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15:52 19 August 2019
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    Arktische Truppen (Archivbild)

    „Kalte Waffen“: So schützt Russland seine militärischen Interessen in der Arktis

    © Sputnik / Igor Ageenko
    Politik
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    Vor genau 40 Jahren, am 17. August 1977 hat der sowjetische Atomeisbrecher „Arktika“ als welterstes Überwasserschiff den Nordpol erreicht. Der starke Atomeisbrecher mit einer Wasserverdrängung von 23.500 Tonnen startete von Murmansk am 9. August und erreichte in nur acht Tage das Endziel auf dem 90. Breitengrad.

    Wie die Zeit zeigte, war diese Expedition für die Sowjetunion nicht nur ein wissenschaftlicher, technischer und Image-Durchbruch, sondern im gewissen Sinne auch ein ernsthafter militärischer Erfolg. Die Möglichkeiten der Schifffahrt im  Eis ermöglichten der Sowjetunion die Präsenz ihrer Kriegsflotte und die Versorgung der Militärobjekte in dieser strategisch wichtigen Region der Welt.

    In den letzten zehn Jahren intensivierte Russland stark den Militärbau in der Arktis. Das Verteidigungsministerium baut auf entfernten nördlichen Inseln Stützpunkte und Flugplätze. Dabei hilft auch die weltweit größte Eisbrecherflotte. Westliche Länder, die ebenfalls diese Region beanspruchen, versuchen, nicht zurückzubleiben. Das ist auch nicht verwunderlich, denn die Kontrolle über der Arktis gibt mehrere ernsthafte wirtschaftliche, militärische und politische Vorteile. Darüber, was hinter der Festigung der Positionen Russlands auf der Spitze der Welt steht und auf welche Waffen die Militärs setzen — in diesem Artikel.

    Zone besonderer Aufmerksamkeit

    Laut vielen Experten verfolgt Russland mit dem Ausbau seiner Militärpräsenz in der Arktis drei Ziele. Erstens bekommt das Land de facto die Möglichkeit, die Nordostpassage – den Nördlichen Seeweg — als wichtigsten Verkehrsweg alleine zu kontrollieren. Alleine 2016 beförderten Schiffe 7,26 Millionen Tonnen verschiedene Frachten, indem die Kennzahlen der Sowjetzeit erstmals überschritten wurden. Zudem schützt Russland damit seinen Reichtum im Gewässer des Nordpolarmeeres – Öl und Gas. Er wird seit langem von anderen Staaten begehrt, die die Arktis beanspruchen – USA, Kanada, Island, Norwegen, Schweden, Finnland und Dänemark.

    Drittens ist das Gewässer des Nordpolarmeeres hinsichtlich der Sicherheit eine ziemlich schwierige Region für unser Land. Die riesengroße Länge der Staatsgrenze im Norden macht Russland in dieser Richtung anfällig für die potentielle Aggression. Die Militärpräsenz in der Arktis würde es ermöglichen, die Schiffe eines wahrscheinlichen Gegners mit Raketenabwehrsystemen und strategischen Angriffssystemen an Bord nicht in die Region zu lassen. Jetzt sorgt Russlands Nordflotte im Bestand des Vereinigten Strategischen Kommandos „Nord“ für die Verteidigung der kältesten Grenzen des Landes.

    Russischer Eisbrecher in der Arktis (Archivbild)
    © Sputnik / Wladimir Astapkowitsch
    „Die Nordflotte kann heute nicht einfach als Flotte bezeichnet werden“, sagte der Chefredakteur der Zeitschrift „Arsenal Otetschestwa“, Viktor Murachowski. „Nach ihren Funktionen entspricht sie mehr einem operativ-strategischen Kommando bzw. einem Militärbezirk. Dazu gehören Raketen- und Artillerieverbände, eine motorisierte Scharfschützenbrigade, eine Flugabwehrdivision und andere Heeresstrukturen. Zum Verantwortungsbereich dieser Gruppierung gehört die ganze Arktische Region ausgenommen seines östlichen Teils. Die Nordflotte verlegt heute de facto die möglichen Grenzen des Starts von gegnerischen Marschflugkörpern um mehrere hunderte Kilometer von unseren nördlichen Grenzen weg.“

    Der Kälte zum Trotz

    Zur Lösung dieser und anderer Aufgaben nimmt die russische Militärführung neue Technik  in Dienst, die unter extremen Klimabedingungen des Hohen Nordens vorgehen kann. Auf der Siegesparade in diesem Jahr rollten die arktischen Modifikationen der russischen Flugabwehrsysteme – Kurzstrecken-Flugabwehrkomplexe Tor-M2DT, Flugabwehrkomplexe Panzyr-SA sowie spezielle Versionen der Versorgungswagen – über den Roten Platz in Moskau. Diese Bodentechnik für die Arktische Region wurde auf Grundlage der Zwitterfahrzeuge DT-30 Witjas zusammengebaut, die bei Lufttemperaturen unter Minus 55 Grad Celsius funktionieren können. Einige Modifikationen dieser Fahrzeuge können Wasserhindernisse überwinden, was ihre Mobilität am Nordpol deutlich erhöht. Die neuen Panzyr und Tor decken die Stationierungsorte der Langstrecken-Raketenabwehrsysteme S-400, die seit 2015 in der Arktis stationiert werden.

    Auch der arktische Heeresverband verfügt über ein einmaliges Arsenal – die 80. einzelne motorisierte Schützenbrigade, die im Dorf Alakurtti im Gebiet Murmansk stationiert ist. Die kältefeste Infanterie geht mit Schnee- und Moor-Fahrzeugen TREKOL vor. Solche Fahrzeuge können sich auf dem Gelände bewegen, ohne die Geschwindigkeit zu senken.

    Darüber hinaus verfügen die Kämpfer der 80. Brigade über allradgetriebene LKWs Ural und KAMAZ, die an extrem niedrige Lufttemperaturen angepasst sind, ebenso über Schnee-Fahrzeuge TTM-1901 Berkut mit einer beheizten Kabine sowie über Luftkissenboote. Dazu kommen noch – Hunde- und Rentier-Schlitten. Während des Großen Vaterländischen Kriegs spielten die letzteren eine große Rolle bei der Verteidigung des Gebiets jenseits des Polarkreises, als Munition und Mannschaften an den Zielort gebracht werden mussten. Die Tiere können dort zur Hilfe kommen, wo die Technik scheitern wird.

    Darüber hinaus werden für die Arktis-Brigade spezielle Modifikationen der Panzer, Schützenpanzerwagen und Hubschrauber entwickelt – darunter die Hubschrauber Mi-8AMTsch-WA mit Beheizungssystem des Triebwerkes. Für die Arbeit über der Wasseroberfläche ist dieser Hubschrauber mit einem Konditionierungssystem der See-Rettungsanzüge ausgestattet, in denen die Besatzungsmitglieder arbeiten.

    Zudem müssen auch die neuen Eisbrecher erwähnt werden. 2017 soll die Nordflotte  den dieselelektrischen Eisbrecher Ilja Muromez bekommen. Er ist imstande, in einem bis zu ein Meter dicken Eisfeld vorzugehen. Neben der Erfüllung seiner Hauptfunktion – anderen Schiffen die Fahrt durch arktische Gewässer zu ermöglichen — wird er auch Frachten zur Versorgung der arktischen Gruppierung mit der notwendigen Ausstattung befördern können. Im Dezember 2015 bekam die Nordflotte das Versorgungsschiff Akademik Kowaljow des Projekts 20180TW. Zudem soll zum Jahr 2020 für die Kriegsflotte ein Patrouillenschiff der arktischen Zone Iwan Papanin des Projekts 23550 gebaut werden, das mit Antischiffsraketen und einer universellen 100-Millimeter-Kanone AK-190 ausgerüstet sein wird.

    Häuschen im Norden

    Russland ist heute das einzige Land, das über Militärstützpunkte in der Arktis verfügt. Im vergangenen Jahr wurde auf dem Archipel Franz-Joseph-Land ein einmaliger Stützpunkt „Arktisches Dreiblatt“ in Betrieb genommen. Seine Fläche macht mehr als 14.000 Quadratmeter aus. Im Mittelpunkt des Stützpunktes liegt ein fünfstöckiges Wohnhaus. Im Erdgeschoss befinden sich technische Anlagen, dank denen der Stützpunkt lange Zeit in einem autonomen Betrieb funktionieren kann. In anderen Stockwerken befinden sich Wohnräume, Speisesäle, Waffenräume, Beobachtungsstellen, Lebensmittel- und Kraftstofflager.

    In der Garnison können 150 Menschen 18 Monate lang autonom ihren Dienst leisten. Der Stützpunkt wird per Luftweg, via den Flugplatz Nagurskoje versorgt. Insgesamt sollen in der Region 13 Stützpunkte gebaut werden.

    Neben dem Hauptgebäude gehören zum Stützpunkt ein Kraftwerk, eine Wasserreinigungsanlage für 700 Tonnen Wasser, eine Pumpstation zur Auffüllung der Kraftstoffvorräte, Kläranlagen, beheizte Boxen für Militärtechnik. Die Räume sind durch überdachte Galerien miteinander verbunden, so dass das Personal sich schnell dazwischen bewegen kann. Alle Gebäude stehen auf Pfählen, einige Meter über der Eisoberfläche. Nach einem ähnlichen Projekt wird auf der Kotelny-Insel (Neusibirische Inseln) ein weiterer russischer Militärstützpunkt gebaut – „Nördlicher Klee“, wo 250 Menschen wohnen sollen.

    Jetzt sind auf dem Stützpunkt „Arktisches Dreiblatt“ die Einheiten der 1. Division der 45. Armee der Luftstreitkräfte und Flugabwehrkräfte der Nordflotte stationiert. Diese Armee wurde im Dezember 2015 für den Dienst auf den Inselgruppen Franz-Joseph-Land, Nowaja Semlja und Neusibirische Inseln aufgestellt.

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    Tags:
    Interessen, Russlands Streitkräfte, Arktis, Russland