05:49 17 Oktober 2017
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    Ehrenwache der japanischen Selbstverteidigungsstreitkräfte

    Japan verlässt sich nicht mehr auf USA - und rüstet auf

    © AP Photo/ Koji Sasahara
    Politik
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    Die konfrontativen Beziehungen zwischen den USA und Nordkorea machen alle in der Region nervös. Die Gerüchte über einen möglichen Krieg werden ständig durch nordkoreanische Raketenstarts, Manöver von US-Flugzeugträgern und lautstarken Verkündigungen der Politiker auf beiden Seiten angeheizt. In Japan wird über die Folgen diskutiert.

    Falls die USA auf eine militärische Konfrontation mit Nordkorea bzw. China eingehen, muss Japan daran teilnehmen – angesichts der Tatsache, dass sich dort viele Stützpunkte und US-Soldaten befinden. Andererseits gibt es auch keine Zuversicht, dass die USA vollwertige Hilfe leisten werden, falls Japan einen eigenen Konflikt mit China bzw. Nordkorea haben werden.

    Japan macht sich zunehmend darüber Gedanken, sich auf die eigenen Streitkräfte zu stützen, die für den Ernstfall aufgerüstet werden sollen.

    Politische Gespräche

    Der ehemalige Verteidigungsminister Japans, Shigeru Ishiba, sagte, dass die Zeit gekommen sei, im Rahmen der Debatte um Verfassungsänderungen über die Bezeichnung der Selbstverteidigungskräfte zu sprechen und sie vielleicht endlich als vollwertige Streitkräfte anzuerkennen. Ishiba ist Mitglied der regierenden Liberaldemokratischen Partei und wahrscheinlicher Kandidat für den Posten des Regierungschefs.

    Diese Äußerung wurde vor dem Hintergrund des Aufrufs des japanischen Premiers Shinzo Abe vom Mai gemacht. Danach soll im Jahr 2020 in der Verfassung der Rechtsstatus der Selbstverteidigungskräfte Japans festgelegt.

    Allerdings hatte Abe 2015 bereits den Begriff der kollektiven Selbstverteidigung eingeführt, der Unterstützung für die Verbündeten außerhalb des Landes erlaubt, falls die Bedrohung für die Verbündeten auch als Bedrohung für Japan eingestuft wird. Es handelt sich natürlich um Nordkorea. Im Mai griff ein japanisches Schiff erstmals zu diesem Recht und begleitete ein Schiff der US-Marine im Japanischen Meer.

    Mehr Raketen, U-Boote und Drohnen

    Bereits im Mai haben japanische Medien berichtet, dass Japan den Kauf des Raketenabwehrsystems Aegis Ashore bei den USA erwägt. Dass soll die Chancen auf das Abfangen von Raketen aus Nordkorea erhöhen und die Last für die sechs Zerstörer der japanischen Marine verringern, die mit Aegis-Systemen bewaffnet sind. Japan braucht drei Batterien Aegis Ashore, um das Land zu schützen. Jede Batterie ohne Raketen kosten rund 700 Millionen Dollar. Das System soll 2023 in Betrieb genommen werden.

    Diese Nachricht löste Unmut sowohl in China als auch in Russland aus. Die Nachbarn Japans äußerten Zweifel am Verteidigungscharakter des neuen Systems und sagten, dass von diesen Komplexen auch Angriffs-Marschflugkörper abgefeuert werden können. Obwohl die Komplexe den Selbstverteidigungskräften Japans gehören werden, können sie auch von den USA für ihre Ziele im Falle der zugespitzten Situation in der Region genutzt werden, darunter im Falle eines Konfliktes mit China bzw. Russland.

    Im Mai wurde bekannt, dass große Unternehmen des US-amerikanischen Rüstungskomplexes wie Raytheon Co und Lockheed Martin Corp mit ihren Kollegen von Mitsubishi Electric Corp und Fujitsu Ltd in Japan an der Entwicklung neuer Radare mit einer größeren Reichweite arbeiten, die im Rahmen des Systems Aegis Ashore eingesetzt werden können.

    Zum Jahr 2020, wenn in Japan die Olympischen Spiele stattfinden, soll die Reichweite der Raketenabwehrkomplexe Patriot PAC-3  verdoppelt und die Präzision erhöht werden. Zu dieser Zeit will Japan 28 dieser Komplexe modernisieren, vor allem jene, die Tokio schützen.

    Im Mai wurde auch über den Ankauf von Tomahawk-Marschflugkörpern von den USA gesprochen. Falls dieser Deal zustande kommt, werden sie auf japanischen Zerstörern mit Aegis-Systemen stationiert. Das wird de facto die erste Offensivwaffe Japans sein, mit denen es die Ziele in Nordkorea treffen kann.

    Zudem plant das Land seine U-Boot-Flotte von 18 auf 22 Einheiten zu erweitern. Dabei baut Japan selbst hochklassige U-Boote und will sie auch exportieren, beispielsweise nach Indien bzw. Australien. Sie sind neben Torpedos mit Antischiffsraketen ausgerüstet und verfolgen die Bewegung der Schiffe und U-Boote der chinesischen Flotte.

    Seit einigen Jahren wird der Wunsch Japans verhandelt, bei den USA drei Aufklärungsdrohnen RQ-4 Global Hawk zu kaufen. Bislang sind auf den US-Stützpunkten US-Drohnen dieses Typs stationiert. Anscheinend werden Japaner für ihren Einsatz ausgebildet. Zudem war Tokio damit unzufrieden, dass die US-Amerikaner die japanischen Maschinen nicht mit allen modernen Systemen ausstatten wollen und verhandelten parallel mit Israel über die Lieferung von Drohnen.

    Atomwaffen

    In inoffiziellen Gesprächen wird große Sorge geäußert darüber, dass Japan Atomwaffen als Abschreckungsinstrument  bekommen soll. Japan ist sich nicht sicher, dass die USA sie zu 100 Prozent bei einem großangelegten Konflikt mit den Nachbarn unterstützen werden, die über Atomwaffen verfügen (Nordkorea, China, Russland).

    In ausländischen Medien werden mit der Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten Meinungen veröffentlicht, dass jetzt die beste Zeit für Japan sei, Atommacht zu werden. Trump sei nicht dagegen, die USA würden die Kontrolle der Region verlieren. Zudem seien ihre Manöver mit Flugzeugträgern und Ankündigungen über die Abschreckung Nordkoreas nur leere Worte. Japanischer Politiker sprechen seit 2002 über Methoden zum Schutz des Landes, darunter vor Atomangriffen, nachdem Nordkorea über sein Atomprogramm informierte. US-Politiker gießen auch ab und zu Öl ins Feuer und sagen, dass „Japan Atommacht über Nacht werden kann“.

    Es heißt, dass Japan die Möglichkeit hat, einen nuklearen Sprengkopf in sechs bzw. zwölf Monaten zu bauen. Ishiba, heute potentieller Kandidat für das Amt des Regierungschefs, sagte 2011: „Ich denke nicht, dass Japan über Atomwaffen verfügen soll, doch es ist wichtig, dass wir die Arbeit unserer kommerziellen Reaktoren unterstützen, weil sie es uns ermöglichen, einen nuklearen Sprengkopf in kürzester Frist zu entwickeln. Das ist ein Mittel der Atomabschreckung“.

    Aus diesem Grund trat Japan gegen das UN-Treffen zu einem möglichen Atomwaffensperrvertrag in diesem Jahr auf – wie alle Atommächte.

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    Tags:
    Aufrüstung, Militär, Atomwaffen, Tomahawk-Marschflugkörper, Japan, Nordkorea, USA, Russland, China