11:39 09 Dezember 2019
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    Dalai Lama bei der Religionskonferenz in Mumbai, Indien

    Dalai Lamas Krisenratschläge: „Ich bewundere Angela Merkel, aber…“

    © AFP 2019 / Indranil Mukherjee
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    Der Dalai Lama ist davon überzeugt, dass Russland in der Tat zu einer Brücke zwischen Ost und West werden könnte - dafür brauche es nur Zeit. Im Interview mit dem russischen Radiosender Kommersant FM erläuterte er ferner, wo aus seiner Sicht die Wurzel des internationalen Terrors liegt und wie sich die europäische Flüchtlingskrise lösen ließe.

    „Ich betrachte Russland und sehe, wie man sich gegen Korruption einsetzt und so weiter. Ich denke, zur Stalin-Zeit war so etwas schlicht unmöglich. Ein Wandel vollzieht sich – nicht so schnell, wie Ihr möchtet, aber doch. Ich glaube an eine große Zukunft Russlands. Russland könnte tatsächlich zu einer richtigen Brücke zwischen Ost und West werden“, prognostizierte der Dalai Lama.

    Zum russisch-amerikanischen Verhältnis sagte er wohl nicht ganz ernst: „Wissen Sie, mein Traum ist, dass das Nato-Hauptquartier nach Moskau verlegt wird. In der russischen Mentalität ist die Nato ein Symbol für eine feindliche Macht. Falls der Sitz der Allianz in Moskau landet, werden es alle psychologisch leichter haben: Es wird die Empfindung entstehen, dass Ihr und die Amerikaner nun zusammen seid! Ich befürchte allerdings, dass man mir nach diesem Vorschlag keine Einreise nach Amerika mehr erlaubt…“

    Führt Politik des Westens zu Hunderten Bin Ladens?

    Der Dalai Lama wurde zudem zum Thema Islamismus und Terror befragt. In seiner Antwort pochte er auf die Notwendigkeit, die Wurzel des Problems zu erkennen und es so im Keim zu ersticken:

    „Man muss verstehen, wo die Wurzel des Problems liegt. Bei dem Samen, der Früchte zeugte, handelt es sich nach meiner Auffassung um die Politik der westlichen Länder – vor allem der Amerikaner – während der Irak-Krise, als auf Gewalt gesetzt wurde. Ich sprach diesen Gedanken mehrmals gegenüber westlichen Spitzenvertretern aus: Wenn Sie dieses Problem gewaltsam lösen, bekommen Sie in zehn Jahren Hunderte von Bin Ladens.“

    Er erläutert ferner: „Präsident Bush jr. ist ein reizender Mensch – eben als Mensch. Doch seine Politik, seine Überzeugung davon, dass die Lösung in militärischer Gewalt liegt… Militärische Gewalt kann töten, ist aber nicht in der Lage, Verstand, Herz und Emotionen zu ändern. Die Tötung eines Menschen bereitet seinen Freunden und seinen Verwandten Schmerz, steckt zehn, zwanzig Menschen um ihn herum mit Zorn und mit dem Wunsch nach Rache an. Ist das nicht offensichtlich? Die Anwendung von Militärgewalt durch die Amerikaner in der Irak-Krise hatte immense negative Auswirkungen für die Geschehnisse weltweit und brachte Millionen Menschen in der muslimischen Welt gegen Amerika auf“, so Dalai Lama.

    Wie ließe sich also dieser Teufelskreis von Gewalt stoppen?

    „Die Reaktion des radikalen Islams in Form von Terroranschlägen in europäischen Ländern – in der Hoffnung darauf, dass diese Anschläge Amerika stoppen werden – ist ebenfalls fehlerhaft und nutzlos. Dieser Teufelskreis von Gewalt lässt sich nur durch einen Dialog stoppen“, mahnte er.

    Europa kein ewiges Heim für Flüchtlinge

    Zur europäischen Flüchtlingskrise sagte der Interviewte: „Ich bewundere Angela Merkel – doch die Flüchtlinge aus arabischen Ländern sollten nicht als künftige ständige Bewohner Europas betrachtet werden. Man sollte Europa nicht als ihr neues ewiges Heim betrachten. Europa soll ein vorübergehendes Asyl für sie sein – in ihren Heimatländern gibt es ja so viel Mord und Leid!“

    Sein Ratschlag lautet:

    „Gewähren Sie ihnen Zuflucht, geben Sie gleichzeitig ihren Kindern und Jugendlichen Aussichten und Ausbildung, bereiten Sie sie auf ein neues Leben vor. Doch die Hauptbemühung sollte darauf abzielen, Frieden in ihrer Heimat zu erreichen. Sobald dieser Frieden einkehrt, sollen diese Flüchtlinge – bereits mit ihrer Ausbildung, mit ihren erworbenen Kenntnissen und europäischen Erfahrungen – heimkehren und sich mit dem Aufbau eines neuen friedlichen Lebens in ihrer Heimat beschäftigen. Und die europäischen Länder sollten ihnen dabei helfen. Dies ist aus meiner Sicht der einzige Ausweg“, betonte der Dalai Lama.

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    Tags:
    Islamismus, Terror, Flüchtlingskrise, Kommersant, NATO, George Bush Junior, Dalai Lama, Angela Merkel, Tibet, USA, Russland