19:43 24 September 2017
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    „Warnschuss oder Weltkrieg?“ – Willy Wimmer warnt nach US-Angriff vor großem Elend

    © REUTERS/ Fabian Bimmer
    Politik
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    „Die USA streben seit 1990 die Weltherrschaft an.“ Daran erinnert Willy Wimmer, ehemaliger Staatssekretär im Bundesverteidigungsministerium und ehemaliger Vorsitzender der parlamentarischen Versammlung der OSZE. Deshalb überrascht ihn der US-Angriff auf Syrien nicht. Im Sputnik-Interview setzt er auf die besonnenen russischen Reaktionen.

    Herr Wimmer, die USA greifen das syrische Militär an, das wiederum zusammen mit Russland den Islamischen Staat (IS) im Land bekämpft. Stehen wir kurz vor einer internationalen Eskalation?

    Ja, vor dem Hintergrund des einseitigen und durch nichts gerechtfertigten Vorgehens seitens der USA muss man dieser Auffassung sein. Länder wie die USA, Großbritannien und Frankeich, die vor sechs Jahren den Krieg in Syrien losgetreten haben, halten sich an nichts. Sie halten sich noch nicht einmal an die Charta der UN. Sie führen wieder Krieg in der bekannten Weise. In Konflikten, die sie selber hergestellt haben. Das wissen wir spätestens seit dem Krieg in Jugoslawien. Wann, wenn nicht jetzt, gäbe es die Notwendigkeit eines Treffens zwischen Präsident Putin und dem US-Präsidenten Trump. Denn die Stimmung ist hierzulande ja eskaliert. Die Menschen sind ähnlich gedrückt, stumm, schweigsam und besorgt, wie ausländische Beobachter das auch vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs aus Deutschland beschrieben haben. Es geht den Menschen auf dem ganzen Globus so, weil dieses rambomäßige Vorgehen des US-Präsidenten die Welt wieder einmal leider vor vollendete Tatsachen stellt …

    Die Bundesregierung hat sich jedenfalls – wenig überraschend – an die Seite Trumps gestellt und den Angriff auf das syrische Militär begrüßt. Glauben Sie, der Kanzlerin blieb gar nichts anderes übrig? Oder steht sie tatsächlich hinter dieser US-Intervention?

    Man muss natürlich sehen, dass die Bundesregierung selber in Erklärungsschwierigkeiten steckt, was die ebenfalls völkerrechtlich nicht gerechtfertigte deutsche Beteiligung auf syrischem Staatsgebiet angeht – siehe Tornados der Bundeswehr, die Daten über eine später zerstörte Schule gesammelt hatten. Aus meiner Sicht ist die Bundesregierung aktuell froh, dass man mit dem Finger der Schuld auf die USA zeigen kann und ein wenig selbst aus der Diskussion rauskommt. Andererseits ist es schon komisch, dass man sich jetzt auf die Seiten des US-Präsidenten stellt, den man noch Stunden zuvor heftig für seine Politik kritisiert hat.

    Sie sagen also ganz klar: Dieser US-Angriff war nicht legitim. Gibt es aus Ihrer Sicht angemessene internationale Reaktionen?

    Die Chinesen haben sehr deutlich gesagt: Es kann überhaupt nicht hingenommen werden, dass ein Staat, vor allem kein NATO-Staat, seine chemischen Waffen alltagstauglich macht. Der Einsatz chemischer Waffen ist die Büchse der Pandora. Es gibt eine rote Linie, das haben die Chinesen zum Ausdruck gebracht. Zudem werden viele Dinge einfach selbst hergestellt. Wir haben hier ja auch das Aufheulen der westlichen Presse in Bezug auf den vermeintlichen Giftgasangriff bei Idlib gesehen. Doch Vieles wird inszeniert. Wir werden ja seit Jahrzehnten in Konflikte hineingetrieben. Wir sind so hinlänglich durch die westlichen Medien betrogen worden, dass heute niemand mehr einen Pfifferling darauf gibt, was ARD, ZDF, CNN, BBC und andere dazu sagen. Man kann davon ausgehen: Diese Medien stellen sich der Lüge zur Verfügung.

    Russland vertritt die Auffassung, syrische Terroristengruppen seien für das Giftgas verantwortlich. Die Fronten zwischen Russland und dem Westen verhärten sich also weiter. Was bedeutet das für den Friedensprozess in Syrien?

    Natürlich nichts Gutes. Allerdings bietet gerade die aktuelle dramatische Situation die Möglichkeit, dass sich die russischen und US-amerikanischen Staatsoberhäupter baldmöglichst treffen. Denn die Sorgen der Menschen vor einem globalen Krieg, vor einem Dritten Weltkrieg sind berechtigt. Viele Beobachter machen darauf aufmerksam, dass unsere heutige verhängnisvolle Situation sehr an die Kuba-Krise erinnert. Das macht doch deutlich, wo wir eigentlich stehen. Man muss dem ein Ende setzen! Jetzt ist eine gute Möglichkeit gegeben, an die Vernunft zu appellieren.

    Muss man nach der spontanen Intervention der USA in Syrien eigentlich davon ausgehen, das US-Präsident Trump diese Linie auch in anderen Konflikten fahren wird und uns US-militärische Alleingänge auch noch weiter erwarten könnten?

    Wir wissen ja, dass die USA seit dem Ende des Kalten Krieges eine neue konsequente Linie fährt: Sie streben die Weltherrschaft an. Sie sagen das ja auch offen. Sie müssen sich mal die Direktiven US-amerikanischer Präsidenten ansehen, die diesen Leuten erlaubt, Kriege zu führen. Das ist dasselbe Muster, das wir 1939 gesehen haben. Das macht doch deutlich, in welcher ernsthaften Auseinandersetzung wir sind. Man kann nur voller Respekt nach Moskau blicken, wo ein besonnener Präsident sitzt und nicht so ein unberechenbarer Präsident wie Trump. Wir müssen bedenken, dass viele Länder sich provoziert fühlen können durch das Vorgehen der USA. Das ist doch die Wirklichkeit.

    Abschließend, Herr Wimmer: Nun haben Sie schon seit langem einen kritischen Blick auf das politische Weltgeschehen. Kann man die jetzige Situation mit den Anfängen des Irakkriegs 2003 seinerzeit vergleichen?

    Ich bin da näher an 1939 als am verlogenen Irak-Krieg 2003. Es wird ja seit 1990 rumgelogen, das es nur so kracht. Kein Unterschied, ob es gegen den Irak oder gegen Jugoslawien geht. Das ist ja ein Muster, dass wir seit dem Hafen von Havanna im Jahr 1898 und der Explosion der „USS Maine“ bei der US-amerikanischen Außenpolitik sehen. Das sind die selbstfabrizierten „False Flag“-Vorgänge, die dazu berechtigen, über andere herzufallen. Also: Entweder wir stoppen das oder wir landen im Elend! Das ist die notwendige Konsequenz.

    Interview: Marcel Joppa

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    Tags:
    Raketenangriff, UN, Willy Wimmer, USA, Syrien
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