02:42 14 Dezember 2019
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    „Verzerrtes Medienbild von Russland“: Diskussion mit Chruschtschows Enkelin in Berlin

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    Das im Westen und vor allem in den USA von Russland gezeichnete Bild stimmt nicht mit dessen Realität überein. Das haben eine Chruschtschow-Enkelin und ein russischer Politologe am Samstag in Berlin bei einer Diskussionsrunde klar gemacht. Ähnliches gilt nach ihren Worten für das Putin-Bild im Westen und die Frage, wie europäisch Russland ist.

    Im Rahmen des zweitägigen History-Forums der Körber-Stiftung in Berlin diskutierte am Samstag eine hochkarätig besetzte Runde über Russland. Neben dem russischen Politologe Fjodor Lukjanow und der deutschen Osteuropaexpertin Gwendolyn Sasse saß auch Nina Chruschtschowa, die in New York lebende Enkelin des ehemaligen Partei- und Regierungschefs der Sowjetunion, Nikita Chruschtschow.

    Die Körber-Stiftung lädt regelmäßig zu Veranstaltungen zu aktuellen gesellschaftlichen Fragen ein, oft mit hochrangigen und einflussreichen Politikern und Experten. Ironischerweise fand das diesjährige History-Forum der Stiftung am 16. und 17. Juni im edlen Humbold Carré am Berliner Gendarmenmarkt statt, in dem sich auch das Deutschland-Büro der größten russischen Firma Gazprom befindet.

    Geladen waren neben diversen Professoren, Botschaftern verschiedener Länder, Top-Diplomaten der EU und Chefredakteuren deutscher Leitmedien auch aktive und ehemalige deutsche Spitzenpolitiker. Ex-Außenminister Joschka Fischer hielt die Eröffnungsrede. Finanzminister Wolfgang Schäuble musste aus gesundheitlichen Gründen kurzfristig absagen. Wolfgang Ischinger, der Chef der Münchner Sicherheitskonferenz diskutierte über eine stabile Friedensordnung in Europa. Auch Mitarbeiter diverser Think-Tanks und politische Meinungsmacher tummelten sich im Humboldt Carr. Die Themen drehten sich vor allem um Europa und die Welt im Wandel.

    Russland auf dem Weg in das posteuropäische Zeitalter?

    Mit Spannung erwartet wurde das Panel am Samstag zum Thema: „Ist Russland auf dem Weg in das posteuropäische Zeitalter?“ Es sollte diskutiert werden, ob Russland mit seiner 300jährigen Tradition einer europäischen Zukunftsperspektive bricht. Teilnehmer waren die russisch-US-amerikanische Politikwissenschaftlerin und Enkelin des ehemaligen sowjetischen Partei- und Regierungschefs Chruschtschow, Nina Chruschtschowa, Gwendolyn Sasse, Direktorin des neugegründeten Berliner Zentrums für Osteuropa- und internationale Studien, und Fjodor Lukjanow, einer der renommiertesten russischen Politologen und Chefredakteur der einflussreichen russischen Fachzeitschrift „Russia in Global Affairs“.

    Gleich zu Beginn der Diskussion verwirrte Lukjanow die überforderte Moderatorin Cathrin Kahlweit von der Süddeutschen Zeitung mit einer Gegenfrage:

    "Es ist sehr interessant zu diskutieren, ob Russland europäisch ist oder nicht. Aber bevor wir das tun, würde ich Sie gern fragen: was meinen Sie mit 'europäisch'? Erst dann können wir darüber diskutieren, ob Russland europäisch ist. Was sind denn die europäischen Werte, an denen Russland sich orientieren soll?"

    Darauf hatte die Moderatorin keine Antwort und erteilte der Chruschtschow-Enkelin das Wort. Die ist der Meinung, dass Wladimir Putin im Jahre 2000 durchaus sein Amt angetreten ist mit der Idee, dass Russland Teil des Europäischen Hauses wird.

    "Putins erste Reise nach Amtsantritt ging nach England, obwohl man eigentlich in Russland zuerst nach China reist. Putin war allein in seinem ersten Amtsjahr viermal in England und sprach offen über seine Hoffnung auf Europa. Aber im Laufe der Jahre, als die Nato erweitert wurde und Putin merkte, dass der Westen Russland gar nicht will, begann er einen eigenen Weg für Russland zu suchen. Und dafür erfährt Putin viel Unterstützung bei den Russen. Sie wollen zwar einen europäisch-westlichen Lebensstil und den haben sie längst, aber keine westlich-europäische Identität, sondern ihre eigene. Also Russland wird natürlich immer europäischer, aber die Russen wollen trotzdem, dass Russland Russland bleibt."

    Wie ist das Bild Russlands im Westen?

    Im Weiteren ging um das Russlandbild im Westen. Lukjanow meinte dazu:

    "Das Russland, das in den westlichen Medien beschrieben wird, hat ein sehr klares Image, aber ich kann es nicht wiedererkennen. Und ich lebe in Moskau. Russland befindet sich auf einer Identitätssuche. Das ist ein laufender Prozess ohne definiertes Ende."

    Dem stimmte Chruschtschowa zu. Auch sie kann das Land, das in den US-amerikanischen Medien als Russland dargestellt wird, nicht wiedererkennen. Zur Identitätssuche ergänzte sie, dass es wichtig war, dass sich Russland in den chaotischen Neunziger Jahren auf seine Kultur und seine nationalen Wurzeln besann.

    Sie warb für Pragmatismus und Realismus im Umgang mit Russland und sprach von enttäuschten Hoffnungen des Westens: "Russland sollte als das genommen werden, was es ist und nicht als das, was der Westen möchte, dass es ist. Der Westen erwartet von Russland, dass es europäisch ist. Von der Türkei oder vom Iran erwartet er das nicht."

    Kein Problem mit der Nato-Osterweiterung

    Ein weiteres Thema der Diskussion war die Nato-Osterweiterung. Auch hier erstaunte Lukjanow die Zuhörer mit seiner unorthodoxen Sicht:

    "Ich gehöre in Russland zu einer Minderheit, die kein Problem mit der Nato-Erweiterung hat. Ich bevorzuge politischen Realismus. Es ist für mich normal, dass, wenn in einer Konfrontation der eine Gegner verschwindet, die anderen das Vakuum füllen. Was ich nicht mag daran ist die Heuchelei. Der Westen soll doch bitte nicht so tun, als ob die Nato-Erweiterung keine militärische Handlung ist. Und entsprechend ist die russische Reaktion auch völlig angemessen. Also lassen sie das Gerede von Demokratie, die sie in die Länder bringen und benennen sie die Dinge beim Namen."

    Chruschtschowa warf zum Thema Nato einen interessanten Gedanken auf:

    "Wäre es nicht weise gewesen, die Russen 1991 in die Nato aufzunehmen?

    Putins Kariere zum „Paten des Bösen“

    Schlüsselpunkt der Diskussion war natürlich der russische Präsident. Lukjanow mutmaßte, dass Putin, wenn er die nächste Wahl gewinnt, durchaus noch einmal vieles im europäisch-eurasischen Gefüge ändern wird und eher einen „sanften“ Abgang anstrebt, um positiv in die Geschichtsbücher einzugehen. Dagegen betonte seine US-amerikanische Kollegin, dass man sich jetzt mit Putin auseinandersetzen muss und nicht darauf warten kann, bis er nicht mehr da ist. Beide waren sich einig, dass das Bild des russischen Staatschefs in der westlichen Welt völlig verzerrt ist.

    Lukjanow skizierte die Kariere Putins folgendermaßen:

    „Als Putin vor fast 18 Jahren antrat, war er eine eher farblose, schüchterne Person, die sich nicht wohl fühlte bei öffentlichen Auftritten. Und wenn man dann hört, wie Hillary Clinton in einer Rede in Atlanta im August letzten Jahres Putin beschrieb als den 'Paten aller dunklen, nationalistischen, chauvinistischen und xenophoben Mächte der Welt und Donald Trump ist seine Marionette', dann ist das schon eine beachtliche Kariere. Putin wird in gewisser Weise jetzt sogar als gefährlicher als Stalin dargestellt, weil Stalin zumindest nicht versucht hat, die Demokratie in den Vereinigten Staaten zu unterminieren. Russland gilt also zurzeit in den USA nicht einmal als Rivale oder Feind, sondern einfach nur als böse. Und das hat eigentlich gar nicht so viel mit Russland zu tun. Das eigentliche Ziel ist Donald Trump. Dessen Feinde suchen nach legalen Gründen, Trump des Amtes zu erheben und sehen in Russland seine Schwachstelle. Für Russland ist das natürlich eine blöde Lage, da egal, was Russland tut, ob positiv oder negativ, das sofort in der amerikanischen Innenpolitik genutzt wird.“

    Chruschtschowa hat das in den USA ähnlich beobachtet:

    „Es ist wirklich so, dass ich Putin mehr im amerikanischen Fernsehen sehe als im russischen – und er ist sehr oft im russischen Fernsehen zu sehen. Putin ist so eine Art Anti-James-Bond in Amerika.“ Sie ergänzte: „Ich halte Emotionen in der Politik für sehr gefährlich. Ich hielt es für einen großen Fehler, dass Barack Obama nach der Krim anderthalb Jahre nicht mit Putin gesprochen hat."

    Der russische Politologe hält es angesichts der vielen Konfliktherde für das Wichtigste, das militärische Risiko einer Konfrontation zu minimieren. Darüber hinaus sollte jeder erst einmal seine Hausaufgaben machen und sich um seine inneren Probleme kümmern, sei es im Europäischen Haus, in den Staaten oder in Russland.

    Lukjanow ist einer der wenigen russischen Politologen, der auch regelmäßig im Westen publiziert. Ihm gelingt wie vielleicht keinem Zweiten die Gratwanderung, sich genug politische Unabhängigkeit zu bewahren und sich von keiner Seite vereinnahmen zu lassen.

    Ukraine und Krim als Themen nur am Rande

    Das Thema Ukraine wurde auf dem Forum der Körber-Stiftung überraschenderweise nur kurz angesprochen. Die Teilnehmer waren sich einig, dass Minsk II tot ist, aber es dennoch keine Alternative gäbe. Osteuropaexpertin Sasse meinte, dass die EU zwar den „Euromaidan“ nicht ausgelöst, aber doch hohe Erwartungen in der Ukraine geschürt hätte. Lukjanow hält die Ukraine auch für ein Opfer dessen, dass sich die Europäische Union selbst sich nicht bis zum Ende klar darüber ist, wie sie selbst aufgebaut sein soll.

    Auch die Frage der Krim wurde nur kurz angeschnitten. Auch hier herrschte überraschenderweise Konsens. Ljukanow stellte fest: „Es ist nicht die Frage, ob man die Krim akzeptiert oder nicht. Die Krim wird wohl im Westen rechtlich lange Zeit nicht akzeptiert werden. Aber wird es ein ernsthaftes politisches Hindernis bei der Annäherung Russlands und des Westens bleiben? Das glaube ich nicht. Der Westen hat sich schon oft flexibel gezeigt, wenn es Vorteile für ihn bringt.“

    Sasse sah das ähnlich. Allerdings hofft sie darauf, dass die Ukraine so attraktiv wird, dass das in ferner Zukunft zu einem erneuten Referendum auf der Krim führt, bei dem sich die Bewohner anders entscheiden werden.

    Entgegen des zu erwartenden Russland-Bashings, auch aufgrund der eher für eine Putin-kritische Einstellung bekannten Teilnehmerinnen Sasse und Chruschtschowa, gestaltete sich die Diskussion ausgewogen. Allerdings wurden in der 70-minütigen Diskussion zu viele Themen nur angeschnitten. Während die Akademikerin Sasse eher blass blieb, glänzte die amerikanische Politologin Chruschtschowa mit pragmatischem Realismus und ihr russischer Kollege Lukjanow durch seinen scharfsinnigen Humor. Der Journalistin Kahlweit als Moderatorin gelang es nicht, der Tradition westlicher Talkshows zu folgen und den russischen Teilnehmer in die Ecke des „Spokesman of Russia“, als den sie ihn auch bezeichnete, zu drängen. 

    Lukjanow entzog sich dem durch lockere Geistesschärfe. Er meinte am Ende des Panels:

    „Ich habe große Befürchtungen für das Treffen von Trump und Putin in Hamburg. Wenn ich mir anschaue, was schon der Besuch von Lawrow im Weißen Haus für einen Tsunami ausgelöst hat, dann mag ich mir nicht vorstellen, was passiert, wenn jetzt Putin und Trump sich die Hände schütteln."

    Armin Siebert

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