15:49 20 August 2017
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    Helmut Kohl während seiner Wahlkampagne in Ost-Deutschland (Archivbild)

    Antje Vollmer über Kohl: Entspannungspolitiker mit Sorgen um die Gegenwart

    © REUTERS/ Michael Urban
    Politik
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    Hohes Geschichtsbewusstsein und der Wunsch, Deutschland wieder Teil Europas werden zu lassen – diese Motive haben die Entspannungspolitik von Helmut Kohl bestimmt. Das meint Antje Vollmer von den Grünen im Sputnik-Interview. Sie sieht den verstorbenen Altkanzler als Realpolitiker „im Rahmen des Möglichen“.

    Als Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages hat Antje Vollmer vom Bündnis90/Die Grünen den Politiker Helmut Kohl oft unmittelbar erlebt. Aus ihrer Sicht gehörte der Altkanzler „zu der Generation mit hohem Geschichtsbewusstsein“, bei der die Erfahrung des Kriegs und Zusammenbruchs noch klar präsent war, „begleitet von dem Gefühl der Schande des NS-Regimes“. Deshalb habe er sich immer bemüht, „Deutschland wieder einen geachteten Platz unter den Völkern zu gewinnen.“

    Entsprechend habe Kohl politisch für eine „Gemeinschaft der Völker“ gearbeitet, erklärte die Grünen-Politikerin gegenüber Sputnik. Hier habe besonders die Versöhnung mit Frankreich im Vordergrund gestanden, aber auch die vom Vorgänger Willy Brandt angestoßene Versöhnung mit dem Osten sei weiter ausgebaut worden. „Auch Helmut Kohl war im eigentlichen Sinne ein Entspannungspolitiker, dem am Ausgleich mit Russland sehr gelegen ist und der dann später nach der Wiedervereinigung sich sehr bewusst war, dass es ohne die Zustimmung Gorbatschows und der Sowjetunion niemals zu dieser Wiedervereinigung gekommen wäre.“ Damals hätten alle anderen Länder mit einem Nein der Sowjetunion gerechnet. „Dieses Nein bei dem berühmten Treffen im Kaukasus in eine Zustimmung aufgelöst zu haben – das war dem damals entstandenen Vertrauensverhältnis von Gorbatschow und Helmut Kohl zu verdanken“, so die Grüne dazu.

    Kohls Lebenswerk in Gefahr?

    In Bezug auf die gegenwärtige Politik habe sie bei Kohl Sorgen entdeckt, „dass sein Lebenswerk, die Einigung Europas“, zerstört werden könnte – ein Europa, das vom Atlantik bis zum Ural, von Lissabon bis Wladiwostok reichen sollte. „Kohl hat in den letzten Interviews immer dazu gemahnt, an diesem Geist doch festzuhalten“, hob Vollmer hervor. „Und damit hat er Europa eine bestimmte Rolle zugewiesen, nämlich nicht der Musterschüler, Fahnenträger und Triumphator eines triumphierenden Westens zu sein, sondern aufgrund unserer Lage eine ausgleichende Funktion zu haben und nie zu vergessen, was in der Geschichte in unserem Verhältnis mit unseren östlichen Nachbarn – vor allen Dingen mit Russland und der damaligen Sowjetunion – passiert ist.“ Er sei von diesem Bewusstsein geprägt gewesen und deshalb als Entspannungs- und Friedenspolitiker aufgetreten, „sicher stärker als seine heutige Nachfolgerin“, bemerkte die Grünen-Politikerin in Anspielung auf Bundeskanzlerin Angela Merkel. Sie selbst sprach sich, an den SPD-Politiker Egon Bahr erinnernd, für ein besseres Verhältnis zu Russland aus.

    Der Mensch Kohl: Erstaunlich offen, aber mit patriarchalischem Beigeschmack

    Mit Kohl hat Vollmer auch einige Vier-Augen-Gespräche geführt, wie sie berichtete. Darin sei es vor allem um eine Beendigung des Terrorismus durch die Rote-Armee-Fraktion (RAF) gegangen. „Es war ein ziemliches Wunder, dass jemand wie Helmut Kohl mit einer grünen Politikerin damals sprach“, stellte die Politikerin fest.

    „Außerdem war der Inhalt der Gespräche von einem ähnlichen Geist geprägt. Er sagte, er habe immer begriffen, dass man bestimmte Konflikte nur mit einem Angebot, mit Begnadigungen, mit dem Willen zur Versöhnung und zur Beendigung von Konflikten beenden kann.“

    Kohl sei weit offener für andere Konzepte gewesen, als ihm allgemein zugerechnet worden sei. Aber eine gewisse Härte in den Ansichten sei erkennbar gewesen: „Die Härten, die er hatte, die lagen, glaube ich, in seinem unbedingten patriarchalischen Machtbewusstsein gegenüber seiner Partei, wo er mit Dissidenten nicht besonders glimpflich umgegangen ist“, so Vollmer. Entsprechend habe sie von Helmut Kohl immer ein „doppeltes Bild“ gehabt: der verständnisvolle und offene Entspannungspolitiker und der machtbewusste Parteipatriarch.

    Valentin Raskatov

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    Kanzleramt, Tod, Vereinigung, Rote Armee Fraktion (RAF), SPD, CDU, Antje Vollmer, Helmut Kohl, Europa, Deutschland
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