05:41 20 September 2017
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    Marine Marschflugkörper Kalibr auf der russischen Fregatte Admiral Grigorowitsch (Archivbild)

    Raketenschlag über zwei Meere: Warum russische Marschflugkörper den USA Angst machen

    © Sputnik/ Witlaij Timkiw
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    Alexander Chrolenko
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    Das atomar betriebene Raketen-U-Boot „Sewerodwinsk“ der russischen Nordflotte hat am Freitag erfolgreich einen Unterwasserstart eines „Kalibr“-Marschflugkörpers durchgeführt – eines Waffensystems, das die amerikanische Monopolstellung gebrochen hat.

    Der Unterwasserstart wurde ausgehend vom Testareal der Nordflotte in der Barentssee durchgeführt. Das Ziel befand sich etwa 600 Kilometer entfernt auf dem Truppenübungsgelände Tschischa im Gebiet Archangelsk.

    Nach Medien-Angaben wurden alle gesetzten Ziele des Raketenstartes erfüllt; die U-Boot-Besatzung habe bei dem Einsatz vollste Einsatzbereitschaft und Professionalität gezeigt. Der Seezielflugkörper musste dabei nicht nur die Barentssee sowie das Weiße Meer passieren, sondern auch die Berge der Kola-Halbinsel überqueren, was für Marschflugkörper die höchsten Anforderungen an den Qualitätsstandard stellt.

    Neue russische Seestreitkräfte-Doktrin

    Der Anstieg der Zahl solcher Starts in den russischen Streitkräften ist ein Ergebnis der neu überarbeiteten See-Militärdoktrin der Russischen Föderation, die im Juli von Russlands Präsident Wladimir Putin unterzeichnet worden war.

    Die Überarbeitung der Doktrin soll eine Reaktion auf das zunehmend aggressive Vorgehen des Westens zu Lande und zu Wasser darstellen. Das Dokument hebt explizit hervor, dass die US-amerikanische Politik der Dominanz auf allen Weltmeeren als eine Bedrohung der nationalen Sicherheit Russlands bewertet wird.

    Moskau ruft Washington dabei auf, die eigene zahlenmäßige Überlegenheit  in den Seestreitkräften nicht zu überschätzen, wozu die zunehmenden Starts der Marschflugkörper aus Über- und Unterwasserpositionen das sichtbare Argument darstellen sollen.

    Zudem sei Russland bereit, die Militärpräsenz auf den Weltmeeren weiter zu erhöhen. Wichtig sei anzumerken, dass der Einsatz von „Kalibr“-Marschflugkörpern von U-Booten aus keine Verletzung der bestehenden Rüstungsvereinbarungen zwischen den USA und Russland darstelle, dafür aber die russische Position auf den Weltmeeren erheblich stärke.

    Was ist der „Kalibr“-Marschflugkörper?

    Mittelmeer: Das russische U-Boot B-265 „Krasnodar“  feuert Kalibr-Marschflugkörper auf IS im Raum Palmyra ab
    © Sputnik/ Presseamt des russischen Verteidignugsministeriums
    Der Überschall-schnelle Seezielflugkörper „Kalibr“ ist ein Lenkwaffensystem, das modular aufgebaut ist und von verschiedenen Startplattformen aus gestartet werden kann, darunter Schiffen, U-Booten, Flugzeugen und Lkws. Ab 2011 wurden die ersten Schiffe und U-Boote der Russischen Seekriegsflotte mit „Kalibr“-Lenkwaffen ausgerüstet. „Kalibr“-Lenkwaffen können unabhängig von der Startplattform einzeln oder in kurzer Serie gestartet werden und eignen sich für beliebige Wetterverhältnisse.

    In der Regel fliegt die „Kalibr“ im Konturenflug in einer Flughöhe zwischen 50 und 150 Metern und kann dabei einen rund 500 kg schweren Splittergefechtskopf, Streumunition oder sogar einen Nukleargefechtskopf tragen.

    Die „Kalibr“ wurde entwickelt, um stationäre Ziele zu bekämpfen wie etwa Munitionslager, Kasernen, Öldepots und Hafen- oder Flughafenanlagen.

    Die Besonderheit von Marschflugkörpern, die es zu einer gefürchteten Waffe sowohl von schwach- als auch von hoch-technologischen Gegnern macht, ist, dass sie aufgrund ihrer geringen Flughöhe die meisten Abwehrsysteme umgehen kann. Durch eine Reichweite von bis zu mehreren Tausend Kilometern kann sie zudem auf jedes Ziel abgeschossen werden, ohne dabei die Abschussmannschaft in Gefahr zu bringen.

    Der erste Kampfeinsatz

    Der erste öffentlichkeitswirksame Einsatz der Marschflugkörper fand im Rahmen des russischen Einsatzes gegen den IS in Syrien statt. Damals wurden die Raketen vom Kaspischen Meer aus gestartet und überflogen – unsichtbar für Nato-Raketenabwehr und Geheimdienst – mehrere Staaten und trafen alle anvisierten Ziele.

    Die Amerikaner reagierten sichtbar nervös und baten Russland, dieses „Angriffsmodell“ nicht im Irak zu wiederholen. Zuvor hatte Moskau mitgeteilt, es könne ähnliche Raketenschläge im Irak durchführen, falls Bagdad darum offiziell bitten sollte.

    Warum sich das US-Militär nun Sorgen macht

    Die US-amerikanische Reaktion zeigt zum einen, dass die Amerikaner den Verlust ihrer Monopolstellung auf hochpräzise Marschflugkörper zu verlieren fürchten bzw. schon verloren haben. Zum anderen müssen die US-Strategen einsehen, dass sie nicht in der Lage sein werden, mit einem einzigen Schlag jegliche Gefahren durch die neuen „Kalibr“-Geschosse auszuschalten – schließlich können diese auf beliebigen Plattformen basiert und so auf viele kleinere Kampfeinheiten verteilt werden.

    Trotz ähnlicher Charakteristika haben russische Raketen zudem einen wichtigen Vorteil gegenüber amerikanischen Systemen – ihre Navigation. Russische Marschflugkörper können aufgrund hochentwickelter Navigationssysteme deutlich kompliziertere Flugrouten einnehmen und so sowohl die natürlichen Hindernisse überwinden (Gebirge) als auch feindliche Raketenabwehrzonen umfliegen.

    Die US-amerikanischen Falken müssen sich daher darauf einstellen, nicht nur ihr Monopol auf diese Waffengattung eingebüßt zu haben, sondern auch darauf, dass es fortschrittlichere Hochpräzisionswaffen gibt, für die die amerikanischen Raketenabwehrsysteme im Konfliktfall kein Hindernis sein werden.

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    Tags:
    Wettrüsten, Militärübung, Kalibr-Rakete, Nordflotte Russlands, Russland
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