22:26 21 November 2019
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    "Manipulation und Meinungsmache" - Petry und Wagenknecht attackieren BILD & Co

    © AFP 2019 / Odd Andersen © REUTERS / Fabrizio Bensch
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    Politik
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    Am 29. März wurde in Berlin die Dokumentation "Nervöse Republik" gezeigt. In dem Film wurden Bundespolitiker und deutsche Journalisten über ein Jahr begleitet. Im Anschluss veranstaltete die ARD eine Podiumsdiskussion, bei der die Protagonisten der Doku über die Rolle der deutschen Medien stritten - kontrovers, persönlich und überraschend ehrlich.

    Für Freunde des Polit-Talks war die Besetzung der Gesprächsrunde ein hochkarätiges Vergnügen: Moderiert von ARD-Frau Anne Will nahmen unter anderem Linke-Politikerin Sahra Wagenknecht, AfD-Chefin Frauke Petry, der CDU-Generalsekretär Peter Tauber und BILD-Chefredakteur Julian Reichelt auf der Bühne im Berliner Kino Babylon Platz.

    Das Thema: Wie nervös ist die Republik tatsächlich und welche politische Rolle spielen die die deutschen Medien? In der Dokumentation selbst kamen Journalisten zu Wort, die stets über den zunehmenden Einfluss von Facebook und Twitter klagten. Die Rede war vom schwindenden Einfluss des Journalismus durch Fake-News und Meinungsmache in sozialen Netzwerken. Diese Einschätzung bewertete die Linke-Fraktionschefin Wagenknecht in der Diskussion jedoch als blauäugig: 

    „Ich würde mir wünschen, dass Journalismus wirklich so funktioniert: Also objektiv, nur an der Wahrheit orientiert und das alles Böse, alle Fake-News, nur durch Facebook und Twitter in die Welt gekommen sind. Aber das ist doch nicht die Realität. Nehmen wir ein ganz klassisches Beispiel: Ich erinnere an Zeiten, in denen der Irakkrieg vom Zaun gebrochen wurde und plötzlich die Rede von Massenvernichtungswaffen war. Das war aber kein Facebook, das haben klassische Journalisten geschrieben.“  

    Dabei gab Wagenknecht den deutschen Medien auch eine Mitschuld an dem Erstarken der AfD im vergangenen Jahr. Kaum habe die Berichterstattung jetzt nachgelassen, fiele auch die Alternative für Deutschland in den Umfragen wieder zurück. Ebenso beschwerte sich die Linke-Chefin über die Berichterstattung über ihre eigene Person und die Interviewfragen vieler Journalisten:

    „Ich war einfach genervt, als ich im letzten Jahr ständig gefragt wurde: Ist dies eine AfD-Position, ist jenes eine AfD-Position? Das würde man die CDU nie fragen. Wenn die AfD die Vermögenssteuer ablehnt, würde man den CDU-Generalsekretär Peter Tauber trotzdem nicht fragen: Ist Ihre Position zur Vermögenssteuer AfD-nah? Bei uns hat man das ständig gemacht.“

    In der vorausgegangenen Dokumentation „Nervöse Republik“ wurde auch ein Interview mit Ex-Bild-Chefredakteur Kai Diekmann gezeigt. Auf die Frage zur Berichterstattung über die AfD betonte Diekmann dort, dass er und seine Redaktion der Alternative für Deutschland den Kampf angesagt hätten. Sein Nachfolger, Bild-Chef Julian Reichelt, nahm Diekmann bei der Podiumsdiskussion am Mittwochabend dafür in Schutz:

    „Es ist eines der Springer-Unternehmensgrundsätze, dass wir uns gegen jegliche Form des politischen Totalitarismus wenden. Das ist kein Geheimnis, das steht in unseren Arbeitsverträgen und auf unserer Website.“

    Bild wolle antidemokratische Strömungen bekämpfen, so Reichelt. Die ebenfalls bei der Diskussion anwesende AfD-Vorsitzende Frauke Petry will das nicht gelten lassen. Ein politischer Aktivismus habe nichts mit gutem Journalismus zu tun:

    „Das ist das große Manko, nicht nur des deutschen Journalismus, sondern des Journalismus allgemein in der westlichen Welt: Dass viel zu viele Journalisten ihre eigene politische Verortung — die ich jedem zugestehe — auf ihren Beruf übertragen, dass sie Kommentar und Bericht nicht mehr trennen können.“  

    Dabei machte Petry zwischen der Bildzeitung und dem Spiegel keinen Unterschied. Sie sieht die Medien allgemein in der Pflicht, die ganze Bandbreite der politischen und gesellschaftlichen Meinung abzubilden. Deutsche Journalisten sollten ihre Arbeit wieder häufiger hinterfragen. Die AfD-Chefin nannte ein Beispiel:

    „Vor einiger Zeit entstand eine MDR-Dokumentation über die ersten AfD-Stammtische und Parteiveranstaltungen in Leipzig. Ich wurde persönlich begleitet, weil ich bei der Organisation beteiligt war. Und dann wurde diese Reportage nicht gesendet. Der zuständige Redakteur begründete das damit, dass sein Chef ihm gesagt habe, die fertige Reportage sei "nicht braun genug". Da gab es die AfD gerade einmal drei Wochen und schon damals war klar, wo man sie hinstellen wollte — und das war der öffentlich-rechtliche Rundfunk.“ 

    Positiv sieht Petry dagegen die sozialen Netzwerke. Hier könne sie Ihre Themen verbreiten, ohne eine Manipulation durch die Presse zu befürchten. Solch eine Manipulation wies Bild-Chef Reichelt wiederum zurück, er sieht vielmehr ein Problem in der sogenannten „Filterblase“, die beispielsweise auf Facebook existiert:

    „Darin hört man nur noch das, was man auch hören will und was meine Freunde gut finden. Und am Ende denke ich dann, ich bin die Mehrheit. Aber die eigentliche Wahrheit ist, die Erfinder der Filterblase sind wir hier. Die Filterblase ist ein Phänomen, das aus dieser Berliner Republik hervorgeht. Journalisten und Politiker gehen gemeinsam etwas essen und erklären sich gegenseitig, wie die Menschen da draußen sind. Das hat teilweise dazu geführt, dass viele Menschen die Wahrnehmung haben, dass wir uns von ihrer Lebensrealität entkoppelt haben.“

    Julian Reichelt glaubt darüber hinaus, dass die Macht der Presse in Deutschland bröckelt. Die Sozialen Medien und das Internet hätten dem Journalismus immer mehr den Rang abgelaufen, Politiker ließen sich laut dem Bild-Chef von den Medien keine Diktate mehr machen.

    Das Schlusswort in der Diskussion hatte an diesem Abend dann aber Sahra Wagenknecht, die in der engen Beziehung zwischen Medien und Politik das kleinere Problem sieht. Vielmehr habe der Bürger sein Vertrauen aus einem anderen Grund verloren:

    „Das eigentliche Problem ist doch, dass sich viele Menschen von der Demokratie abwenden. Sie haben das Gefühl haben, sie wählen zwar alle vier Jahre, aber es kommt am Ende eine Politik heraus, wo ihre Interessen überhaupt keine Berücksichtigung mehr finden. In der sie gar nicht mehr ernst genommen werden, in der irgendwelche Wirtschaftslobbyisten und einflussreiche Interessengruppen viel mehr über die Politik bestimmen, als das der normale Wähler könnte.“ 

    Das Fazit des Diskussionsabends: Der deutsche Journalismus steckt in einer Vertrauenskrise, ebenso wie die Politik der etablierten Parteien. Schuld sind nicht nur die sozialen Netzwerke, sondern vielfach auch die durchschaubare Stimmungsmache in den Medien hierzulande. Die "Nervöse Republik" hat sich zwar zeitweise wieder etwas beruhigt, doch Populisten könnten das schon bald wieder ändern. Populistische Politiker genauso, wie ein Populist in der Chefredaktion einer großen deutschen Tageszeitung.

    Bericht: Marcel Joppa

     

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    Tags:
    Journalismus, Diskussion, Dokumentation, Frauke Petry, Sahra Wagenknecht, Deutschland