20:24 10 Dezember 2019
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    Unruhen in Kirgistan, 2010

    Anschlag von Sankt Petersburg - Folge der Revolution in Mittelasien? – Experte

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    Der Anschlag von Sankt Petersburg am 3. April ist eine Folge der Revolution 2010 in Kirgistan. Das sagt Wassili Koltaschow vom Institut für Globalisierung und soziale Bewegungen in Moskau. Er macht auf die möglichen Folgen für mittelasiatische Gastarbeiter in Russland aufmerksam. Der Einfluss des Islamismus muss zurückgedrängt werden, fordert er.

    Der Experte schließt den Zusammenhang mit den Ereignissen in Kirgistan vor sieben Jahren aus den Informationen über den mutmaßlichen Attentäter von Sankt Petersburg. Der stammte danach aus Kirgistan, erhielt vor sechs Jahren die russische Staatsangehörigkeit und lebte in Sankt Petersburg.

    „Damals haben die russischen Behörden eine Unmenge an Pässen an die Bürger Kirgistans vergeben, um die soziale Krise dort zu mildern und den Menschen ausreichenden Lebensunterhalt in Russland zu sichern“, erklärte Koltaschow im Gespräch mit Sputnik-Korrespondent Nikolaj Jolkin. „Diese Pässe wurden aufgrund der politischen Notwendigkeit ausgestellt. Jetzt kommt aber heraus, dass der Attentäter ein russischer Bürger ist – so wie belgische, französische, deutsche Staatsbürger sich als IS-Terroristen erweisen, worüber niemand mehr staunt.“

    Die soziale und wirtschaftliche Krise habe zu einem starken Anstieg der Unzufriedenheit unter den russischen Bürgern geführt, stellte Koltaschow fest. „Für sie bleibt immer weniger Platz in der Wirtschaft. Es mangelt an Arbeitsplätzen für sie. Sie klagen mit Recht über Lohnkürzungen. Dabei gibt es unzählige freie Hausmeisterstellen, andere Stellen im kommunalen Bereich, im Bauwesen und bei Dienstleistungsunternehmen, die von Gastarbeitern besetzt sind.“

    Unruhen in Kirgistan (Archivfoto)
    © Sputnik / Wladimir Woronin
    Unruhen in Kirgistan (Archivfoto)

    Angst in Mittelasien vor zu vielen Rückkehrern

    Als Reaktion auf den Terroranschlag in Petersburg könnten die Behörden die Bedingungen für die russische Staatsbürgerschaft für die Zuwanderer aus Mittelasien einschränken, vermutete der Experte. Es könne auch passieren, dass die Gastarbeiter vom Arbeitsmarkt verdrängt werden.

    Der Soziologe wies zugleich auf Probleme hin: Wenn viele Menschen, die in Russland arbeiten, in ihre Heimat zurückkehren, könnten dort „unvermeidlich wieder Revolutionen“ ausbrechen. Das sei für Russland nachteilig, da das politische Chaos und der kulturelle Verfalls Mittelasiens den Nährboden für islamistische Aktivitäten bilden würden. Auch die mittelasiatischen Staaten würden sozialen Krisen vermeiden wollen. „Was sie brauchen, ist, dass ihre Bürger in Russland arbeiten und in ihr Land Geld überweisen“, so Koltaschow.

    Er sprach von einem Kulturkrieg gegen den islamischen Neofundamentalismus: „Von welchen Kopftüchern in Schulen und Universitäten kann die Rede sein? Man darf keine Diskriminierung der Frauen in der islamischen Welt zulassen.“ Die patriarchalen Familientraditionen sollten bekämpft werden, auch weil Frauen und Männer inzwischen gleiche Löhne bekämen.

    „Wir leben doch nicht im Feudalismus!“

    Der Soziologe sprach sich für einen „voltairianischen Islam“ aus: „Die Wahrnehmung des humanistischen Inhalts dieser Religion soll gesteigert werden, indem man auf die friedliebenden Suren des Korans aufmerksam macht. Die Einwanderer sollen einen Kurs der russischen Sprache und der europäischen Aufklärung absolvieren, erst dann soll ihnen der Erwerb der russischen Staatsangehörigkeit ermöglicht werden. Und das ausschließlich unter der Bedingung des Verzichts auf den mittelalterlichen Islam.“

    Koltaschow betonte: „Terroranschläge richten sich gegen unseren Alltag.“ Nicht Beamte und Geschäftsleute würden in die Luft gesprengt, sondern „Durchschnittsbürger dafür, dass ihr Alltag den mittelalterlichen Vorstellungen des Islams zuwiderläuft“. Deshalb seien Gesetze notwendig, die im Islam eine Art Wandel in Richtung Protestantismus bewirken, „im Einklang mit der modernen kapitalistischen Gesellschaft“. „Wir leben doch nicht beim Feudalismus!“, stellte der Experte klar.

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