14:17 24 September 2017
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    Marine Le Pen und Emmanuel Macron

    Le Pen oder Macron als Alternative für Frankreich? – Experte warnt vor Prognosen

    © AP Photo/ Francois Mori
    Politik
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    Präsidentschaftswahlkampf in Frankreich 2017 (131)
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    Das erste TV-Duell der Präsidentschaftskandidaten in Frankreich hat massive Unterschiede zwischen den einzelnen von ihnen gezeigt. Eine große Unsicherheit hat das Land gepackt. "Das wird direkte Auswirkungen auch auf Deutschland haben", ist sich der Politologe Frank Baasner sicher.

    Nach aktuellen Umfragen hat Marine Le Pen wenig Chancen, französische Präsidentin zu werden. Doch laut Prof. Baasner, Direktor des Deutsch-Französischen Instituts Ludwigsburg, sollte nicht allen Prognosen auch Glauben geschenkt werden:

    „Denn die Menschen scheinen sich nicht so ganz nach dem Schema zu verhalten, wie das die Soziologen, Politikwissenschaftler und Wahlforscher ausgetüftelt haben. Von daher muss man vorsichtig sein.“

    Einen klaren Sieger habe das vergangene TV-Duell der fünf Spitzenkandidaten nicht gebracht. Laut dem Experten habe jeder von ihnen noch einmal – mehr oder weniger polemisch — sein Programm vorgetragen. Dabei gerieten die Kandidaten auch mehrfach aneinander. Emmanuel Macron, François Fillon, Jean-Luc Mélenchon und Benoît Hamon bauten in der Debatte thematisch eine breite Front zu Le Pen auf. Doch hat dies die Front National-Chefin deshalb besonders herausstechen lassen? Baasner ist davon nicht überzeugt:

    „Das ist ein altes Problem in der politischen Debatte: Wenn es einen Kandidaten gibt, der ausgegrenzt werden soll, besteht immer das Risiko, dass man die Aufmerksamkeit dann vor allem auf diesen Kandidaten lenkt. In dem TV-Duell war das aber gar nicht so extrem, denn Le Pen ist von allen möglichen Kandidaten zu einzelnen Themen gestellt worden — die Wirtschaftsthematik, die Einwanderungsthematik, die Frage über den Verbleib in der EU.“

    Deshalb habe es kein spezielles Bashing gegen Le Pen gegeben, eher ein hartes und klares Kämpfen um Positionen. Bei dem Duell ging es vor allem um Gesellschaft, Wirtschaft und Außenpolitik. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel wurde häufig thematisiert. Große Überraschungen habe es laut Baasner dabei nicht gegeben. Zwei Kandidaten seien aber besonders aufgefallen:

    „In einigen Punkten gibt es radikale Positionen von Marine Le Pen: Raus aus dem Euro, raus aus der EU, klare Abschottung der Grenzen, also ein hundertprozentiger Isolierungskurs. Das wurde noch einmal sehr deutlich. Genauso deutlich wurde, dass Emmanuel Macron einen sehr positiv offensiven Europakurs fährt. Das ist übrigens sehr mutig, denn das ist im Moment nicht so sehr populär in Frankreich.“

    Macron sei aber etwas Erstaunliches gelungen: Einerseits sei er ein Produkt der französischen Elite und habe die besten Schulen besucht. Gleichzeitig stelle er sich als Veränderer und Ausscherer aus dem System dar. Für Baasner eine Besonderheit:

    „Das ist ein beachtlicher Tanz auf dem Drahtseil. Er kommt aus dem System und er sagt, man kann es verändern und man muss es verändern. Das ist eine Meisterleistung. Das kann nicht jeder. Und zweitens hat Macron auf seiner Seite eine gewisse Dynamik. Wenn man aus als unabhängiger Kandidat aus dem Nichts kommt und in so kurzer Zeit so viel Unterstützung bekommt, dann muss man sagen: Hut ab!“

    Ob diese Dynamik bis zur Wahl anhält, sei aber nicht sicher. Haben Macron und Le Pen also sogar Gemeinsamkeiten im Wahlprogramm: Den Kampf gegen die so genannten Eliten im Land? Baasner verneint dies. Er sieht aber eine andere Schnittstelle:

    „Beide haben in der Tat etwas darin gemein, dass sie sagen, es muss sich grundsätzlich am System etwas ändern. Wobei Emmanuel Macron zwar das Wort "Revolution" auf sein Wahlprogramm geschrieben hat, aber eigentlich Reformen will. Wogegen Marine Le Pen tatsächlich mit dem System brechen will und in dem Sinne revolutionärer ist: Raus aus dem Euro und raus aus der EU ist schon ein ziemlicher Bruch.“ 

    Der Ausgang der Wahl in Frankreich wird laut dem Experten sich in jedem Fall auf Deutschland auswirken. Denn immer, wenn in großen europäischen Ländern gewählt werde, wirke sich das direkt auf die Europäische Union aus – im Falle Frankreichs besonders auf die Bundesrepublik:

    „Man muss ja nur die Wahlprogramme lesen und dann weiß man, wie es aussehen wird. Ein Emmanuel Macron wäre ein sehr fordernder Partner, er würde Vorschläge machen und dann können sich die Deutschen nicht mehr nach dem Motto ‚Alles soll bleiben wie es ist‘ wegducken. Marine Le Pen wäre natürlich ein endgültiger Bruch mit dem Kooperationsverhalten, dass wir die vergangenen 70 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs gehabt haben.“

    Le Pen liefert sich in Umfragen für den ersten Wahlgang am 23. April ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit dem unabhängigen Kandidaten Emmanuel Macron. Beide können danach mit gut 25 Prozent der Stimmen rechnen. Aber in den Umfragen zur entscheidenden Stichwahl liegt Le Pen mit einem Stimmenanteil von nur 38 Prozent klar hinter Macron, der auf 62 Prozent kommt. Doch Prognosen können auch danebenliegen, wie Baasner betont.

    Interview und Bericht: Marcel Joppa

    Themen:
    Präsidentschaftswahlkampf in Frankreich 2017 (131)

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    Tags:
    Präsidentschaftswahl 2017 in Frankreich, Benoit Hamon, Jean-Luc Mélenchon, François Fillon, Frank Baasner, Marine Le Pen, Emmanuel Macron, Europäische Union, Frankreich
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