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17:54 17 Oktober 2019
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    Proteste gegen Koalition der konservativen Partei und DUP-Partei im Parlament (Archivbild)

    Brite in Berlin: Brexit spaltet Familien wie das Land – Hoffnung auf Corbyn

    © AP Photo / Tim Ireland
    Politik
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    Die britische Gesellschaft ist gespalten. Das hat die Wahl auf der Insel am 8. Juni mit Verlusten für die zuvor siegesssicheren Konservativen und Zugewinnen für Labour gezeigt. Nun verzögert sich die Regierungsbildung durch Premierministerin Theresa May. Der in Berlin lebende Brite Alan im Sputnik-Interview über die Wahl und was folgen kann.

    Alan, nach dem überraschenden Erfolg von Labour in Großbritannien, wie beurteilen Sie die britische Unterhauswahl?

    Für mich zeigt es vor allem, wie sehr das Land in zwei Hälften geteilt ist. Eine Hälfte der Bevölkerung scheint seinen Gewinn aus dem Hass zu ziehen und die andere Hälfte möchte echte Veränderung für das Land, eine Veränderung zum Guten – also die Umsetzung von mehr sozialistischen Ideen. Es ist sehr traurig, dass das Land so geteilt ist. Deswegen denke ich, dass wir im Moment keine eindeutige Regierung bekommen können.

    Sprechen Sie viel über die Wahlen mit Freunden oder Familie in Großbritannien? Wie ist der Ton da?

    Die Familie von meiner Frau ist genauso geteilt wie das Land. Mein Schwager und meine Schwägerin – da wählt einer Konservativ und die andere Labour. Und meine beiden Nichten: Eine wählt konservativ und die andere Labour. Das ist ein typisches Beispiel, wie geteilt das Land wirklich ist.

    Sprechen Sie auch über den Brexit, den Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union (EU)?

    Ja, alle aus unserer Familie stimmten für "remain" – dafür, in der EU zu bleiben.  Ich auch. Um ehrlich zu sein, stimmte ich so allein aus dem Grund, um zu versuchen, die britischen Leute vor ihrer konservativen Regierung zu beschützen. Ich glaube, es ist eine bessere Chance, in der EU zu bleiben und so die britischen Bürger beschützen zu können, als raus aus der EU zu gehen und die Briten bekommen eine noch rechtere, konservativere Regierung. So sah es zumindest noch vor einem Jahr aus, als ob dies passieren würde.

    Aber im Vergleich dazu war die jüngste Wahl natürlich eine große Überraschung. Viele Medien beurteilen die Wahl als einen Sieg für Corbyn. Sehen Sie das auch so? Was ist sein Erfolgsgeheimnis? 

    Es ist die Tatsache, dass er raus geht und mit den Leuten spricht. Er beschäftigt sich mit den Menschen und kommt wie ein echtes menschliches Wesen rüber. Er bringt die Tatsache rüber, dass er den Menschen wirklich helfen will. Ich finde, es fühlt sich an, als wäre er für die breite Masse da, nicht für die Wenigen. Er will das Leben der Menschen verbessern und das ist eine großartige Sache.

    Es gibt Stimmen die sagen, dass fast alle britische Medien quasi gegen Labour und Corbyn berichtet haben. Wie haben Sie das erlebt?

    Um ehrlich zu sein: Wenn sechs Medien-Barone die britische Presse kontrollieren und dieses alle rechte Fanatiker sind, dann kommt das am Ende raus. Man bekommt dann natürlich eine sehr voreingenommene Presse. Zum Glück haben wir mittlerweile soziale Medien, wo sich jüngere Menschen informieren. Wir haben Blogs wie "The Canary", die politische Nachrichten sehr gut rüberbringen. Ich denke, das hilft aktuell. Es ist nur noch die ältere Bevölkerung, die sich ausschließlich auf Zeitungen als Nachrichtenquelle verlässt. Ich denke, die Zeitungen haben nicht mehr diese Macht, die sie nur vor einem Jahr noch hatten. Corbyn hat es geschafft die jungen Leute zu erreichen und ihnen klar gemacht, dass es wichtig ist raus zu gehen und zu wählen. Diese Nachricht ist auch über die sozialen Medien rüber gebracht worden. Ich denke, das könnte das Ende der Dominanz der Zeitungen in Großbritannien sein.

    Wie war die Rolle der BBC dabei? Die sollten doch eigentlich neutral sein oder nicht?

    Ja, die sollten eigentlich neutral sein, aber das ist ein großer Streitpunkt. Ich sehe die BBC als das Sprachrohr der Tory-Partei, mit einer Menge UKIP dazu. Wenn man nun aber mit jemandem, der eine rechte Einstellung hat, spricht, dann würde er sagen, die BBC ist eher links-orientiert. Es ist also sehr schwierig. Ich würde sagen, sie sind rechts-voreingenommen. Sie interviewen viele führende UKIP-Politiker. Wenn sie keinen aus dem Parlament bekommen, sprechen sie immer mit UKIP-Politikern wie Nigel Farage.

    Wie beurteilten Sie die Wahlkampagne von Theresa May, rückblickend?

    Ich denke, ihr größtes Problem war, dass sie eigentlich gar keine Kampagne hatte. Sie war die ganze Zeit hinter verschlossenen Türen. Sie kam nie heraus und sprach mit den Bürgern. Sie wollte keine Kampagnen von Angesicht zu Angesicht. Sie wollte nicht ins Fernsehen und mit anderen Parteiführern debattieren. Sie dachte, es würde ein einfacher Sieg, deswegen arbeitete sie nicht. Ich denke, das hat sie Stimmen gekostet.

    Denken Sie denn, dass sie nun eine funktionierende Regierung bilden kann?

    Sie wird es natürlich versuchen. Aber ob es funktioniert oder nicht, das ist etwas anderes. Die Partei, mit der sie koalieren will, die nordirische Democratic Unionist Party (DUP), ist eine Partei die mit paramilitärischen Einheiten in Nordirland in Verbindung gebracht wird. Es kommt also drauf an, was sie verlangen werden. Ich denke nicht, dass das länger als ein Jahr hält, wenn ich ehrlich bin. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die britischen Wähler über eine Koalition mit der DUP begeistert sind, wenn sie bemerken, was die DUP eigentlich ist.

    Denken Sie, dass es bald Neuwahlen geben könnte?

    Soweit muss es vielleicht gar nicht erst kommen. Es könnte sein, dass man erst einmal Corbyn fragen wird, eine neue Regierung zu bilden. Aber auf die Wahl bezogen, ich glaube, die Briten würden Neuwahlen begrüßen. Ich denke, die Tatsache, dass Labour so erfolgreich war, gab den Leuten Hoffnung. Und andere haben festgestellt, dass, wenn man raus und wählen geht, dann kann man Dinge verändern. Jeremy Corbyn ist der Einzige, der Veränderung in Großbritannien bringen könnte. Ich wäre bereit für eine Neuwahl, jederzeit.  

    Bolle Selke

    Das komplette Interview zum Nachhören:

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    Tags:
    Interview, Brexit, Wahlen, Konservative Partei Großbritanniens, Jeremy Corbyn, Theresa May, Bolle Selke, Deutschland, Großbritannien