03:03 11 Dezember 2017
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    Europa wird gezwungen sein, Russland zu folgen, wenn… – Libyen-Experte klärt auf

    © AFP 2017/ Fabio Bucciarelli
    Politik
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    Ein Krieg zwischen dem westlichen und dem östlichen Teil Libyens zählt zu den dort wahrscheinlichsten Szenarios. Diese Prognose liefert der französische Afrika-Experte Bernard Lugan in einem Interview mit der russischen Tageszeitung „Iswestija“. Er erläutert, warum Russlands Haltung in diesem Zusammenhang wichtig ist.

    „Derzeit existiert Libyen nicht als einheitlicher Staat“, so Lugan. „Das Land ist in zwei große Zonen geteilt. Die Kyrenaika im Osten wird von weltlichen Kräften kontrolliert. Dort versucht General Khalifa Haftar, eine Art zentralisierter Staat zustande zu bringen. Er hat das noch nicht erreicht, doch der Vorgang läuft. Im westlich gelegenen Tripolitanien herrscht völlige Anarchie. Dort gibt es mehrere Akteure – die Islamisten aus Misrata, die Einheitsregierung (ohne jegliche Macht), die bewaffneten Gruppen von Sintan und die Berber. Tripolitanien hat keine Chancen, ein weltlicher Staat zu werden, der ein normaler Nachbar für die Kyreniaka wäre“, so Lugan.

    Eines der wahrscheinlichsten Szenarien für Libyen sei ein Krieg zwischen dem westlichen und dem östlichen Teil des Landes: „Wenn die Kräfte in Tripolitanien keine Fusion erleben und ein weltlicher Staat weiter ausbleibt, könnte General Haftar die Entscheidung treffen, dort Ordnung zu schaffen und die Einheit des Landes gewaltsam wiederherzustellen. Doch im Moment ist er nicht in der Lage, dies zu tun.“

    „Gegen Libyen ist ein internationales Embargo verhängt – das Land darf keine Waffen im Ausland kaufen. Haftar hat nicht genug schwere Waffen. Falls er sie aber von seinen Verbündeten bekommt, könnte er einen Konflikt wagen. Dabei hätte er keine schlechten Siegeschancen. Denn die bewaffneten Gruppen in Tripolis verfügen über keine ernstzunehmenden Kräfte“, erläuterte Lugan.

    Er sagte weiter: „Falls Haftar militärische Hilfe von Ägypten oder etwa von Russland bekommt, wird er siegen. Doch im Moment hat er keine solche Möglichkeit. Seine Armee ist nur auf Zug-/Kompanie-Ebene in gebührender Weise ausgerüstet. Sie ist nicht einmal auf Ebene eines Infanterieregiments zu Einsätzen bereit. Zwar hat er Soldaten, Handfeuerwaffen und sogar eine gewisse Zahl von Panzern. Doch er hat keine Luftwaffe und seine Kräfte sind nicht bereit, mehr oder weniger groß angelegte Einsätze zu absolvieren. Selbst bei Einsätzen in seinem Bengasi muss er auf die Hilfe ausländischer Spezialkräfte zurückgreifen. Wie kann er vor diesem Hintergrund Tripolis stürmen?“

    In Bezug auf die Rolle europäischer und anderer Staaten in Sachen Libyen sagte der Experte: „Haftar helfen die Vereinigten Arabischen Emirate, Ägypten und der Tschad. Tunesien spielt keine Rolle, denn seine Armee ist klein. Algerien hält seine Neutralität ein, mischt sich nicht ein und hat die Grenze abgeriegelt. Von europäischen Mächten unterstützen Frankreich und Russland den General.“

    Lugan hält drei Szenarien für möglich: „Das erste davon beinhaltet einen Krieg zwischen Haftar und ganz Tripolitanien, das zweite einen Krieg zwischen Haftar und Misrata, das dritte eine Eroberung von Tripolis durch Haftar bei einer Neutralität Misratas. Alles wird vom Vorgehen der internationalen Gemeinschaft abhängen. Falls Russland sagt, dass die Anarchie in Libyen nicht mehr geduldet werden darf, und damit anfängt, Haftar zu helfen, wird Europa gezwungen sein, dem russischen Beispiel zu folgen.“

    „Russland will keine neuen Differenzen mit dem Westen. Doch es ist für alle in Europa offensichtlich, dass Russland Haftar unterstützt. Dieser besuchte den russischen Flugzeugträger und weilte zweimal in Moskau. Alle haben alles verstanden“, sagte Lugan.

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    Tags:
    Konfliktlösung, Militärhilfe, Kooperation, Waffenhandel, Embargo, EU, Europa, Ägypten, Libyen, Russland