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02:18 22 September 2019
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    Das Leben syrischer Flüchtlinge in der Türkei

    Reportage Teil 1: Wie steht‘s mit dem Flüchtlingsdeal? – Blick in die Türkei

    © Sputnik / Walerij Melnikow
    Politik
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    Nach dem Flüchtlingsdeal zwischen EU und Ankara können Flüchtlinge aus dem kriegsgeplagten Syrien nicht nach Europa weiter. Sie bleiben in der Türkei und versuchen, dort ein neues Leben anzufangen. Sputnik war vor Ort und hat mit den Migranten gesprochen: Wie leben sie in einem Land, das für das Elend in ihrer Heimat mitverantwortlich ist?

    Die türkische Provinz Izmir ist von den griechischen Inseln nur einen Steinwurf entfernt. Eben deshalb wurde die Region für Flüchtlinge aus Syrien zu einem Tor nach Europa. Dieses Tor ist seit dem scharf kritisierten Flüchtlingsabkommen zwischen Brüssel und Ankara dicht. An dem Krieg und dem Elend in Syrien ändert die Vereinbarung aber wenig: Die Menschen wissen nicht wohin und sind gezwungen, dort ein neues Leben anzufangen, wo es gerade geht. Über 100.000 Syrer leben nach Behördenangaben inzwischen in Izmir.

    Die Gegend um die Hatuniye-Moschee ist so ein typisches Flüchtlingsviertel in der türkischen Millionenstadt: Läden, Friseursalons, Internetcafés – überall prangen Schilder in Arabisch.

    Hier öffnet das Haus der Solidarität seine Pforten für Neuankömmlinge. Geführt wird die Einrichtung von Yalcin Yanik. „Als die ersten Syrer vor fünf Jahren hier ankamen und anfingen zu arbeiten, waren die Einheimischen sehr besorgt. Die meisten von ihnen arbeiten in der Schuh- und Textilindustrie. Die Arbeitsbedingungen und die Bezahlung sind ohnehin schlecht. Und jetzt mussten sie auch noch um die Arbeitsplätze fürchten, wegen der Konkurrenz der Flüchtlinge“, sagt er. „Also haben wir beschlossen, das Haus der Solidarität zu gründen, um die Situation zu entspannen.“

    Leben von der Hand in den Mund

    „Erst musste natürlich ein Gebäude her. Dann haben sich hilfsbereite Menschen gefunden, jeder hat beigesteuert, was er konnte. So funktioniert das ganze bis heute“, sagt Yanik. Bis zu 100 Flüchtlingsfamilien kämen täglich ins Haus der Solidarität. Hier würden sie mit dem nötigsten versorgt. Am Wochenende gebe es sogar Unterricht für die Kinder.

    Leiter des Hauses der Solidarität Yalçın Yanık
    © Sputnik / Waleriy Melnikow
    Leiter des Hauses der Solidarität Yalçın Yanık

    Hier kommen wir mit einigen Syrern ins Gespräch.

    „Das Leben hier ist hart“, sagt der 52-jährige Ahmed aus Aleppo. „Aber nach Europa will ich nicht, schon gar nicht illegal mit einem Boot. Das kann mich das Leben kosten. Ist der Krieg einmal vorbei, will ich nach Aleppo zurück.“

    Mit diesem Wunsch ist er nicht allein: „Natürlich will ich zurück in meine Heimat nach Syrien“, sagt der 23-jährige Muhammed aus Deir ez-Zor. Seit vier Jahren lebt er schon in Izmir. Doch die Zukunft dort sei wegen des Krieges ungewiss. „Noch leben wir hier, aber es ist sehr hart. Wenn man die Grenze öffnet, will ich nach Europa gehen.“

    Der syrische Flüchtling Ahmed
    © Sputnik / Walerij Melnikow
    Der syrische Flüchtling Ahmed

    Als eine Bombe neben ihrem Haus im syrischen Hasaka eingeschlagen war, beschloss Avsin Mustafa, mit ihren fünf Kindern zu fliehen. Das war 2012. Heute arbeitet sie in einer Textilfabrik – für den Hungerlohn von umgerechnet 82 US-Dollar. Ihr Mann blieb in Syrien, für ihre gemeinsamen fünf Kinder muss sie alleine sorgen. Ob sie nach Syrien zurückwolle? „Selbst wenn es dort wieder Frieden gibt, will ich nicht zurück. Dort ist jetzt alles anders. Die Nachbarn, meine Freunde sind alle weg. Heute habe ich keinen Grund mehr, zurückzugehen“, so die 35-Jährige.

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    Das Leben syrischer Flüchtlinge in der Türkei

    Wir gehen weiter, in eines der ältesten Viertel von Izmir: Kadifekale. Auch hier leben sehr viele syrische Flüchtlinge. Die meisten Häuser drohen einzustürzen und sollten eigentlich abgerissen werden. Aber jetzt hausen darin die Migranten.

    „Die Regierung verkündet stolz, dass die Türkei drei Millionen Syrer als Gäste aufgenommen hat. Aber schauen Sie sich doch an, unter welchen Bedingungen sie leben. Das kann man doch nicht Gastfreundschaft nennen. Diese Menschen tun einem nur leid“, sagt ein Einwohner des Viertels.

     

    Zum zweiten Teil der Sputnik-Reportage

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    Tags:
    Flüchtlinge, Reportage, Flüchtlingsdeal, Türkei, Syrien