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    als sowjetischer Offizier gekleideter Schauspiler steht vor dem Checkpoint Charlie Memorial in Berlin

    Warum der Westen eine Alternative zu „rundum angenehmen Hybriden“ braucht

    © AP Photo / Miguel Villagran
    Politik
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    Nach dem Kalten Krieg ist es im Westen zu einer politischen Unifizierung gekommen, doch nun sind andere Politiker gefragt, denn bald beginnt offenbar eine Epoche von Gegensätzen. Zu diesem Schluss gelangt der russische Auslandsexperte Fjodor Lukjanow.

    Lukjanow schreibt in einem Kommentar für die Onlinezeitung gazeta.ru, das Ende des Kalten Krieges habe die Illusion erzeugt, dass der ideologische Konflikt gelöst sei – nicht nur im Sinne der Rivalität der Supermächte, sondern auch in Bezug auf die eigentlichen Ansätze. Die Palette von Rezepten und Methoden, um wirtschaftliche und politische Probleme zu lösen, sei alternativlos geworden.

    „Im Westen – besonders in Europa – führte dies zu einer politischen Unifizierung. Dass Parteien an der Macht (Konservative, Liberale, Sozialisten und so weiter) einander ablösten, hatte keine Kursänderungen zur Folge. Nuancen konnten variieren – aber nur in einem festgelegten ‚richtigen‘ Rahmen“, so Lukjanow.

    Das Establishment habe sich konsolidiert: „Bis zu Beginn der 2010er Jahre bildete sich eine Art ‚Zweiparteiensystem‘ heraus – die Mainstream-Partei, die eine ‚verantwortungsvolle Politik‘ betrieb, und die Protest-Partei, die als Populisten bezeichnet wurde. Der Kampf dieser beiden Pole erreichte 2016 seinen Höhepunkt. Die ‚Protestler‘ ergriffen zwar nicht die Macht (Theresa May ist ja keine Straßen-Rebellin und Donald Trump kein Anführer eines Volksaufstands), verursachten aber Wandlungen in der Politik der beiden führenden Länder im Westen.“

    Zwar werde sich das angelsächsische Modell politischer Wandlungen kaum auf die anderen Länder ausbreiten – das Beispiel Großbritannien und Amerika werde Kontinentaleuropa eher erschrecken als die dortigen „Populisten“ beflügeln: „Doch der Mainstream wird mit einer nahezu existenziellen Bedrohung konfrontiert und muss auf die sich verändernden Stimmungen dringend reagieren.“

    Die geschichtlichen Erfahrungen aus dem 20. Jahrhundert zeigen laut Lukjanow, dass die angehäuften Widersprüche entweder auf einen Frontalzusammenstoß hinauslaufen oder auf einen Ausbau des Rahmens der evolutionären Politik – wie einst nach den Unruhen Ende der 1960er Jahre. Damals sei das Protest-Element (oder zumindest ein wesentlicher Teil davon) durch die regierende Klasse absorbiert worden: „Damit dies nun wieder geschieht, wäre allerdings eine neue ideologische Klarheit nötig, also ein Verzicht auf jenen unifizierten Rahmen, in dem die Politik seit den 1990er Jahren betrieben worden war.“ 

    „Die Gesellschaften sind müde von der Aufeinanderfolge politisch korrekter Staatsmänner, die miteinander um Kleinigkeiten streiten, aber nie etwas ändern“, heißt es in dem Kommentar weiter.

    „Zweifelsohne wird die Zeit einer neuen politischen Mitte und einer Balance kommen – aber erst nach einer Ideen-Abgrenzung. Diese, wie wir aus dem vergangenen Jahrhundert wissen, bringt allerdings viele Überraschungen mit sich. Wir stehen also vor einer neuen Epoche von Gegensätzen. Sie erfordert starke und entscheidungsfähige Spitzenpolitiker – im Gegensatz zu jenen rundum angenehmen Hybriden, die in ruhigeren Zeiten gut sind“, schreibt Lukjanow zum Schluss.

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    Experte, Kalter Krieg, EU, Fjodor Lukjanow, USA, Europa, Westen