16:00 25 Juni 2019
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    Präsidentenwahl in Frankreich: Le Pen oder Macron?

    Macron vs. Le Pen – Expertencheck: „Gute Perspektive“ vs. „Katastrophe“

    © REUTERS / Gonzalo Fuentes
    Politik
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    Präsidentschaftswahlkampf in Frankreich 2017 (131)
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    Der Frankreichexperte Prof. Dr. Etienne François von der FU Berlin nimmt im Sputnik-Interview die Kandidaten bei der Frankreich-Wahl unter die Lupe – und was dieser oder jener Wahlausgang für Deutschland bedeuten wird.

    In den Umfragen liegt Emmanuel Macron mit knapp 60 Prozent vorne. „Sollte Macron gewinnen, wäre das eine Erleichterung und eine gute Perspektive für Deutschland und ganz Europa“, findet der Experte. Er sei der einzige Kandidat, der sich für eine konstruktive Zusammenarbeit und für eine Renovierung der Partnerschaft zwischen Frankreich und Deutschland ausgesprochen hat.  Hingegen versuche Marine Le Pen gerade ihr Programm zu mildern, aber sie plädiere immer noch für einen Rückzug Frankreichs aus der EU.

    Macron könnte unangenehm für Berlin werden

    Für Berlin könnte und sollte Macron unangenehm werden, findet der Politikwissenschaftler: „Macron ist nicht unterwürfig und er wird ein großes Land innerhalb der europäischen Gemeinschaft vertreten. Es wird nötig sein, wenn man die Partnerschaft zwischen Frankreich und Deutschland reaktivieren will, dass Deutschland die Wünsche Frankreichs ernst nimmt.“

    Wegen der Machtlosigkeit der Regierung von Francois Hollande und der Unfähigkeit Frankreichs, das europäische Spiel mit zu gestalten, hätte man von Frankreich Abstand genommen. „Sollte Macron gewinnen, muss Deutschland einen Schritt in seine Richtung gehen, denn er ist der einzige Verbündete für die Bundesrepublik. Deutschland sollte die Forderung mancher EU-Länder von mehr Investition in die Zukunft ernst nehmen“, rät der Frankreich-Experte.

    Im TV-Duell am dritten Mai wurde Macron von seiner Kontrahentin als „Handlanger der Eliten“ und „kaltherziger Banker“ beschimpft.

    Und da hat die national-konservative Politikerin gar nicht so Unrecht: Ausgebildet an der französischen Eliteakademie École Nationale d'Administration (ENA) arbeitete er vier Jahre lang im Dienst der Investmentbank Rothschild. 2014 hätte er laut Spiegel online an der Bilderberg-Konferenz teilgenommen. Dies hätte ihm im Wahlkampf nur geschadet, so der Experte. Das hätte mehrere Gründe: In Frankreich gebe es viele enttäuschte Menschen, die durch die „Unfähigkeit der früheren Regierung“, die hohe Arbeitslosigkeit zu reduzieren, wütend geworden seien. Es gebe in Frankreich sehr viel Misstrauen gegen die Eliten. Für diese Menschen vertritt Macron die klassischen Eliten und das Gutbürgertum.

    Marine Le Pen: Eine Katastrophe?

    Die Präsidentschaftskandidatin würde „überhaupt nichts“ über die Finanzierung ihres Wahlprogramms sagen und zu einer idealisierten Vergangenheit von Charles de Gaulle zurückehren wollen, „die durchaus viel Vorteile hatte, aber vorbei sei“, bemängelt der Frankreichexperte. So ist er sich sicher: Falls Marine Le Pen die Wahl für sich entscheidet, wäre das eine „Katastrophe“, glaubt der Politologe: „Nicht nur weil sie kein richtiges Programm hat, sondern weil die Ansätze ihres Programms so unrealistisch sind, dass sie sofort zu einer Krise führen würden. Und sogar, wenn sie die Wahl gewinnen würde, hätte sie keine Mehrheit im Parlament und wäre nicht in der Lage, ihr Programm umzusetzen.“

    „Frankreich wird von einer Frau regiert werden“

    „Wenn man Präsident sein will, dann muss man der Präsident von ganz Frankreich sein“, meint der Experte in diesem Zusammenhang. Das hänge auch mit der Struktur des politischen Systems der fünften Republik zusammen: Die politische Struktur sei in Frankreich zwischen links und rechts polarisiert. Prof. Dr. Etienne François glaubt der Politikerin, wenn sie sagt, dass sie sich nicht außerhalb von Links oder Rechts befinde, dass sie nicht mehr Vertreterin einer einzigen Partei sein und dass sie ganz Frankreich vertreten wolle. 

    Als einen seltenen Witz wertet der Politologe tendenziell die Aussage Le Pens bei dem Fernsehduell: „Frankreich wird von einer Frau regiert – von mir oder Merkel!“. Dass Le Pen damit den Sieg der Kanzlerin bei den Bundestagswahlen im September eingesteht, verneint der Experte.

     

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