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    Mehrzweck-Kampfflugzeug Tornado

    “Die Weste war nie weiß”: Militärexperte zu „Kollateralschaden“ in Al-Munsara

    © REUTERS/ Ruben Sprich
    Politik
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    Nach Luftaufklärung durch Bundeswehr-Tornados ist Mitte März eine Schule im syrischen Al-Munsara von amerikanischen Streitkräften bombardiert worden. Beobachter sprechen von 33 zivilen Opfern. War es lediglich ein tragisches Versehen? Und wie konnte es überhaupt dazu kommen? Jürgen Rose, Oberstleutnant der Bundeswehr a.D., klärt auf.

    Das Verteidigungsministerium hält sich mit Informationen zu dem Einsatz bisher bedeckt, im Verteidigungsausschuss hat es im Geheimen die Abgeordneten über den Einsatz aufgeklärt. Von amerikanischer Seite heißt es, man sei noch dabei, den Vorfall zu untersuchen.

    Unklar ist, ob der Einsatz in der vom IS kontrollierten Stadt Al-Mansura einzig auf Basis der tags zuvor angefertigten Luftbilder geflogen wurde oder ob es zusätzliche Quellen gab, die nahegelegt hatten, dass in dem Schulgebäude bewaffnete Kämpfer sein sollten. Jürgen Rose, Oberstleutnant der Bundeswehr a.D. erklärt, dass es trotz Auswertung durch Spezialisten sehr schwer sei, zu erkennen, ob und welche Personen sich in einem Zielobjekt befinden.

    “Die Kameras sind hochauflösend und man kann auf den Bildern sehr viel erkennen. Die Koalition verfügt über ausgebildete Bildauswerter, die sehr gut im Erkennen solcher Bilder geschult sind. Man kann bis zu einem gewissen Grad erkennen, wenn sich am Boden Menschen bewegen, ob es sich um unbewaffnete Zivilisten handelt oder um Menschen, die Waffen mit sich tragen. In letzterem Fall geht man schnell, vielleicht sogar vorschnell davon aus, dass es sich um Terroristen handelt. Problematisch ist, wenn man Gebäude fotografiert, da man nur begrenzt erkennen kann, was im Inneren passiert. Wenn Menschen am Fenster oder im Türrahmen stehen, kann man das erkennen, aber nicht im Gebäude oder im Kellerraum.“

    Der Experte bestätigt, dass eine zusätzliche Erkundung durch Special Forces am Boden üblich sei, doch sei diese nicht immer möglich. Er zieht in Betracht, dass es im vorliegenden Fall andere Daten, wie Funksprüche gegeben haben kann, die als Hinweis darauf verstanden wurden, dass im fraglichen Gebäude bewaffnete Kämpfer versteckt waren.

    Insgesamt hält Rose die Luftaufklärung durch Tornados mittlerweile für überholt.

    „Es ist eine große Schwierigkeit bei dieser traditionellen Form der Luftaufklärung, weil man diese Zeitverzögerung hat. Vom Einsatz, wo das Bild gemacht worden ist bis das Flugzeug zurückkommt und der Film entwickelt und ausgewertet ist, vergehen mitunter Stunden. Und nichts verändert sich so schnell, wie die Lage auf einem militärischen Gefechtsfeld. Ein Kritikpunkt, der grundsätzlich auch für diesen Tornado-Einsatz gilt, ist, dass es sehr viel modernere Möglichkeiten in Form von Aufklärungsdrohnen gibt, mit denen man über einem Zielgebiet kreisen kann. So kann man ein Ziel kontinuierlich überwachen und feststellen, ob da Kämpfer in die Schule eingesickert sind, ob sie noch dort sind, ob sich auch Zivilisten dort befinden. Das alles kann man viel besser aufklären, als mit diesen doch unzulänglichen Aufklärungssystemen, wie es diese doch recht betagten Tornados mittlerweile sind.“

    Dass Zivilisten bei solchen Missionen immer wieder ums Leben kommen, sei ein Opfer, das man beim Militär in Kauf nehme. Das humanitäre Völkerrecht halte solche Kollateralschäden für akzeptabel, wenn der militärische Nutzen dies erfordere, so Rose.

    Wie Regierungssprecher Steffen Seibert in der Bundespressekonferenz vom 27.03. betonte, seien zivile Opfer bei Einsätzen der US-geführten Koalition aber bedauerliche Unglücksfälle und keineswegs vergleichbar mit den Opfern bei Missionen der syrischen und russischen Streitkräfte in Aleppo. Diese würden wissentlich und willentlich Zivilisten töten.

    „Das ist grober propagandistischer Unfug und grenzt an Lüge. Die Berichterstattung über Aleppo fand ich auch skandalös“, kommentiert Juergen Rose.

    Der Westen habe sich mitschuldig gemacht und eine weiße Weste habe er nie gehabt.

    „Die Weste war nie weiß. Bis zur Halskrause stecken die westlichen Nationen in diesem Bürgerkrieg mit drin. Es ist eine große Legende, dass es sich beim syrischen Bürgerkrieg um einen Freiheitskampf von Demokraten reinsten Wassers handelt.  Dieser Bürgerkrieg war von Anfang an okkupiert und wurde von islamistischen Kräften instrumentalisiert, die ganz systematisch von unseren US-amerikanischen Verbündeten gemeinsam mit den Saudis, Kataris und den Golfstaaten ins Gefecht geführt worden sind, um die syrische Regierung zu stürzen. Die Weste war nie weiß und es stellt sich langsam raus, wie schmutzig sie in Wirklichkeit ist. Ich frage mich auch, warum man den Lehrling, also den IS bombardiert und nicht den Lehrmeister Riad. Dort kommt der Terrorismus her, das wissen wir seit Jahrzehnten.“ 

    Der Experte sagt dennoch, er sei nicht a priori dagegen, dass Deutschland sich im Kampf gegen den IS engagiert. Man sollte aber, sollten Verhandlungen keine Lösung sein, über Alternativen nachdenken.

    „Eine Form der Auseinandersetzung wird man finden müssen, vielleicht auch miteinander ins Gespräch kommen. Ich habe aber meine Zweifel, ob das letztendlich hilft. Zu diesem Schluss ist der russische Präsident ja auch gekommen, als er sich entschieden hat, in Syrien mit viel Bedacht und klug und kalkuliert, wie ich finde, zu intervenieren. Die sinnvolle Alternative zum Sichheraushalten wäre zu fragen, mit wem und in welcher Form wir konstruktiv zusammenarbeiten, um mit diesem Problem fertig zu werden. Für mich wäre die beste Alternative, mit unseren russischen Partnern gemeinsam zu überlegen, was man da tun kann.“

    Bericht: Ilona Pfeffer

    Tags:
    Zivilisten, Luftschlag, Tornado“-Aufklärungsjets, Bundeswehr, Irak, Syrien, Deutschland
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