17:30 21 April 2018
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    US-Armee übt in Bayern – Russischsprachige als „Komparsen“

    © AP Photo / Mindaugas Kulbis
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    Tieffliegende Helikopter, Drohnen, laute Artillerieschüsse. Erneut finden „Kriegsspiele“, also simulierte Übungen der US-Armee in Bayern statt. Die Liste der Kritikpunkte von Gemeinden und Bürgerinitiativen ist lang. Im Vorfeld suchte das US-Militär über Stellenanzeigen nach russisch sprechenden Statisten. Sputnik ging der Sache auf den Grund.

    Zum wiederholten Male ziehen Kriegsstatisten am heutigen Freitag (28. April) auf den Truppenübungsplatz in Hohenfels in der bayerischen Oberpfalz. Die Statisten sollen Soldaten der US-amerikanischen Streitkräfte bei realistischen Kriegsszenarien begleiten. Sie spielen Leute aus der „Zivilbevölkerung in Kriegsgebieten“. Die aktuelle Militärübung wird bis zum 15. Mai in Hohenfels laufen und läuft unter dem Kommando der Joint Multinational Readiness Center (JMRC). Im Vorfeld hatte das US-Militär über Vertragspartner und Personalvermittlungsfirmen vor allem russischsprachige Komparsen gesucht. Zum Beispiel über den Münchener Sicherheitsdienstleister „Optronics”. Sputnik nahm Kontakt mit dem Unternehmen auf, nachdem Nachrichten bereits Mitte April darüber berichtet hatten.  Die Firma stand für eine Stellungnahme gegenüber Sputnik jedoch nicht zur Verfügung.

    Der Platz in Hohenfels ist mit einer Fläche von 160 km² einer der größten Truppenübungsplätze deutschlandweit. Auf dem Übungsgelände gibt es mehrere künstliche Dörfer, die jeweils aus zehn bis 30 Häusern bestehen. 60.000 US- und Nato-Soldaten bereiten sich am Standort Hohenfels jährlich für den Einsatz in Krisengebieten vor. Die US-Armee trainiert dort bereits seit 1952. Wie viele Komparsen an den aktuellen Kriegsszenarien teilnehmen, wollte die US-Army auf Anfrage nicht mitteilen. Die Pressestelle der US-Armee in Hohenfels stand für eine Sputnik-Berichterstattung nicht zur Verfügung.

    US-Soldaten posten Panzer auf Instagram

    Wer in die Sozialen Medien schaut, der findet offizielle Profile und Accounts der US-Basis Hohenfels und vom JMRC – aber keine aktuellen Posts und Beiträge zu den momentanen „Kriegsspielen“. Die wiederum gibt es vereinzelt auf Profilen von in Hohenfels stationierten US-Soldaten. So veröffentlichte einen Tag vor Beginn der Übungen das Instagram-Profil „thefayettevillain“ ein Video, auf dem militärische Helikopter zu sehen sind, die über Dächer einer Ortschaft fliegen.

    Work.

    Публикация от Charlie Brown. (@thefayettevillain) Апр 27 2017 в 8:03 PDT

     

    Nicht vor einem Helikopter, sondern vor einem Panzer auf dem Gelände in Hohenfels steht Instagram-User „drew_thebarber“. Das Bild hatt er am 26. April gepostet.

     

    Prost! US-Soldat Davarus Lawson zeigt vor dem Start der Militärübung auf Instagram, wie er ein Bier aus Bayreuth genießt.

    Enjoying myself

    Публикация от Davarus Lawson (@kalvin_c00l) Апр 16 2017 в 4:24 PDT

     

    Schüsse und Straßensperrungen

    „Wir sind seit Jahrzehnten einiges gewohnt, was die US-Basis Hohenfels angeht“, sagte der zuständige Kommunalpolitiker Peter Braun auf Sputnik-Nachfrage. Er ist Erster Bürgermeister von Schmidmühlen, das 21 Kilometer von Hohenfels entfernt liegt. „Bei der Kritik geht es um Lärm, um Helikopter und um Schüsse durch Schießübungen.“ Straßensperrungen oder weitere Beeinträchtigungen für Autofahrer in der Region durch das US-Militär seien früher schon oft ein Problem für die Bürger seiner Gemeinde gewesen.

    „Bei freilaufenden Übungen gab es in der Vergangenheit schon oft solche Sperrungen in unserer Gegend“, so Braun. Auch könne es immer wieder bei solchen Übungen zu „Berührungen zwischen US-Soldaten und Bürgern“ kommen. Kontakt mit einem Kriegsstatisten habe Braun bisher noch nicht gehabt. „Im besten Fall werden wir von der US-Armee informiert, dass entsprechende Übungen mit Statisten stattfinden. Mehr Details erhalten wir aber nicht.“

    Nato-Übungen in Lettland
    © REUTERS / Ints Kalnins
    In der Oberpfalz haben sich in den letzten Jahren einige Bürgerinitiativen gebildet, die das Treiben der US-Armee in der Region öffentlich kritisieren. Heidi Kaschner ist Politikerin der Linken und Bürgeraktivistin aus Fensterbach, einem Ort, der 45 Kilometer nördlich von Hohenfels liegt. Sie organisiert schon lange den Protest gegen die US-Basis in Hohenfels und äußerte sich gegenüber Sputnik. „Ein Großteil unserer Bevölkerung hält nichts von den Kriegsspielen vor ihren Haustüren“, sagte Kaschner, die auch Vorsitzende des Kreisverbandes der Linken in der Mittleren Oberpfalz ist. „Wir haben im Landkreis Amberg-Sulzbach neben Hohenfels noch einen zweiten Truppenübungsplatz der US-Armee in Grafenwöhr. Wir beklagen bei beiden Basen Lärm. Wir beklagen Feinstaub-Belastung durch Militärfahrzeuge. Es finden Truppenbewegungen und Schießübungen statt. Aktuell in Grafenwöhr schießen sie mit Artillerie, das hören die umgebenden Ortschaften noch im Umkreis von 40 Kilometer.“

    Die Amerikaner bewegen sich im Luftraum mit ihren Drohnen und Helikoptern zudem knapp über Ortschaften und Gleisanlagen der Bahn. „Kampfjets und Hubschrauber fliegen im Konvoi über unsere Köpfe. Jeden Abend“, sagte die Aktivistin, die sich auch stark gegen US-Drohnen in ihrer Heimat einsetzt. 

    Kein Protest möglich

    Proteste gegen die aktuell laufende Militärübung in Hohenfels sind laut Kaschner nicht möglich: „Das ist großräumiges Gebiet der Army. Da sind keine Proteste möglich, weil die Militärpolizei Sie vorher abfängt. Sie müssen damit rechnen, verhaftet zu werden“. Die teilnehmenden Kriegsstatisten kommentierte Kaschner folgend: „Es gibt Leute, die keine Bedenken haben, als Statisten mitzuwirken. Den Komparsen wird Geld versprochen. Es heißt zum Teil von der US-Armee, das wären nur Übungen, diese dienten nicht zur Kriegsvorbereitung. Doch das wird nur gesagt, damit die Bevölkerung vermeintlich beruhigt weiter schlafen kann.“

    Eine sicherheitspolitische Einschätzung gab im Sputnik-Interview Tobias Pflüger, stellvertretender Bundesvorsitzender der Linken und Friedensforscher. „Hohenfels und Grafenwöhr sind die wichtigsten Truppenübungsplätze der US-Armee in Deutschland“, sagte Pflüger. „Hier werden Truppen ausgebildet. Es geht darum, bald US-amerikanische, deutsche und niederländische Truppen in den baltischen Staaten langfristig zu stationieren“, machte der Politikwissenschaftler deutlich. Die russisch sprechenden Statisten analysierte der Experte ebenso. „Früher suchte die US-Armee noch verstärkt afghanisch aussehende Menschen. Heute eher russisch, tschechisch oder polnisch sprechende Komparsen. Der Hintergrund dürfte klar sein: Tschechien und Polen sind zwei Nato-Staaten in Osteuropa und Russland ist der offiziell neu deklarierte Feind. Offensichtlich werden ganz konkrete Kriegsszenarien durchgeübt“, so Pflüger. Die Komparsen seien letztlich „billige Arbeitskräfte“ für die Armee der USA.

    Alexander Boos

    Interviews zum Nachhören:

    Bürgermeister Braun

    Linke-Aktivistin Kaschner

    Tobias Pflüger, LINKE Partei-Bundesvize, Friedensforscher

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    Tags:
    Bürgermeister, Aktivisten, russischspachige Minderheiten, Kritik, Übungen, Die LINKE-Partei, US-Armee, NATO, Russland, USA, Bayern, Deutschland
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