20:46 19 Juni 2019
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    Der Hochgeschwindigkeitszug „Lastotschka“ - gemeinsames Projekt der Russischen Eisenbahn und Siems

    Krim-Gasturbinen: Bleibt Siemens hart, fallen da in Russland selbst die ICE-Züge aus?

    © Sputnik / Evgenyi Samarin
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    Der Eklat um die auf die Krim gelieferten Siemens-Turbinen nimmt zu. Am 21. Juli teilte der deutsche Konzern offiziell mit, dass er die Beendigung eines Lizenzabkommens mit russischen Unternehmen initiiert sowie seine Lieferungen von Stromausrüstungen im Rahmen von Verträgen mit staatlich kontrollierten russischen Unternehmen ausgesetzt hat.

    Sollte der Konzern demnach auf dem Prinzip beharren, so würden in Russland wohl selbst die Hochgeschwindigkeitszüge zum Stehen kommen, heißt es in einem Artikel auf der Website svpressa.ru.

    Die Deutschen beharren auf der Version, von einem russischen Kunden betrogen worden zu sein, der die Turbinen statt nach Taman auf die Krim verbracht habe. Wie The New York Times schreibt, sollen nach der Version des Konzerns die Vertreter des russischen Unternehmens Technopromexport zugesichert haben, dass die Anlagen nicht auf die Krim gebracht werden würden. Allerdings gebe es allen Grund zu vermuten,  dass man im Konzern im Voraus um die Lieferung von Turbinen auf die Krim gewusst habe. Nun aber sei man einfach bemüht, einer Strafe wegen des Verstoßes gegen das Sanktionsregime zu entgehen.

    Die Deutschen beharren auf der Version, von einem russischen Kunden betrogen worden zu sein, der die Turbinen statt nach Taman auf die Krim verbracht habe. Wie die The New York Times schreibt, sollen nach der Version des Konzerns die Vertreter des russischen Unternehmens Technopromexport zugesichert haben, dass die Anlagen nicht auf die Krim gebracht werden würden. Allerdings gebe es allen Grund zu vermuten,  dass man im Konzern im Voraus um die Lieferung von Turbinen auf die Krim gewusst habe. Nun aber sei man einfach bemüht, einer Strafe wegen des Verstoßes gegen das Sanktionsregime zu entgehen.

    Mehr in Kürze >>> „Unter westlichem Druck“: Wirtschaftspolitiker zu Turbinen-Debakel durch Siemens

    Siemens-Logo, Deutschland (Archivbild)
    © AP Photo / Matthias Schrader
    Es ist so, dass die russische Wirtschaftszeitung „Wedomosti“ noch im Juni 2015 berichtet hatte, dass Technopromexport unter Umgehung der Sanktionen die Ausrüstung für seine beiden neuen Kraftwerke auf der Krim bei Siemens Gas Turbines Technologies kaufen wolle, einem Gemeinschaftsunternehmen, das mit 65 Prozent der Anteile Siemens gehört und in dem der russische Konzern Power Machines 35 Prozent der Anteile besitzt.

    Damals äußerte eine Quelle die Befürchtung, dass Siemens die Wartung seiner Turbinen auf der Krim ablehnen könnte, worauf der Top-Manager des Engineering-Unternehmens erwiderte, dass man „Ersatzteile leicht bei den Siemens-Werken in China und im Iran kaufen kann, und der Siemens-Service ist bereits in Russland lokalisiert“.

    Mehrere westliche Medien zweifeln an der „Naivität“ des Konzerns, indem sie auf einen Besuch des Siemens-Chefs Joe Kaeser in der Residenz von Wladimir Putin nur zwei Wochen nach der Vereinigung der Krim mit Russland verweisen. Nach dem Empfang soll Kaeser in einem Interview gesagt haben, Siemens lasse sich "von kurzfristigen Turbulenzen in der langfristigen Planung nicht leiten".

    Kann in dieser Geschichte ein Kompromiss möglich sein?

    Sollte Russland der Variante zustimmen, dass der Konzern die Turbinen zurückkauft,  was wird er dann in den zwei Krim-Kraftwerken verbauen? Und wenn sich herausstellt, dass der Siemens Konzern unter dem Druck des Westens eine prinzipielle Position einnimmt  — also nicht nur die Lieferung von Energieausrüstung an staatlich kontrollierte russische Unternehmen einstellt, sondern überhaupt aus dem Russland-Engagement aussteigt? Eine solche Möglichkeit erwägt laut der „Wirtschafts Woche“ die Konzernführung.

    Dann würden in ganz Russland nicht nur die Wärmekraftwerke mit deutschen Gas- und Dampfturbinen ohne Wartung bleiben, sondern auch die Hochgeschwindigkeits-Elektrotriebwagen Sapsan (für den Fernverkehr) und Lastotschka (für den Regionalverkehr) der Russischen Eisenbahnen (RZD), erbaut auf der Velaro-Plattform bzw. der  Desiro-Plattform von Siemens, zum Stehen kommen.

    In diesem Fall würde Siemens den traditionsreichen russischen Markt verlieren, wo das Unternehmen seit 1853 präsent ist, und in der Perspektive gewiss von anderen Lieferanten verdrängt werden können.

    Russland aber würde Investitionen in Milliardenhöhe einbüßen (laut den Medien hatte Siemens im Jahr 2016 etwa 1,2 Milliarden Euro in die russische Wirtschaft investiert), sich aber auch mit enormen Problemen im Verkehrswesen, in der Energiewirtschaft sowie im Erdgas- und Erdölsektor konfrontiert sehen.

    Laut den Informationen auf der offiziellen Siemens-Website hängen faktisch 30 Prozent des Erdöltransportvolumens unter anderem auch von der Ausrüstung des Konzerns ab. Gegenwärtig sind 48 Prozent (!) der Kraftwerke Russlands mit Gas- und Dampfturbinen von Siemens ausgerüstet und gewährleisten 17 Prozent der installierten Leistung der Wärmekraftwerke in Russland. Die Gesamtleistung der Kraftwerke, in denen eine Siemens-Ausrüstung genutzt wird, erreicht 27,9 Gigawatt.

    Der Siemens-Konzern hat während seiner langen Tätigkeit in Russland gute Kontakte zu den russischen Politikerkreisen hergestellt, meint der führende Analytiker der russischen Stiftung für nationale Energiesicherheit, Igor Juschkow.

     „Deshalb ist es nur natürlich, dass der Konzern recht starke Positionen in Russland besitzt“, so Juschkow. „Aber wenn er tatsächlich seine Lieferungen an staatliche Strukturen und staatlich kontrollierte russische Unternehmen einstellt, würde er im Grunde genommen auf seinen Marktanteil verzichten, den dann andere einnehmen würden. In diesem Segment sind die amerikanische Korporation General Electric und auch japanische Unternehmen tätig. Die besagten Turbinen befinden sich bereits auf der Krim, dieser Bedarf ist demnach gedeckt, und so könnten Unternehmen aus anderen Ländern die deutschen in Ruhe ablösen.“

    Eine andere Sache ist dem Experten zufolge, dass die Produktion zertifiziert sei und Probleme beim Wartungsservice auftauchen könnten. Aber Siemens stelle die Frage so: Entweder gebt ihr uns die Turbinen zurück oder wir gehen.

    „Bedenkt man, dass die Entscheidung im Kreml auf Präsidentenebene getroffen werden wird, so wird ihn (den Siemens-Konzern) ein solches Ultimatum nötigen, eine harte Position zu beziehen, ohne eine Milderung zuliebe des Lizenz-Wartungsservice“, meint der Analytiker.

    Er verweist darauf, dass das Departement des Schatzamtes der USA für die Verwaltung ausländischer Aktiva nicht zufällig dieser Tage dem Unternehmen ExxonMobil  für einen vor drei Jahren getätigten Deal mit dem russischen Ölkonzern Rosneft eine Strafe in Höhe von zwei Millionen Dollar auferlegt habe. Damit scheinen die amerikanischen Regulatoren Siemens angedeutet zu haben, alles zu sehen. Etwa, man glaube den Erklärungen nicht, man habe nichts gewusst und gedacht, die Turbinen würden nach Taman gehen, und nicht auf die Krim. Und in diesem Sinne, so Juschkow, wäre der Verlust des Energiesegments am russischen Markt für den deutschen Konzern noch das kleinere Übel.

    Der führende Experte der Stiftung für nationale Energiesicherheit, Stanislaw Mitrachowitsch, meint indes, dass die Voraussetzungen für einen Kompromiss bereits sichtbar wären.

    „Siemens selbst will diesen Konflikt nicht über ein gewisses Niveau hochschaukeln. Der Konzern scheint sagen zu wollen: Wir wollen nicht raus aus dem russischen Markt, sondern werden einfach die Lieferungen mancher Art von Ausrüstung zu manchen Verträgen einschränken. Das ist ein Anzeichen für einen Kompromiss, der offenbar darin besteht, dass ein Teil der Verträge gekündigt wird, die übrigen aber in Kraft bleiben“, so der russische Experte.

     

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    Tags:
    Gasturbinen, Siemens, Krim, Russland