15:32 19 September 2017
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    Recep Tayyip Erdogan und Angela Merkel

    Deutschland als „idealer Sparringspartner“ für Erdogan

    © AFP 2017/ JOHN MACDOUGALL
    Politik
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    Recep Tayyip Erdogan scheint Deutschland als einen „Sparringspartner“ zu nutzen, um seine eigene innenpolitische Situation zu verbessern. Zu diesem Schluss gelangt die russische Onlinezeitung vz.ru in einem Kommentar.

    Vz.ru schreibt, die außenpolitische Situation der Türkei sei derzeit ziemlich wirr. Das türkisch-amerikanische Verhältnis habe keinen besonderen Schaden erlitten, obwohl etwa Prediger Gülen, dem die Organisation des Putsches vorgeworfen wird, ausgerechnet in den USA lebt. Die Beziehungen zwischen Ankara und Moskau seien unterdessen geopolitisch deutlich besser geworden – trotz harter Widersprüche in mehreren Bereichen. Im Nahen Osten zeichne sich eine Allianz der Türkei mit Russland und dem Iran ab – diese regionale Konstellation sei durch die jüngste Katar-Krise bestätigt worden. 

    „Am meisten Schaden erlitten, wie seltsam dies auch erscheinen mag, die Beziehungen der Türkei mit Europa und konkret mit Deutschland. Zwar hatten sich Differenzen und Widersprüche zwischen ihnen schon längst angedeutet, doch ausgerechnet nach dem Putschversuch spitzen sich die bilateralen Beziehungen drastisch zu. Es geht dabei nicht bloß um scharfe Rhetorik – die beiden Länder unternehmen demonstrativ unfreundliche Schritte“, so der Kommentar.

    Vz.ru weist insbesondere darauf hin, dass die deutschen Behörden dem türkischen Präsidenten Erdogan verbaten, vor seinen Landsleuten in Hamburg am Rande des G20-Gipfels zu sprechen. Die deutsche Bundeswehr startete unterdessen den Abzug vom türkischen Stützpunkt Incirlik, weil die Regierung in Ankara deutschen Parlamentariern Besuche dort verweigert hatte. 

    „Unumgänglich kommt die Frage auf, warum ausgerechnet Deutschland zum Hauptobjekt der Konfrontation für Erdogan wurde. Es sieht danach aus, dass dies vor allem auf die innenpolitische Situation zurückgeht, in der sich Erdogan  befindet“, vermutet die russische Onlinezeitung.

    Diese Situation sei ebenfalls kompliziert. Erdogans Verfassungsreform sei nur mit einer knappen Mehrheit durchgesetzt worden und habe eine tiefe Spaltung der türkischen Gesellschaft veranschaulicht. Um die Macht zu behalten, brauche der türkische Präsident seine Anhänger zu konsolidieren und seine Gegner niederzuhalten, hieß es.

    Zu einer solchen Konsolidierung der Gesellschaft trage auch der Faktor Außenfeind bei: „Bei einer Kundgebung sagte Erdogan, dass ‚sehr viele Feinde auf einen Untergang der Türkei warten‘. Die Worte müssen aber durch konkrete Beispiele bekräftigt werden. In diesem Sinne erwies sich Deutschland für den türkischen Präsidenten als viel bequemer im Vergleich zu den USA oder Russland – ein politischer Konflikt mit Washington oder Moskau hätte zu hohe Unkosten nach sich ziehen können.“

    „Vom eingewurzelten Verdruss der Türken über ihren jahrzehntelangen Aufenthalt im EU-Wartezimmer bis hin zur radikalen Political Correctness des gegenwärtigen Deutschland, die in der konservativen Türkei für Irritierung sogt, – all dies macht Deutschland zu einem idealen ‚Sparringspartner‘, vor dem sich Erdogan in den Augen der türkischen Gesellschaft als starker Staatschef präsentieren kann, der nicht fürchtet, eines der führender Länder der Welt herauszufordern. Dabei besteht praktisch keine Gefahr, militärisch oder geheimdienstlich eine unangenehme Antwort von Deutschland zu bekommen“, schreibt vz.ru.

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    Tags:
    Konfrontation, G20-Gipfel in Hamburg, Putschversuch, Recep Tayyip Erdogan, Türkei, Deutschland, USA, Russland
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