09:28 24 Oktober 2017
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    Kanzlerin Angela Merkel und Präsident der Türkei Recep Tayyip Erdogan (Archivbild)

    Berlin vergleicht Ankaras Vorgehen mit Nazizeiten: Was steckt dahinter?

    © AFP 2017/ Tobias SCHWARZ
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    Indem Deutschland Parallelen zwischen dem in der Türkei eingeführten Dresscode für die der Beteiligung am Putschversuch Angeklagten und Nazimethoden zieht, versucht es laut dem Politologen Can Ünver, die Krise in den Beziehungen zwischen den beiden Ländern noch mehr zu verschärfen. Dies entspreche Berlins geopolitischen Plänen.

    „Vor bereits mehr als anderthalb Jahren hatte Deutschland angefangen, seine antitürkische Kampagne zu betreiben. Dafür gibt es gleich mehrere strategische und politische Gründe“, sagte Ünver in einem Interview mit der Agentur Sputnik Türkiye.

    Somit reagierte der Politologe auf die jüngste Äußerung des Sprechers des Auswärtigen Amtes, Martin Schäfer. „Jedenfalls ist es schon ungewöhnlich, dass da jemand unser Land der Nazimethoden bezichtigt und dann Dinge tut, die jedenfalls für mich als einen Deutschen ungute Erinnerungen an ungute Zeiten in Deutschland wecken“, sagte Schäfer bei einem Briefing.

    Heutzutage könne man eine gewisse Umorientierung Deutschlands beobachten, die auf seine strategische Lage zurückzuführen sei, so der türkische Experte. „Es äußert seine Anerkennung zum Ausstieg Großbritanniens aus der EU, da es die einzige Führungskraft in dieser Struktur bleiben will“, äußerte Ünver.

    Darüber hinaus verfolge Berlin – zusammen mit Tschechien und Rumänien – das Ziel der Bildung einer einheitlichen europäischen Armee. Das zeuge davon, dass sich Deutschland von der Nato distanzieren wolle. „Es will eine Weltmacht werden und den Einfluss der Türkei in den Regionen verringern, die es als strategisch wichtig betrachtet“, so der Experte.

    Recep Tayyip Erdogan und Angela Merkel bei G20-Gipfel in Hamburg
    © REUTERS/ Pool/Michael Kappeler
    Der Hauptgrund der antitürkischen Kampagne bestehe jedoch darin, dass sich Deutschland wegen den auf seinem Territorium lebenden 3,5 Millionen Türken aufregt, betonte der türkische Politologe. Die große Koalition mit Angela Merkel an der Spitze habe versucht, den Türken ihr Integrationsprojekt aufzuzwingen. Die Politiker hätten sich gewünscht, so Ünver, dass die deutschen Türken komplett auf ihre kulturelle Identität verzichten und sich in die deutsche Gesellschaft integrieren. Als dieser Versuch misslang, habe man eine Diskreditierungskampagne gegen die Türken gestartet.

    Eine große Rolle bei dieser Kampagne spielen Ünver zufolge die deutschen Medien. „Die deutsche Presse ist lange nicht so unabhängig, wie man dies darzustellen versucht. Ihre Handlungen werden stets in eine für die Regierung günstige Richtung gelenkt“, betonte der Politologe. Genau deswegen

    gieße die deutsche Presse derzeit Öl ins Feuer, indem sie aktiv an den Diskussionen über die Festlegung eines speziellen Dresscodes teilnehme, an den sich vor Gericht jene halten müssen, die unter Verdacht stehen, an dem misslungenen Putschversuch in der Türkei teilgenommen zu haben. „Haben sie je gehört, dass sich Deutschland genauso eifrig dagegen geäußert hätte, dass die im Guantanamo-Gefängnis sitzenden Verurteilten eine einheitliche Uniform tragen, oder die USA zu Obamas Zeiten deswegen mit der Naziregime verglichen hätte? Das tut man aber heute, weil es um die Türkei geht“, unterstrich der Experte.

    Aktuell gerate aber jeder negative Anlass, jede Kleinigkeit bezüglich der Türkei sofort in die Presse und werde unheimlich groß aufgemacht. „Das ist in der Tat eine für die Beziehungen zwischen den beiden Ländern äußerst gefährliche Situation“, so der Politologe abschließend.

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    Tags:
    Anlass, Kampagne, Einfluss, Pläne, Nazis, Weltmacht, Vergleich, Integration, Geopolitik, Medien, Martin Schäfer, Türkei, Deutschland
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