19:33 10 Dezember 2019
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    Das berühmte schiefe Minarett in Mossul

    IS-Papiere im befreiten Mossul gefunden: so war das Alltagsleben unter IS wirklich

    © AFP 2019 / KARIM SAHIB
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    Die aus Mosul geflüchteten Kämpfer der Terrororganisation „Islamischer Staat“ (IS, auch Daesh) hatten keine Zeit oder nicht den Willen, Bücher, Broschüren und Dokumente ihres Terrorregimes mitzunehmen. Interessante Einblicke in das Leben des selbsternannten Terrorstaates – von alltäglichen Banalitäten bis hin zu Kriegspropaganda – sind nun möglich.

    „IS-Verlag“

    Volksmiliz verbrennt IS-Flagge (Archivbild)
    © Sputnik / Michail Alaeddin
    In den Ruinen des nun befreiten Mossuls finden sich Hunderte selbstgedruckte Bücher des Terrorkalifates, die der IS relativ organisiert in einer Art eigener Druckerei angefertigt hatte. In den meisten von ihnen werden die vielen Verbote für die Einwohner unter der Herrschaft des IS aufgezählt und erklärt. So war es den Einwohnern der Stadt verboten, Sattelitenfernsehen zu schauen, weil es angeblich „vom Schaitan“ (bösen Geist, Teufel) stamme. Auch der Handel mit Zigaretten war untersagt, weil dies als ein „Ausdruck von Korruption“ gebrandmarkt wurde.

    Außerdem finden sich unter den IS-Büchern nicht nur Schriften für Erwachsene, sondern komplette Lehrbücher für Kinder im Schulalter. In diesen „Schulbüchern“ sollten den Kindern die Kernpunkte des verzerrten Islams beigebracht werden, wie ihn das Terrorkalifat für sich interpretiert hatte. So sollten Mossuls Kinder von klein auf die Ideologie des IS verinnerlichen, um später für den „Islamischen Staat“ zu kämpfen.

    Unbequeme Wahrheiten verschwiegen

    Neben dem Gedruckten für den Alltag wurde zudem viel Wert auf politische und militärische Propaganda gelegt. Der IS veröffentlichte in Mossul eine eigene Zeitung unter dem Titel „An-Naba“ (Nachricht), in der ausgiebig über die „Erfolge“ der Dschihadisten oder die militärischen Vorstöße an verschiedenen Fronten in Syrien, Irak und Jemen berichtet wurde. Besonders ausgiebig und verherrlichend wurden Geschichten über Selbstmordattentäter dargelegt – wohl in der Hoffnung, durch diese Art von Propaganda noch mehr Kandidaten für diesen „Job“ gewinnen zu können.

    Die bittere Wahrheit – das ständige Schrumpfen des „Kalifats“,  der Verlust einer Stadt nach der anderen und der drohende Komplettzusammenbruch – wurde dagegen in der „Zeitung“ eher nicht genannt.

    „Ausfüllformulare“ für Neulinge

    Für Neuankömmlinge, die im Kalifat ihre „Karriere“ beginnen wollten, war es zudem notwendig, ein umfangreiches Formular mit 29 Punkten auszufüllen. Die meisten der dort gestellten Fragen bezogen sich nicht nur auf den „Bewerber“ selbst, sondern fragten auch beispielsweise ab, ob die Familienmitglieder seiner Frau „ketzerisch“ sind – also nicht die Islaminterpretation des IS vertreten.

    Weiterhin mussten die Rekruten angeben, welche Kampfqualitäten sie bereits besitzen, wie sie dem „Kalifat“ zum Sieg verhelfen können und was der genaue Grund für den „Beitritt“ zum IS sei.

    Shoppen während des Gebets verboten

    Unter den gefundenen IS-Papieren finden sich weiter eine Art „Polizei-Protokolle“ über aufgedeckte Straftaten und Ordnungswidrigkeiten, die die Scharia-Polizei relativ penibel dokumentierte. Zur besseren Übersicht und im Gleichschritt mit internationalen Medien wurde die Statistik in Form von Infographiken zusammengestellt. 

    Diese Protokolle offenbaren, welche „Gesetze“ des selbsternannten Terrorstaates die Einwohner von Mossul am öftesten brachen. So wurden innerhalb eines Monats mehr als 12.000 Delikte registriert. 31 Prozent der Strafen ergaben sich für das Shoppen oder Handeln während der Gebetszeit. Etwa 1000 „Ordnungswidrigkeiten“ betreffen das Rauchen. Zudem hat laut den gefundenen Papieren die Sittenpolizei mindestens 315 Musikinstrumente, 55.000 Zigarettenschachteln und 1850 Drogentabletten beschlagnahmt.

    Das Kleiden im „IS-Kalifat“

    Die gefundenen IS-Statistiken offenbaren zudem eine recht unerwartet große Rolle des „richtigen“ Kleidens und Aussehens. So zielte etwa die Hälfte aller „Strafanzeigen“ auf „unangebrachte“ Kleidung ab: besonders oft wurden demnach Männer in Sandalen bestraft, weil das Tragen von Sandalen für männliche „Bürger des IS-Kalifats“ unseriös sei.

    Weiterhin sollte sich jeder Mann nach Möglichkeit um einen Bart bemühen und hierzu möglichst das Besuchen von Rasier- und Friseursalons vermeiden. Dazu bemühten sich verschiedene Broschüren um die richtige „Aufklärung“ mit dem Ziel, die Wichtigkeit des Bart-Tragens zu erklären. Als die „ausschlaggebendsten“ Erklärungen wurden dabei solche Argumente genannt, wie etwa, dass „nur Atheisten, Kreuzritter und Demokraten Bärte rasieren“.

    Staatsähnliche Strukturen

    Mossul war die erste Großstadt, die dem IS gleich am Anfang seines rasanten Aufstiegs in die Hände fiel. Während der drei Jahre unter der IS-Herrschaft hat der „Islamische Staat“ staatsähnliche Strukturen aufgebaut, mit denen er die eigene Interpretation des Scharia-Gesetzes mit brutalen Mitteln durchzusetzen versuchte. Im Juli 2017 konnte Mossul schließlich durch die irakische Armee mit Unterstützung verbündeter Verbände wieder befreit werden.

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    Tags:
    Krieg, Befreiung, IS, Terrormiliz Daesh, Mossul, Syrien, Irak