03:16 15 Dezember 2019
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    bergpartie, die überpartei (Archivbild)

    Geile Plakate, diffuse Pläne – die „bergpartei, die überpartei“ Sputnik Exklusiv

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    Politik
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    Entschleunigung, Klimaschutz und Abschaffung des Urheberrechts – dafür steht die öko-anarchistische „bergpartei, die überpartei“. Die Alternativen, die sie zu bieten hat, sind allerdings kaum zu greifen. Dafür sind ihre Plakate handgemacht – und wirklich schön.

    Zur Bundestagswahl sind schon eine Reihe sonderbarer Parteien zugelassen worden. Zu ihnen zählt auch die künstlerisch angehauchte Fusionspartei „bergpartei, die überpartei“, die allerdings nur im Berliner Friedrichshain-Kreuzberg aktiv sein wird.

    Laut Beni, einem Mitglied dieser Kleinpartei, kann man diese etwa so zusammenfassen:

    „Die Bergpartei ist ein öko-anarchistisch-realdadaistisches Sammelbecken, ein radikalfeministischer Arm, eine antisubstanzistische Aktion, eine postidentitäre Antinationale und ein utopisch-solidarischer Flügel.“ Das muss man erst einmal schlucken, dann geht es an die Zerlegung.

    Eigentlich lehne ja der Anarchismus jede Form des Parlamentarismus oder einer Demokratie ab als Formen, in denen Leute stellvertretend für andere sprechen und entscheiden, erklärt Beni. Im reinsten Sinne ist die Partei also keineswegs anarchistisch ausgerichtet, da es nach diesem Konzept keine Partei geben kann. Er versteht diesen Begriff eher als ein „Spannungsfeld“, in dem sich die Partei bewegt.

    Zu diesem Spannungsfeld gehört auch die Ökologie: Angesichts drohender Umweltkatastrophen will die Kleinpartei nämlich einen Ausweg an der zunehmenden Verschmutzung der Umwelt bieten. Da die Wirtschaftskrise gezeigt habe, dass unbegrenztes Wachstum nicht funktioniere und immer auf Kosten von Mensch und Umwelt gehe, müsse für Entschleunigung gesorgt werden, der Mensch müsse sich die Sinnfrage wieder stellen, worin der Wert seiner Arbeit eigentlich liege. Denn der derzeitige Stand sieht für Beni so aus:

    „Der Markt ist zwischen die Menschen getreten und dem zu Wohle wird alles angepasst.“ Das Individuum dagegen zähle nichts.

    Die Partei tritt auch ein für ein bundesweites Grundeinkommen, sie war sogar die erste deutsche Partei, die das als Reaktion auf die Agenda 2010 ins Programm aufgenommen hatte. Derzeit prägen nach Ansicht Benis Abstiegsangst und Anpassungsdruck an Arbeitsmarkt die Menschen. „Die Leute müssen flexibel sein, sie müssen jetzt auch in ihrer Freizeit arbeiten, mit dem Chef befreundet sein und sich mit dem Unternehmen identifizieren und rund um die Uhr verfügbar sein“, bemängelt das Mitglied der „bergpartei, die überpartei“. Durch das Existenzgeld will die Partei die Menschen absichern und ihnen das Vertrauen in das Leben zurückgeben, das diese angesichts zunehmender Prekarisierung verloren haben.

    Auch im Bereich des Urheberrechts will die Partei Veränderungen vornehmen, genauer genommen: es einfach abschaffen. Die Begründung für einen solchen Schritt besteht darin, dass das Patentrecht einer Verbreitung von Ideen verhindere und deren Nutzen mindere. Besonders problematisch ist dies für Beni im Fall von wissenschaftlichen Ergebnissen, die aus öffentlichen Mitteln finanziert und dann verkauft werden. „Gedanken und Ideen müssen einfach frei sein“, schließt er daraus. Das bedeutet für die Partei allerdings nicht, dass die Erfinder deswegen verhungern müssten, sie sollen weiterhin für ihre Arbeit entlohnt werden, aber:

    „Bitte auf einem ganz anderen Selbstverständnis als mit so einem Eigentumsdenken.“ Wie genau die Alternative zum gängigen Modell aussehen soll, wird allerdings nicht wirklich klar. Dass die Kleinpartei in vielen Punkten nicht deutlich genug wird, gibt auch Beni zu. Man verfolge „hohe Ziele mit einer diffusen Strategie“ und habe „keinen exakten Plan zur Umgestaltung der Gesellschaft“. Das sei aber auch Teil des Programms, denn man wolle den kommenden Generationen nicht vorschreiben, wie sie zu leben haben. Ob das so aufgeht?

    Ganz im Sinne ihres Künstlertums malt die Partei ihre Plakate selbst, Stück für Stück. Zu den Plakaten der etablierten Parteien sagt Beni: „Ich finde die alle wenig überraschend, inhaltsleer und unschön, eigentlich eine Verschandelung der Stadt.“ Dagegen nehmen sich die Plakate der „bergpartei, die überpartei“ in der Tat angenehm heraus:

    • bergpartei, die überpartei
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    bergpartei, die überpartei

    Übrigens: Der komische Name „bergpartei, die überpartei“ hat einen einfachen Grund. Früher waren beides kleine unabhängige Parteien, die im Jahr 2011 fusioniert sind. Und der Name Bergpartei hat auch nichts direkt mit einem Berg zu tun. Vielmehr wurde diese Partei im Palast der Republik gegründet unter einer bergähnlichen Installation, so Beni.

    Das komplette Interview mit Beni zum Nachhören:

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    Tags:
    Anarchismus, Parteien, Aktion, Plakat, Ökologie, Deutschland