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02:30 21 Juli 2019
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    Erdogan-Anhängerin in Ankara nach dem Referendum

    Deutsch-Türken für Erdogan – Türkeiexpertin erläutert die Ursachen

    © REUTERS / Stringer
    Politik
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    Als kaum überraschend bewertet die Politikwissenschaftlerin und Türkeiexpertin von der Freien Universität Berlin, Dr. Gülistan Gürbey, den Fakt, dass die in der Bundesrepublik lebenden türkischen Wahlberechtigten bei dem Referendum am 16. April mit 63,1 Prozent für die Verfassungsreform von Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan gestimmt haben.

    Erdogan und die Partei AKP würden bei Ihrer Anhängerschaft eine große Beliebtheit genießen. „Auch bei den Parlamentswahlen hat die Anhängerschaft von Erdoğan in Deutschland für die AKP gestimmt“, so die Expertin im Gespräch mit Sputnik. „Warum sollte sich das jetzt bei dem Referendum ändern? Das Referendum stand faktisch für die Person Erdogan und für die AKP. Es ging gar nicht um die Inhalte. Diese wurden ja gar nicht diskutiert.“

    Einen anderen Grund für das Wahlergebnis sieht die Sozialwissenschaftlerin im wachsenden Nationalismus, der von vielen Teilen der türkischen Gesellschaft und in unterschiedlichen politischen Lagern geteilt werde: „Der Nationalismus ist sowohl bei den AKP-Anhängern, als auch bei den Kemalisten verankert. Das hängt damit zusammen, dass die Gesellschaft in der Türkei sehr stark mit diesem Wert des türkischen Nationalismus sozialisiert worden ist.“

    Globaler Neo-Nationalismus und apolitische Deutsch-Türken

    Gürbey verwies darauf, dass weltweit eine „Globalisierung des Neo-Nationalismus“ zu beobachten sei. Diese Tendenz werde durch die Migrationsbewegung begünstigt, ist sich die Expertin sicher. „Jedoch sollte man auch zur Kenntnis nehmen, dass ein nicht zu unterschätzender Anteil der Deutsch-Türken gegen all diese Entwicklungen sind.“

    Die Wahlbeteiligung der wahlberechtigten Türken in Deutschland lag bei 48,73 Prozent, wie die Wahlkommission in Ankara mitteilte. Sie lag damit zwar höher als bei den letzten türkischen Parlamentswahlen, erreichte aber dennoch nicht einmal die Hälfte. Über Gründe der niedrigen Beteiligung spekulierte die Politikwissenschaftlerin: „Es gibt zum einen bestimmt eine Schicht, die apolitisch ist. Aber auch Menschen, die sagen: ‚Warum sollen wir da überhaupt mitwählen, wo wir doch in Deutschland leben?‘“

    Eine knappe Mehrheit stimmte am 16. April beim Referendum zur Einführung eines Präsidialsystems in der Türkei mit Ja. Nach dem vorläufigen Ergebnis der Wahlkommission entfielen laut der Nachrichtenagentur dpa insgesamt 51,3 Prozent der Stimmen auf „Ja“, 48,7 Prozent votierten demnach mit „Nein“. In Istanbul, Ankara und Izmir — den drei größten Städten des Landes — überwogen die «Nein»-Stimmen. Die türkische Opposition, die eine Ein-Mann-Herrschaft Erdogans befürchtet, kritisierte Unregelmäßigkeiten bei der Abstimmung und kündigte Einspruch an.

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    Tags:
    Referendum, Recep Tayyip Erdogan, Deutschland, Türkei