03:09 21 Oktober 2017
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    Auf der Grenze zwischen Süd- und Nordkorea

    Willy Wimmer: Nordkorea testet die Vereinigten Staaten aus

    © AFP 2017/ Ahn Young-Joon
    Politik
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    Donald Trump und Nordkoreas Staatschef Kim Jong Un überbieten sich seit Tagen mit Drohgebärden. Einige Beobachter beschwören bereits den 3. Weltkrieg herauf. Verteidigungsstaatssekretär a. D. Willy Wimmer hält die Gefahr für sehr groß, hofft aber auf den Einfluss Russlands und Chinas und meint, man sollte Nordkorea nicht unterschätzen.

    Herr Wimmer, wie groß ist die Gefahr eines Krieges zwischen den USA und Nordkorea?

    Die Gefahr ist übergroß und hat nicht nur damit zu tun, dass wir derzeit diese Raketendrohungen haben. Wir stehen unmittelbar vor dem jährlich stattfindenden Manöver "Team Spirit", in dem Südkorea und die Amerikaner jeden Sommer Krieg auf der koreanischen Halbinsel inszenieren. Wir haben es hier mit einem Pulverfass zu tun, das die Welt bisher in dieser Größenordnung noch nicht gesehen hat.

    Japan und Südkorea vertrauen am stärksten auf die USA als Verbündete. Und die Rüstungsindustrie freut sich auch.

    Das sieht man ja im Zusammenhang mit den Raketenabwehrwaffen, die gegen den Willen der südkoreanischen Regierung durch die USA in Südkorea stationiert sind. Auch in Japan fährt man publikumswirksam schwere Geschütze auf. Das, was Nordkorea ja schon seit Jahrzehnten veranstaltet, ist für die Vereinigten Staaten ein probates Mittel, die Verbündeten Südkorea, Japan und natürlich auch Taiwan unter Kontrolle zu halten. Dabei gibt es in Japan durchaus Stimmen, die sich aus dieser eisernen Klammer der USA lösen wollen.

    Und was ist mit den großen Nachbarn in der Region, China und Russland? Sind hier die diplomatischen Kanäle nach Nordkorea noch offen?

    In dieser Region treffen als Ergebnis des Korea-Krieges und zuvor des 2. Weltkrieges die Interessen der Vereinigten Staaten, Chinas und heute der Russischen Föderation eng aufeinander. Entsprechend ist der Einfluss Pekings und Moskaus auch hoch. Und wir sehen ja anhand der Aktivierung der Luftabwehr in Russisch-Fernost in diesen Tagen, dass man sich auf alles einstellt. Aber trotzdem sind die Russen natürlich ständig in Kontakt zu Pjöngjang. Ich bin selbst mehrmals in Nordkorea gewesen und hatte dort auch engen Kontakt zu den kenntnisreichen Vertretern an der russischen Botschaft. So weiß ich aus eigenem Erleben, dass die Drähte intensiv und eng sind.

    Viele in Deutschland erinnern sich nicht mehr an den Korea-Krieg. In Korea dagegen hat dieser grausame Krieg eine Bedeutung wie bei uns der 2. Weltkrieg. Vor diesem Hintergrund: Meinen Sie, die Nordkoreaner wollen Krieg?

    Sie testen die Vereinigten Staaten aus. Und das zu einem Zeitpunkt, wo die Amerikaner offensichtlich selbst ins Trudeln geraten sind. Wobei die Ursachen hierfür nicht unter Trump entstanden sind, sondern im amerikanischen Vorgehen seit mehr als hundert Jahren begründet sind. Man hat den Eindruck, dass die Herrscherfamilie Kim und ihr jüngster Spross austesten, wie weit man die USA auch international vorführen kann. Das beobachten viele auf dem Globus mit Interesse, um zu schauen, wie weit man die USA reizen kann. Das ist der berühmte Kampf des David, der sich gegen Goliath erhebt. Das ist für die nordkoreanische Führung die einzige Möglichkeit, unter Umständen die Vereinigten Staaten zu substanziellen Verhandlungen zu zwingen.

    In gewisser Weise kann man ja Korea mit Deutschland vor dem Mauerfall vergleichen. Was wäre nötig, um auch diese Mauer einzureißen?

    Ich habe selbst  mit einem hohen nordkoreanischen Offizier in der Waffenstillstandszone von Panmunjom, unweit von Seoul zusammen gestanden und er wollte konkret von mir wissen, welche Konsequenzen die Integration von Streitkräften bei der Wiedervereinigung in Deutschland hatte. Der war bestens unterrichtet. Und sie testen schon die Perspektiven für die koreanische Halbinsel im Vergleich mit denen aus, die bei so etwas interessante Erfahrungen gemacht haben. Man muss sich immer wieder wundern, dass so ein isoliertes Land wie Nordkorea, mit dem nun wirklich niemand im Sandkasten spielen will, so streng und logisch seine Politik betreibt. Das haben mir auch chinesische Gesprächspartner immer wieder bestätigt, dass die Nordkoreaner so mit dem Rücken zur Wand stehen, dass ihnen nichts anderes übrigbleibt als klare Logik. Sie sind nicht so, wie sie im Westen oft beschrieben werden. Die wissen, was sie tun.

    Wie sollte sich Europa in diesem Konflikt positionieren? Oder ist das zu weit weg und geht uns nichts an?

    Das geht uns eine Menge an, denn zum Beispiel in der japanischen Regierung geht man davon aus, dass im Konfliktfall die Bundeswehr auf der koreanischen Halbinsel eingesetzt werden würde. Dazu darf es unter keinen Umständen kommen, dass wir unsere Soldaten hier für die Interessen Dritter verheizen. Also müssen wir uns auch hier engagieren.

    Armin Siebert

    Das komplette Interview zum Nachhören:

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    Tags:
    Krieg, Atomprogramm, Interview, Armin Siebert, Willy Wimmer, Nordkorea, USA, Russland, China
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