22:01 30 März 2020
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    „Die atomare Apokalypse naht“ prophezeit manch ein Boulevardblatt, wenn es um den Konflikt auf der Koreanischen Halbinsel geht. Kommt diese Endzeitstimmung auch bei den Koreanern an? Schon möglich, schreibt die Zeitung „Rossijskaja Gaseta“. Nur gibt es weiß Gott wichtigeres im Leben als immer nur Krieg und Weltuntergang.

    Dass die Hauptstadt ihres Landes der nordkoreanischen Artillerie hoffnungslos ausgeliefert ist, wissen die Südkoreaner seit Langem. Auch sind sie bestens informiert über Trumps und Kim Jong-uns gegenseitige Drohgebärden. Die Details eines möglichen Atomschlags gegen Pjöngjang respektive das US-Kernland liefern die Medien aus aller Welt schließlich täglich auch den Südkoreanern frei Haus.

    Zwar könnte Seoul auf den ersten Blick den Eindruck erwecken, als würden die Menschen dort sich mit Hamsterkäufen eindecken oder gleich panisch die Flucht ergreifen: Die Flughäfen der Hauptstadt platzen aus allen Nähten, in den Supermärkten fehlen schon bestimmte Lebensmittel, die Eier nämlich.

    Nur fehlen die Eier nicht wegen angeblich drohender Okkupation durch Kim Jong-uns Truppen, sondern weil darin – zum Verdruss südkoreanischer Hausfrauen – Pestizide entdeckt wurden. Und die Flughäfen müssen nicht etwa Südkoreaner abfertigen, die in Massen aus ihrer Heimat fliehen wollen, sondern Urlauber, deren Sommerurlaub zu Ende geht.

    Und dann sind da noch die heftigen Regenfälle, weswegen die Südkoreaner in einigen Landesteilen mit Überflutungen rechnen müssen. Da rutschen Wortgefechte zwischen Washington und Pjöngjang auf der Tagesordnung erstmal weiter nach unten.

    Völlig fehlen internationale Themen an diesem 15. August in Südkorea aber auch nicht. Ganz Korea – Süd wie Nord – feiert heute nämlich die Befreiung der Koreanischen Halbinsel von japanischer Besatzung. Aus diesem Anlass hat der südkoreanische Präsident Moon Jae-in natürlich eine Rede an die Nation gehalten. Darin mahnte er dann doch auch Nordkorea und die Vereinigten Staaten, einen Krieg werde es auf der Koreanischen Halbinsel ohne Seouls Zustimmung nicht geben, die Konfliktparteien sollten zum Dialog und Kompromiss finden.

    Bleibt also festzuhalten: Die ganze Welt fürchtet sich vor einem Atomkrieg auf der Koreanischen Halbinsel mehr als die Koreaner selbst. Paradox erscheint dies nur auf den ersten Blick, denn die Südkoreaner leben im Zustand der Konfrontation mit Nordkorea seit über 60 Jahren. Kriegsdrohungen und Schreckensszenarien gehören für sie fast schon zum Alltag und sind inzwischen so etwas wie eine Begleiterscheinung des normalen Lebens: Kein Grund durchzudrehen, man gewöhnt sich einfach dran.

    Der amtierende Präsident Moon Jae-in begünstigt diese stoische Haltung maßgeblich. Er hat sein Amt angetreten mit dem Versprechen, die Zusammenarbeit zwischen den beiden koreanischen Staaten zu fördern, und bleibt seinem Versprechen treu: Zwar ruft er den Norden immer wieder zum Dialog auf, provoziert Pjöngjang aber nicht.

    Schaut man sich dazu noch die letzten Konflikte auf der Koreanischen Halbinsel an, stellt man fest: Wie sehr die Konfliktparteien auch mit den Säbeln rasselten, früher oder später setzten sie sich ziemlich zügig an den Verhandlungstisch, um wiedermal eine diplomatische Lösung auszuhandeln. So überraschen Gerüchte nicht, dass Pjöngjang und Washington bereits vertraulich über die Aufnahme eines Dialogs verhandeln.

    Schon erklärt Kim Jong-un laut nordkoreanischen Medien, er werde sich das Verhalten US-amerikanischer Aggressoren vorerst anschauen – immerhin spricht er nicht mehr von der Notwendigkeit eines Atomschlags gegen die USA. Auch hochrangige Mitarbeiter der Trump-Administration betonen nach ihrem jüngsten Besuch in Seoul die Notwendigkeit, „diplomatische Auswege aus der Krise zu suchen“. Washington habe jedenfalls nicht vor, Kim Jong-un zu stürzen und einen Regimechange in Nordkorea zu betreiben, hieß es.

    Und wenn es sich dem wirklich so verhält, dann haben die Südkoreaner wohl recht, wenn sie sich wegen verseuchter Eier und heftiger Regenfälle mehr Sorgen machen als wegen eines allerseits heraufbeschworenen Armageddons.

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    Tags:
    Leben, Zivilisten, Lage, Zuspitzung, Konflikt, Moon Jae-in, Japan, Südkorea, Nordkorea