06:19 22 November 2017
SNA Radio
    Russisches Luftabwehrsystem S-400 (Archivbild)

    Geplanter S-400-Deal: „Moskau verkauft der Türkei Unabhängigkeit“

    © Sputnik/ Artjom Zhitenew
    Politik
    Zum Kurzlink
    1868027129

    Die Türkei will russische S-400-Luftabwehrsysteme kaufen – doch welche konkreten Vorteile erhofft sich jedes der beiden Länder von diesem Deal? Mit der Frage beschäftigt sich der russische Analyst Geworg Mirsajan.

    Mirsajans Kommentar für die Onlineausgabe der Zeitschrift „Expert“ ist betitelt: „Moskau verkauft der Türkei Unabhängigkeit.“ Der Analyst schreibt im Hinblick auf die angekündigte S-400-Lieferung: „Das Interesse der Türkei ist militärisch verständlich – sie kauft damit ein modernes und sogar wohl weltbestes Luft- und Raketenabwehrsystem. Erdogan sagte, Ankara habe solche Systeme ‚seit Jahren‘ benötigt, aber keine Lieferungen aus den USA erwirkt.“

    Das politische Interesse sei ebenfalls offensichtlich:

    „Die türkische Führung will ihren westlichen Partnern ein Signal senden, dass sie mit dem aktuellen Stand dieser Partnerschaft äußerst unzufrieden ist.“

    Der Analyst erläutert, das türkisch-europäische Verhältnis balanciere am Rande einer offenen Feindlichkeit. Der EU seien weder massive Verstöße gegen Menschenrechte und Opposition in der Türkei recht noch Erdogans Bestrebungen danach, das Land in ein de facto Sultanat zu verwandeln. Auch die Beziehungen der Türkei mit den USA seien keineswegs reibungslos. Schuld sei Washingtons Kooperation mit Syrien-Kurden – Ankara betrachte deren Erstarkung als Bedrohung für die nationale Sicherheit der Türkei. Dazu noch werfe die Türkei den USA vor, in den gescheiterten türkischen Putschversuch im Sommer 2016 mit verwickelt gewesen zu sein.

    In Bezug auf Russlands Interesse am S-400-Deal erläutert Mirsajan: „Erstens geht es ums Geld – nicht bloß um jene 2,5 Milliarden Dollar, die der russische Hersteller bekommen soll, sondern auch um Einnahmen aus der nachfolgenden Wartung der gelieferten Systeme.“

    Zweitens gehe es um Russlands Marktpositionen im Allgemeinen: „Moskau bietet seine S-400-Systeme (in einer Exportversion natürlich) bereits manchen Ländern an – und der Deal mit der Türkei soll für diese russischen Waffen, die weltweit kein Pendant haben, zusätzlich Werbung machen.“

    „Durch den Waffenverkauf an die Türkei vertieft Moskau drittens die Spaltung zwischen der Nato und Ankara, indem die Isolation der Türkei im Westen geschürt wird, was die Beziehungen mit Russland für Erdogan noch wichtiger macht – damit der türkische Präsident in den syrischen Angelegenheiten gefügiger wäre“, so der Kommentar.

    „Viertens erhöht der S-400-Verkauf den Unabhängigkeitsgrad der türkischen Außen- und Verteidigungspolitik (es ist klar, dass das Land diese Waffen zum Schutz vor dem Iran braucht), aber auch die Rolle von Ankara in der Region. Zwar ist dieses Spiel gefährlich, denn Erdogans Türkei ist allzu unberechenbar und abenteuerlich, doch es ist trotzdem nötig, um eine gewisse Kräftebalance regionaler Supermächte (Türkei, Iran, Saudi-Arabien, Israel) in der Nahost-Region zu erzielen. Denn ausgerechnet diese Balance wäre die Hauptgarantie dafür, dass Russland nach dem Ende des Syrien-Kriegs nicht aus dem Nahen Osten rausgeschmissen wird – jeder Akteur der Balance wird darauf aus sein, sich eine Unterstützung Moskaus zu sichern und es auf seine Seite zu ziehen“, schreibt Mirsajan.

    Zum Thema:

    Türkei: Auch Übergabe von S-400-Technologien mit Russland abgestimmt
    Russische S-400 machen US-Atombedrohung für China unwirksam
    Raketendeal mit Ankara: S-400 werden in volle Vertragsbereitschaft versetzt
    Neue Details zu Unterzeichnung von S-400-Dokumenten mit Ankara bekannt geworden
    Tags:
    Luftabwehr, Waffenlieferungen, S-400, Russland, USA, Türkei
    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren