09:20 26 September 2017
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    Nordkoreaner schauen die aktuelle Nachrichtenausgabe am Bildschirm in Pjongjang (Archivbild)

    Experte: Niemand will einen Atomkrieg in Korea – Nur Friedensvertrag löst Konflikt

    © AFP 2017/ Kim Won-Jin
    Politik
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    Trotz der Eskalation im Konflikt um Nordkorea droht kein Krieg, meint der Berliner Politologe Erhard Crome. Er kritisiert zugleich die neuen Sanktionen gegen Nordkorea, weil diese auch bisher keinen Fortschritt gebracht haben. Er fordert eine grundsätzliche Lösung des jahrzehntealten Konfliktes seit dem Koreakrieg.

    Im ersten Kapitel seines aktuellen Buches „Trump und die Deutschen“ beschäftigt sich der Politologe mit dem Konflikt und der Gefahr eines zweiten Koreakrieges. Es werde „eine dauerhafte Lösung für und mit Nordkorea nur dann geben, wenn das Land verlässliche Friedensgarantien erhält“, schreibt er. Im Sputnik-Studiointerview erläuterte er seine Sicht ausführlich. Der Umgang mit dem Konflikt sei eine Nagelprobe für die US-Außenpolitik unter Donald Trump, ob dieser wirklich neue Wege gehe, „oder ob man am Ende in dieselben Bahnen zurückkehrt, wie es immer gewesen ist“.

    Das Grundproblem sieht Crome in dem Krieg in Korea 1950 bis 1953 und dessen Folgen. Zu denen gehöre, dass das Land bis heute gespalten sei, erinnerte er. Zu den Besonderheiten der Vorgänge auf der Halbinsel in Asien gehört der UN-Beschluss von 1947, dass es nach Wahlen eine koreanische Regierung geben sollte und die sowjetischen und US-Besatzungstruppen abziehen sollten. Doch es gab nicht nur zwei getrennten Wahlen im Norden und im Süden: „Die USSR zog ihre Truppen bis Ende 1948 ab, während die US-Truppen bis heute in Südkorea verblieben.“ Darauf macht Crome in seinem Buch aufmerksam. Am Ende führte das zum Koreakrieg, ausgelöst durch den Einmarsch nordkoreanischer Truppen in den Süden und zugespitzt durch das Eingreifen der USA unter der UNO-Flagge. Um den Preis des Flächenbombardements mit Napalm und der Zerstörung vieler koreanischer Städte sowie Millionen von Toten erzwangen die US-Truppen mit ihren Verbündeten, dass das Land wieder am 38. Breitengrad geteilt wurde, ohne dass eine der beiden Seiten wirklich gesiegt hat.

    Atomwaffen als Schutz vor Angriff

    „Einen Friedensvertrag gibt es bis heute nicht – das heißt: Der Krieg ist ausgesetzt, nicht beendet.“, so der Politologe in seinem Buch. Für ihn ist die historische Entwicklung wichtig, um den andauernden Konflikt mit seiner aktuellen Eskalation zu verstehen. „Offensichtlich hat es eine strategische Entscheidung in Nordkorea gegeben, dass man gesagt hat: Die Amerikaner und ihre Verbündeten marschieren in andere Staaten ein, siehe den Irak-Krieg, vorher Afghanistan oder den Libyen-Krieg des Westens, und sie überfallen aber nur Länder, die keine Atomwaffen haben – also ist die Anschaffung von Atomwaffen die Rückversicherung für uns, nicht überfallen zu werden.“

    Crome erinnerte im Interview an die sogenannten Sechser-Gespräche ab 2003, um das Problem zu lösen. Zur aktuellen Eskalation sagte er im Widerspruch zur Sicht deutscher Medien auf Nordkorea: „Wahnsinnige sehe ich auf beiden Seiten nicht.“ Davon zeuge unter anderem der beim Besuch des Chefs des US-Generalstabes Joseph Dunford beim chinesischen Generalstabschef in Peking, Fang Fenhui, vereinbarte „heiße Draht“ für Konfliktfälle. Das sei „ein Zeichen dafür, dass beide Seiten dafür sorgen wollen, dass es keinen Krieg gibt. Insofern sehe ich jetzt keine akute Kriegsgefahr“, meinte Crome dazu. Zudem habe US-Außenminister Rex Tillerson erklärt, Washington wolle keinen Regime Change in Pjöngjang und nicht in Nordkorea einmarschieren. Crome verwies darauf, dass auch Südkorea keinen Krieg wolle, der selbst mit konventionellen Waffen unvorstellbare Folgen haben würde. US-Verteidigungsminister James Mattis habe gewarnt, bei einem militärischen Konflikt gebe es Millionen Opfer und dass die erste Verteidigungslinie die Diplomatie sei. Der Politologe sieht keine Absicht der Trump-Administration, den Konflikt absichtlich zuzuspitzen.

    „Im Gegenteil: Wenn Trump sagt, er hat da einen Konflikt geerbt, den seine Vorgänger produziert haben, wo alle nichts zustande gebracht haben und er muss sich jetzt darum kümmern – das kommt aus der tiefsten Seele, weil er sich mit diesen Dingen eigentlich gar nicht beschäftigen will.“

    China mit langfristigen strategischen Interessen

    Für den Politikwissenschaftler ist das politische und diplomatische Grundproblem, „dass Nordkorea will, dass die USA direkt mit ihnen verhandeln“. Der derzeitige nordkoreanische Staatschef Kim Jong-Un habe versucht, das durch vermehrte Raketenabschüsse und Drohungen beschleunigen zu wollen. „Das ist natürlich irrwitzig, weil eine Supermacht wie die USA, auch wenn sie absteigend ist, die man nicht einfach erpressen kann, sondern man muss dann schon politisch und diplomatisch agieren wollen.“ Die Trump-Administration habe immerhin mit ihrem „lauten Geschrei“ erreicht, dass China im UN-Sicherheitsrat, den jüngsten Sanktionen gegen Nordkorea zustimmte und „sich zum ersten Mal an der praktischen Umsetzung der Sanktionen beteiligen“ wolle.

    „Ohne die faktische Zusammenarbeit mit der Volksrepublik China wäre der Kollaps der nordkoreanischen Wirtschaft längst eingetreten. China hat sie immer am Tropf gehalten, auch weil sie nicht wollen, dass die US-amerikanischen Truppen an der chinesischen Grenze stehen und Nordkorea gewissermaßen der Cordon Sanitaire für die Chinesen ist.“ China habe „langfristige strategische Interessen in Bezug auf den Frieden in der Welt und auch auf Bezug zu den USA. Es hat aus meiner Sicht jetzt nicht die Absicht, wegen Nordkorea zusätzliches Konfliktpotenzial zu den USA anzusammeln, was ja schon im Bereich des Handels problematisch genug ist. Insofern ist China auch an einer Lösung des Konflikts interessiert und will nicht, dass es weitere Provokationen der nordkoreanischen Seite gibt.“

    Das gelte auch für Russland, dass auch Nachbar von Nordkorea sei. Moskau habe schon vor Peking die wirtschaftlichen Beziehungen mit Pjöngjang weitgehend eingefroren und sei ebenfalls nicht an einer Eskalation interessiert.

    Interview mit Dr. Erhard Crome

    Eine diplomatisch-politische Lösung sei nur möglich, wenn nicht nur über die Atomwaffen geredet werde, sondern ein Gesamtpaket geschnürt werde. „Es muss am Ende einen Friedensvertrag geben“, machte der Politologe klar. Er erinnerte daran, die US-Vertreter hätten es schon beim Waffenstillstand 1953 vermieden, mit den Nordkoreanern an einem Tisch zu sitzen. „Insofern ist das Miteinanderreden dringende Voraussetzung. Und es ist damals schon vereinbart worden, dass es einen Friedensvertrag geben muss. Das muss man einlösen und umsetzen.“

    Nützlicher: Sicherheitsgarantie für Nordkorea statt Sanktionen

    Zu den neuen Sanktionen gegen Nordkorea erklärte Crome: „Die gibt es seit Jahrzehnten und sie haben das Land weder daran gehindert, Waffensysteme zu bauen noch seine Politik grundsätzlich zu verändern. Insofern führt das zu Hunger und inneren sozialen und wirtschaftlichen Problemen, aber nicht unbedingt zu einer Veränderung des Kurses. Alles was man aus der Geschichte weiß ist, dass Sanktionen auch noch nie dazu geführt haben, dass irgendwo eine Regierung zusammengebrochen ist. Insofern ist das weiteres Schüren des Konfliktes. Das ist ja die Linie der Obama-Regierung die ganze Zeit gewesen. Es hat zu nichts geführt und deshalb muss man das Paket als Ganzes aufmachen und ernsthafte Verhandlungen über die Lösung nicht nur des Atomproblems führen. Es muss eine Sicherheitsgarantie für Nordkorea geben, dann Verhandlungen zwischen beiden koreanischen Seiten.“ „Am Ende eines langen politischen Weges“ müsse eine Vereinigung stehen, die auch viele in Südkorea wollten, „wobei sich natürlich niemand konkret vorstellen kann, wie das dann aussehen sollte“.

    Tilo Gräser

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    Experte, Friedensinitiative, Dialog, Atomkrieg, Konfliktlösung, UN, Donald Trump, USA, Nordkorea
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