22:44 04 Juli 2020
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    Normalisierung der russisch-türkischen Beziehungen (108)
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    Türkische Wirtschafts- und Sicherheitsexperten haben in Interviews mit Sputnik die Bedeutung der vereinbarten Lieferung von S-400-Luftabwehrsystemen aus Russland an die Türkei hervorgehoben. Eine Bewaffnung der Türkei mit russischen Raketensystemen würde unter anderem das Kräfteverhältnis in der Nahosten-Region ändern.

    Zuvor hatte der Berater des russischen Präsidenten, Wladimir Koschin, geäußert, ein Vertrag, der den Kauf russischer Luftabwehrsysteme des Typs S-400 durch die Türkei vorsehe, sei verabredet. Allerdings sei die Frage noch nicht gelregelt, welche Geldsumme Russland der Türkei dafür in Form eines Kredits bereitstellen könne.

    Dennoch sei diese Frage für die beiden Seiten kein unlösbares Problem, sagte der Generalleutnant der türkischen Luftwaffe, Erdoğan Karakuş, gegenüber Sputnik. Russische Flugabwehrraketen-Systeme würden die US-amerikanischen Nike-Raketen ersetzen, die von den Nato-Truppen seit den 60er Jahren eingesetzt würden und den heutigen Bedürfnissen des Landes nicht mehr entsprächen, sagte er.

    Dabei sei die Tatsache, dass die Türkei Nato-Mitglied sei, kein Hemmnis für Käufe von Luftabwehrsysteme in Russland, so Karakuş. Zudem sei die Anzahl dieser Luftabwehrraketen-Systeme nicht ausreichend für die Türkei. Deshalb sollten weitere Verträge „im Einklang mit der bestehenden Kräftekonstellation in der politischen Arena" geschlossen werden, um den Bedarf des Landes an den Verteidigungssystemen zu decken, betonte er.

    Die Vereinbarung über die Lieferung von Flugabwehrraketen-Systemen aus Russland solle keine Besorgnisse bei den Nato-Ländern hervorrufen, denn solche Käufe würden sowohl die Türkei selbst als auch das ganze Bündnis stärken, ist sich auch der Dozent der TOBB-Universität für Wirtschaft und Technik Toğrul İsmayıl sicher. Ganz im Gegenteil, denn die Türkei habe seit langem keine Luftabwehrsysteme gehabt, die gegnerische Raketen in großen Höhen abfangen könnten. Dies stelle eine ernsthafte Gefahr für die Türkei dar, weil die Streitkräfte vieler Länder, unter anderem auch Aserbaidschan und Armenien, aber auch Griechenland, Bulgarien und Ungarn, über S-400-Raketensysteme verfügen würden, so der Experte.

    „Meiner Ansicht nach sind die Vorwürfe gegen Russland, denen zufolge es dank dem Verkauf von S-400-Raketen von Nato-Aufklärungsdaten Gebrauch machen werde, eine reine Lüge. Denn, falls andere Nato-Staaten diese Raketensysteme einsetzen, sollten diese Käufe durch die Türkei keine Sorgen von Seiten der Nato hervorrufen", sagte er. Ein solcher Kauf werde die Türkei — und die ganze Allianz also — stärker machen.

    Diesen Besorgnissen der Nato liege vor allem der Wunsch der USA zugrunde, der Türkei ihre Flugabwehrraketen-Systeme vom Typ „Patriot" zu verkaufen, betonte İsmayıl.

    Die Türkei habe ziemlich lange über kein Luftabwehr-System verfügt und sei deswegen mit ernsthaften Sicherheitsbedrohungen konfrontiert, sagte der Sicherheitsexperte und ehemalige Soldat einer türkischen Spezialeinheit Abdullah Ağar.

    Dies habe sich vor allem bei den Zusammenstößen mit den PKK-Kämpfern im Südosten der türkischen Provinz Anatolien gezeigt, aber auch bei dem gescheiterten Putschversuch vom 15. Juli im vergangenen Jahr und bei dem Militäreinsatz „Euphrat-Schild" in Syrien.

    Zuvor habe die Türkei geplant, Luftabwehrsysteme aus China zu erwerben, diese Lieferung sei aber gescheitert, weil die Türkei als Nato-Mitgliedsland Druck von außen ausgesetzt worden sei. Die Ablehnung sei damit begründet worden, dass die chinesischen Raketensysteme in das Nato-Verteidigungssystem angeblich nicht integriert werden könnten.

    Im Fall mit dem Kauf von S-400-Raketensystemen in Russland habe das nordatlantische Bündnis jedoch keinen Vorwand finden können, um den Deal zu verhindern, denn „diese Systeme sind sogar in Griechenland in Dienst gestellt worden".

    Außerdem seien die russisch-türkischen Abkommen in den Bereichen Sicherheit und Energiezusammenarbeit ein Anzeichen eines sehr wichtigen Prozesses, so Ağar. Falls dieser Prozess sich auch weiter entwickeln werde, werde eine wesentliche Änderung der globalen Geopolitik zustandekommen. Die Wahrscheinlichkeit einer Schwerpunktverlagerung" aus Europa und den USA in Richtung Asien werde immer deutlicher, hob er hervor.

    „Die Türkei ist sich völlig über die Risiken im Klaren, mit denen sie in der nächsten Zeit konfrontiert werden wird", sagte er.

    In diesem Zusammenhang verwies Ağar auf die Unterstützung der kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) und der verbotenen PKK-Partei durch den Westen sowie auf die Rolle des Westens bei dem gescheiterten Putschversuch, für den die Gülen-Bewegung verantwortlich sei. „Und angesichts der Informationen über die Unterstützung der Terrormiliz Daesh durch den Westen zeichnet sich ein unerfreuliches Bild ab, in dem die westliche Welt bestrebt ist, durch direkte und indirekte Einflüsse und Eingriffe die Nahosten-Region in einen Chaoszustand zu treiben".

    Der Westen benutze den „Islamischen Staat" als Vorwand und tarne sein wahres Ziel, die Region entsprechend seinen Interessen und seinem Vorteil neuzugestalten. „Bei solch einer Gefahr für die ganze Region gewinnt die türkisch russische Vereinbarung eine besondere Bedeutung", sagte Ağar abschließend.

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    US-Flugabwehrraketen Patriot, S-400, NATO, Russland, Türkei