21:48 29 November 2020
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    Ein Europa mit einem deutsch-französischen Tandem wäre für Russland besser als ein Europa mit Deutschland als Alphatier. Dies schreibt der russische Auslandsexperte Fjodor Lukjanow in einem Gastbeitrag für die Onlinezeitung lenta.ru. Ein antiamerikanisches Europa hält er dabei für kaum möglich.

    Lukjanow bezieht sich auf den jüngsten Paris-Besuch von Wladimir Putin sowie die Äußerung von Bundeskanzlerin Angela Merkel, wonach die Europäer sich nicht mehr völlig auf die USA verlassen können und sollten.

    „Bis zum vergangenen Herbst hatten die Europäer (vor allem die Deutschen) den Eindruck, dass zumindest der transatlantische Pfeiler unverrückbar sei“, schreibt Lukjanow. „Der Wahlsieg von Trump wurde zu einer Erschütterung. Merkel gab sich viel Mühe, den neuen Chef der Weißen Hauses trotz ihrer schwer zu verbergenden persönlichen Antipathie für ihn zu ‚bändigen‘, doch das Ergebnis entspricht nicht ihren Erwartungen.“

    Europa werde sich unvermeidlich verändern: „Vorerst weiß niemand, wie ein erneuertes Europa aussehen könnte. Russland wäre daran interessiert, dass es nicht um ein Europa mit Deutschland als Hegemon an der Spitze ginge. Vorbei ist die Epoche der ‚Ostpolitik‘, in der ausgerechnet die BRD als führender europäischer Leitungsdraht der Aufmerksamkeit gegenüber Moskau funktionierte.“

    „Um seine Führungsrolle in der EU zu verwirklichen und Vorwürfe des eigennützigen Egoismus zu vermeiden, muss Berlin eine Distanz zu Russland zu demonstrieren. Aus vielen Gründen ist es für Deutschland besonders wichtig, das geeinte Europa aufrechtzuerhalten und zu festigen. Über dieses Europa setzt Berlin dann seine wirtschaftlichen und politischen Interessen um. Das ist ein viel wichtigerer Imperativ als die Beziehungen mit Russland – selbst wenn sie Vorteile versprechen“, so Lukjanow.

    Aus seiner Sicht wäre für Moskau aber ein „Zweitaktmotor“, also ein französisch-deutsches Tandem, vorteilhafter: „Frankreich braucht seinen politischen Einfluss zurück – ebenso wie seinen Status als führende europäische Macht. Dabei stellt Frankreich keine Ansprüche auf eine europäische Dominanz und braucht sich nicht vor osteuropäischen Ländern wegen seiner Kontakte zu Russland zu rechtfertigen.“

    „Einfach umschrieben wäre ein Europa, wo Deutschland seine Führungspositionen mit Frankreich teilt, weniger ‚anspruchsvoll‘ gegenüber Russland – im Vergleich zu einem Berlin-zentrischen Europa“, so die Meinung des Experten.

    Beim G7-Gipfel auf Syzilien
    © REUTERS / Pool/Stephane De Sakutin
    Ein antiamerikanisches Europa sei allerdings nicht zu erwarten: „Die Verbindungen zu den USA sitzen sehr tief im Bewusstsein der Europäer – infolge einer akribischen Arbeit, die seit Mitte des vergangenen Jahrhunderts geleistet wurde. Um dies zu zerstören oder zumindest ins Wanken zu bringen, wäre eine lange Reihe von Trumps erforderlich.“

    Es sei auch nicht zu erwarten, dass Europa wegen seiner Differenzen mit Amerika oder infolge einer Machtergreifung durch Konservative und EU-Skeptiker eine „strategische Autonomie“ erlange: „Das europäische Establishment versteht es, sich in kritischen Momenten zu mobilisieren und die seit Jahrhunderten akkumulierten politischen Erfahrungen anzuwenden, um seine Positionen zu festigen.“ 

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    Tags:
    Internationale Beziehungen, Kursänderung, Folgen, Reformen, EU, Donald Trump, Emmanuel Macron, Angela Merkel, Wladimir Putin, Deutschland, USA, Frankreich, Russland