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    Soldaten der Ehrenwache US-amerikanischer Armee

    Ein neuer Großkrieg? Oder eine Rückkehr zur vorindustriellen Kriegsführung?

    © Foto: U.S. Air National Guard/Staff Sgt. Christopher S. Muncy
    Politik
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    Die vorindustrielle Art der Kriegsführung wird in gewisser Hinsicht wieder aktuell: Künftig wären eher militärische Auseinandersetzungen in lokalen Gebieten nicht auszuschließen als ein globaler Vernichtungskrieg. Zu diesem Schluss gelangt Alexej Fenenko, Experte des Zentrums für Sicherheitsprobleme der Russischen Akademie der Wissenschaften.

    „Ob ein neuer Großkrieg möglich wäre“, titelt die russische Zeitschrift „Expert“ in ihrer Onlineausgabe. Sie zitiert aus Fenenkos Vortrag bei einer Konferenz der Denkfabrik Russian International Affairs Council.

    Der Analyst sagte, unsere gegenwärtige Vorstellung von Kriegshandlungen gehe auf den Zweiten Burenkrieg zurück. Dieser habe mehrere Innovationen im Militärwesen markiert, darunter eine durchgehende Frontlinie, eine mobilisierte Massenarmee, ständige Frontoperationen, aber auch die Wahrnehmung der ganzen Bevölkerung als potenzielles Objekt der Gewalt durch die Kriegsführenden. Später hätten die beiden Weltkriege in dieser Hinsicht dem Burenkrieg geähnelt.

    Kriege der vorindustriellen Epoche waren laut Fenenko anderes gewesen. Erstens waren sie meistens in Bezug auf ihre Ziele begrenzt – das Hauptziel bestand nicht darin, den Gegner zu vernichten, sondern darin, ihn zu einem Kompromiss zu zwingen. Zweitens wurde die Anwendung von Gewalt damals, wie der Experte sagte, sehr deutlich genormt: Es wurde ein bestimmter Schauplatz ausgewählt, wo die beteiligten Mächte einen Krieg führten, und zwar nicht unbedingt auf ihrem eigenen Territorium. Fenenko verwies auf den 1701 gestarteten Spanischen Erbfolgekrieg, bei dem Paris, London, Wien und Amsterdam nicht von den Kriegshandlungen betroffen gewesen waren. Generell war auch das Fehlen einer durchgehenden Front für damalige Kriege charakteristisch, aber auch die Tatsache, dass die Armeen in der Regel aus Söldnern bestanden.

    Fenenko postulierte, derzeit erlebe der vorindustrielle Typ der Kriegsführung eine aktive Wiedergeburt. So seien die lokalen Konflikte des Kalten Krieges gewesen. Großmächte hätten entweder hinter jeweiligen Kriegsparteien gesteckt, oder auch selbst gekämpft (wie in Vietnam und Afghanistan) – aber nicht direkt gegeneinander. Relativ kleine Armeen seien im Einsatz gewesen – auf begrenzten Territorien außerhalb der eigentlichen Großmächte. Auch nichtstaatliche Akteure seien in Konflikte involviert gewesen – dies lasse etwa an die Kaperei oder an Söldner deutscher Fürsten zurückdenken. 

    Nach Ansicht des Analysten wird vor allem der Bosnienkrieg im Zeitraum von 1992 bis 1995 unsere Vorstellungen für die nächsten 70 bis 80 Jahre bestimmen. Zu seinen charakteristischen Zügen zählten laut Fenenko lokales Territorium, lokale beteiligte Kräfte (Kroaten, Muslime, Serben, hinter denen entsprechend Deutschland, die USA und Russland steckten) sowie ständige Gespräche vor dem Hintergrund einer Anwendung von Gewalt. Wenn die Gespräche ins Stocken gerieten, eskalierten die Kampfhandlungen.

    Im Hinblick auf künftige Trends beschäftigte sich Fenenko auch mit der Rolle der Atomwaffen. Er sagte, diese seien noch nie in unmittelbaren Kampfgebieten eingesetzt worden. Falls jemand künftig doch ihren Einsatz in Betracht ziehe, werde man wahrscheinlich ein lokales Gebiet suchen, um sie dort zu erproben. Vorerst gelte aber das Konzept der nuklearen Abschreckung.

    Zum Thema Cyber-Waffen äußerte der Analyst: „Wir haben ihren Einsatz niemals und in keiner Situation beobachtet.“ Es gebe zwar Gerüchte, aber keine Nachweise. Etwa um den vermutlichen Einsatz von Cyber-Waffen gegen das iranische Atomprogramm gebe es viel Unklares und Umstrittenes. 

    Fenenko verwies auf die bekannte These, dass der Krieg eine Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln sei. Er betonte, eine Diskussion um einen globalen Konflikt müsse immer die Frage enthalten, ob ein Vernichtungskrieg oder ein begrenzter Krieg zwecks eines „Deals“ gemeint ist.

    Ein globaler Vernichtungskrieg sei derzeit kaum möglich. Ein „Konflikt zwecks eines Deals“ sei dagegen wahrscheinlich. Wenn schon, werde dieser möglicherweise um die Jahrhundertmitte stattfinden und die globale Kräftebilanz ändern. Eine große Auseinandersetzung von Kriegsparteien werde dabei eher in einem lokalen Gebiet erfolgen, prognostizierte Fenenko.

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