ich denke, hier konnten die Deutschen die Bedeutung die Bedeutung auch von unseren Unternehmen etwa wie Siemens oder auch BMW für den Industriesektor der USA herausstellen.“ Diesen Teil des Besuches schätzte Thunert als „uneingeschränkt erfolgreich“ ein.

    Größter Dissens zwischen Berlin und Washington seit Jahrzehnten

    Das parallele G20-Treffen in Baden-Baden habe die gegensätzlichen Positionen Berlins und Washingtons deutlich werden lassen, was den Handel und die jeweilige Einstellung zur Globalisierung angehe.

    „Das hat auch dann die Pressekonferenz gezeigt. Die Amerikaner werden von ihrer Einstellung, dass Deutschland zu viel in die USA exportiert und umgekehrt zu wenig importiert, also einen zu großen Überschuss in der Handelsbilanz hat, nicht ablassen. Das wird dieser Besuch, der eher dem ersten Kennenlernen galt, nicht aus dem Weg räumen."

    Die Berichterstattung habe von den „dahinterliegenden Dingen“ abgelenkt. Das sei auch beim Thema NATO sichtbar geworden, meinte der Experte aus Heidelberg. „Auf der einen Seite hat sich Trump – wie das auch schon vorher sein Vize-Präsident bei der Sicherheitskonferenz gemacht hat – zur NATO allgemein bekannt. Aber dann, als die Kanzlerin weg war, auf seinem Wochenendsitz in Florida hat er getwittert, das Deutschland der NATO und damit auch der USA riesige Summen schulden würde.“ Das sei ein Affront und habe die unveränderte US-Haltung verdeutlicht. „Auch hier zeigt sich, dass ein gewisser Dissens in wichtigen Fragen doch weitaus stärker ist als mit jeder US-Regierung der letzten Jahrzehnte."

    Für Thunert besteht der Erfolg von Merkels Besuch bei Trump darin, „dass das Treffen überhaupt stattgefunden hat und dass es zu keinem richtig offenen Eklat gekommen ist“. Das Neue sei, „wie anders im Moment Berlin und Washington die Welt sehen“. Aus Sicht des Experten liegen die Prioritäten beider Regierungen „so deutlich auseinander, wie schon lange nicht mehr“.

    Er meinte: „Ob die Trump-Administration eine Zeitenwende in den deutsch-amerikanischen Beziehungen einleitet, oder ob es nur vorübergehende Irritationen sind, dafür ist es zu früh das zu sagen. Das hängt auch davon ab, wie das mit Trump in den USA weiter geht – und vor allen Dingen dann, ob es vier oder acht Jahre werden."

     

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    Tags:
    Experten, Treffen, Beziehungen, Handel, Martin Thunert, Donald Trump, Heinz Gärtner, Angela Merkel, Europäische Union, Deutschland, USA
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