11:55 02 Dezember 2020
SNA Radio
    Politik
    Zum Kurzlink
    1310
    Abonnieren

    Im Bundestag kam es am 29. Mai zu einem Schachturnier zwischen deutschen Parlamentariern und Abgeordneten der russischen Duma. Angeführt wurde die russische Delegation vom 12. Schachweltmeister Anatoli Karpow. Auf deutscher Seite spielten Bundestagsabgeordnete der Linken, der Grünen und der CDU.

    Bei einem einmaligen Schachturnier am Montag im Bundestag, bei dem deutsche Parlamentarier der Linken, der Grünen und der CDU gegen Abgeordnete der Duma, darunter der 12. Schachweltmeister Anatoli Karpow, antraten, hat es ein überraschendes Ergebnis gegeben. 

    Die Initiative für diese Veranstaltung unter der Reichstagskuppel ging von Anatoli Karpow aus, der ähnliche Turniere bereits in den Österreichischen und Schweizer Parlamenten veranstaltet hat.

    Von deutscher Seite übernahm die Partei Die Linke die Organisation. Neben dem Fraktionsvorsitzen Dietmar Bartsch traten Diether Dehm und Katrin Werner bei dem Schachturnier für die Linkspartei an. Die CDU delegierte den Abgeordneten Eberhard Gienger. Gienger ist wie alle deutschen Parlamentarier kein Schachprofi, aber als ehemaliger Bronzemedaillengewinner im Turnen bei den Olympischen Spielen durchaus ein sportbegeisterter Politiker. Gienger hat außerdem Russisch studiert und konnte sich so mit seinem russischen Gegner auch abseits der schwarzen und weißen Figuren verständigen.

    • Deutsch-Russisches Schachturnier im Bundestag
      Deutsch-Russisches Schachturnier im Bundestag
      © Sputnik / Armin Siebert
    • Anatoli Karpow beim Deutsch-Russischen Schachturnier im Bundestag
      Anatoli Karpow beim Deutsch-Russischen Schachturnier im Bundestag
      © Sputnik / Armin Siebert
    • Deutsch-Russisches Schachturnier im Bundestag
      Deutsch-Russisches Schachturnier im Bundestag
      © Sputnik / Armin Siebert
    1 / 3
    © Sputnik / Armin Siebert
    Deutsch-Russisches Schachturnier im Bundestag

    Von den Grünen setzen sich Öczan Mutlu und Christian Ströbele ans Schachbrett. Von russischer Seite nahm neben dem jetzigen Duma-Abgeordneten Karpow der stellvertretende Staatsduma-Vorsitzende Alexander Schukow am Schachturnier teil. Auch der russische Botschafter in Deutschland, Wladimir Grinin war anwesend.

    Wie Anatoli Karpow in seiner Begrüßungsrede betonte, funktioniert Schach auch ohne Worte:

    „Beim Schach spielt es keine Rolle, ob man eine Sprache spricht. Wir haben unsere eigene universale Schachsprache. Trotzdem hoffen wir, dass wir uns dann auch am Verhandlungstisch verstehen. Und wir würden uns freuen, wenn unsere Schachinitiative zu einem Neuanfang der russisch-deutschen Beziehungen beitragen kann.“

    Wolfgang Gehrcke von der Linkspartei, der von deutscher Seite die Organisation übernommen hatte, sah in dem Turnier auch einen Schritt zur Verbesserung der deutsch-russischen Beziehungen:

    „Ich bin überzeugt, dass wir viele Wege brauchen, um die deutsch-russischen Beziehungen wieder auf einen vernünftigen Stand zu bringen. Sie, verehrter Herr Karpow, sind somit Wegbereiter auch für die deutsch-russischen Beziehungen auf einem speziellen Weg, den Sie angestoßen haben, dass man sich im Schach gegenübersitzt und danach miteinander austauscht.”

    In gelöster, aber konzentrierter Atmosphäre spielte zunächst Weltmeister Karpow gleichzeitig Blitzschach gegen alle deutschen Teilnehmer. Die meisten der deutschen Gegner stießen relativ schnell an ihre Schachgrenzen und zeigten sich anschließend beeindruckt. Diether Dehm (Linke), der als erstes ausschied, konnte sich einen Seitenhieb auf seine Kollegen nicht verkneifen:

    „Es gibt Typen, die Schach spielen, dazu rechne ich mal den russischen Präsidenten. Es gibt Typen, die mehr oder weniger gut pokern, dazu zähle ich den Herrn Trump und viele andere Vertreter des Weißen Hauses. Es gibt Leute, die Skat spielen, quasi den Mittelweg vom Niveau her. Und es gibt Leute, die können nur Halma und die sind dann in der Regel bei den Grünen beheimatet.“

    Hans-Christian Ströbele (Grüne), der länger gegen den Weltmeister durchhielt als sein Kollege von den Linken, zog einen Vergleich zur Politik:

    „Beim Schach spielt man ja mit ganz offenen Karten. Das ist das Tolle. Ich hab natürlich noch nie gegen einen Weltmeister gespielt, aber er kann eigentlich nur dieselben Züge machen, die ich auch machen kann. Und trotzdem hat er dann gewonnen.“

    Auch Wolfgang Gehrcke (Linke) sieht Analogien zwischen Schach und Politik:

    „Ich finde beim Schach den Wechsel aus Defensive und Offensive interessant. Das ist ja auch in der Politik die Kunst. Ich neige oft zur Offensive, was natürlich zu Verlusten führt. Da müssen mich meine Fraktionskollegen oft bremsen. Aber eigentlich müssen sich Offensive und Defensive in der Politik ergänzen, aber friedfertig.“

    Diether Dehm von den Linken spekulierte über die Qualitäten von Präsident Putin als Schachspieler:

    „Ich halte Putin für einen der wenigen berechenbaren Politiker auf der Welt. Nicht alles, was er macht, findet meine Billigung.  Aber er beherrscht durchaus komplizierte Stellungen am Schachbrett. Das muss man anerkennen. Ich glaube, er ist für seine Partner verlässlich und für seine Gegner berechenbar.“

    Während Anatoli Karpow bei den meisten deutschen Gegenspielern nur Sekunden verweilte, hielt er sich an einem Tisch auffällig lange auf und geriet ins Grübeln. Nach einer halben Stunde verblieb als einzige Gegnerin Katrin Werner von der Linkspartei, mit der sich der Weltmeister

    dann sogar überraschend auf ein Remis einigte. Werner konnte ihr Glück kaum fassen:

    „Ich war tierisch aufgeregt. Ich habe vom Drumherum, dass die anderen dann schon fertig waren, nichts mitbekommen. Ich habe mir auch seine Züge notiert und hoffe, Herr Karpow signiert mir das noch. Davon werde ich noch meinen Enkeln erzählen.“

    Katrin Werner hat in ihrer Kindheit und Jugend regelmäßig Schach gespielt und auch bei Bezirksmeisterschaften in der DDR gewonnen. Schach ist für sie jedoch nur ein Hobby neben ihrer Arbeit als Bundestagsabgeordnete.

    Nach dem Simultanschach des Weltmeisters im Modus „Einer gegen alle“ kam es zu Einzelpartien zwischen den deutschen und russischen Parlamentariern. Insgesamt wurden 36 Partien Blitzschach a 7 Minuten gespielt.

    Noch während die Partien liefen, schmiedete Wolfgang Gehrcke von den Linken Pläne für die Zukunft:

    „Jetzt liebäugle ich mit dem Gedanken, ob nicht die nächste Runde in Moskau gespielt wird, wenn es denn eine Einladung aus der Duma geben sollte. Dann könnte man gleich auch eine kleine Konferenz machen, um über die deutsch-russischen Beziehungen zu reden. Die Idee ist: Wer miteinander Schach spielt, schießt nicht aufeinander.“

    Das Schachturnier zwischen den Parlamentariern der Russischen Duma und des Deutschen Bundestages endete dann auch schon fast schicksalhaft allegorisch mit einem 12:12 Unentschieden. Es gab also zwischen Deutschen und Russen diesmal weder Verlierer, noch Gewinner, sondern nur ein Treffen auf Augenhöhe. Das macht Hoffnung für die Zukunft.

    Armin Siebert

    Das komplette Interview zum Nachhören:

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Sputnik kommentierenvia Facebook kommentieren

    Zum Thema:

    Deutsche glauben nicht an russische Intervention in Osteuropa - Umfrage
    Deutsch-russische Suche nach Antworten auf soziale Fragen trotz politischer Störungen
    Deutsch-russisches Jugendforum: EU braucht „konstruktivere Realpolitik“
    Deutschland gehört zu den Top-Drei der bei Russen beliebtesten Reiseziele
    Tags:
    Turnier, Schach, Die Grünen, CDU, Bundestag, Die LINKE-Partei, Anatoli Karpow, Deutschland, Russland