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    Raketenkreuzer Ukraine (Archivbild)

    Friedhof der unvollendeten Schiffe - wie die ukrainische Flotte sank

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    Politik
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    Die ruhige und friedliche Stadt Nikolajew war einst eine der strategisch wichtigsten Städte der Sowjetunion, die bei allen westlichen Geheimdiensten großes Interesse hervorrief.

    In Nikolajew gab es gleich drei große Werften, wo Zehntausende Menschen arbeiteten und die sowjetische Flotte bauten. Genau hier wurden Flugzeugträger, Kreuzer, Fregatten, Korvetten usw. entwickelt und hergestellt. Genau hier fand auch der Stapellauf des sowjetischen und inzwischen russischen Flugzeugträgers „Admiral Kusnezow“ statt.

    Schiffbau in Nikolajew zu den Zeiten der Sowjetunion
    © Sputnik / Dudchenko
    Schiffbau in Nikolajew zu den Zeiten der Sowjetunion

    Dabei liegt Nikolajew nicht am Schwarzen Meer, sondern in der Mündung der Flüsse Juschny Bug und Ingul. Aber genau im Ingul lief die gesamte flugzeugtragende Flotte der Sowjetunion vom Stapel, die Russland später als „Erbschaft“ bekam.

    „Nach dem Zerfall der Sowjetunion war der Bau von Flugzeugträgern nicht mehr wichtig. Das große Imperium verschwand – und zugleich auch die Notwendigkeit, solch große Kriegsschiffe zu bauen“, meint der Chefredakteur der städtischen Online-Zeitung „Gorod N“ („Stadt N“), Anatoli Onofrejtschuk.

    Aber auf den drei Nikolajewer Werften, in die die Sowjetunion viele Milliarden Rubel investiert hatte, wurden nicht nur Flugzeugträger, sondern auch andere Kriegs- und auch zivile Schiffe gebaut, unter anderem große Fischfangtrawler.

    „Wir bauten sie nach dem Fließbandprinzip, wie Ford Autos baute. Aber für den Schiffbau war diese Technologie einmalig“, erinnerte sich der Cheftechnologe der „Schwarzmeer-Werft“, Jaroslaw Kowalenko. „Vor dem Zerfall der UdSSR gab es Zeiten, wo alle drei Wochen ein großer Frosttrawler vom Stapel lief. Wir haben insgesamt 110 solche Schiffe gebaut.“

    Und jetzt werden im Jahr drei bis fünf Schiffe dieser Art hergestellt.

    Schiffe, die nie fertig wurden

    Die Schiffe, die zu Sowjetzeiten nicht fertig gebaut wurden, sind in den Werften für immer und ewig stehen geblieben. Unter anderem sind das zwei große Frosttrawler und ein einmaliges Schiff, das für die Sammlung von nuklearen Abfällen im Hohen Norden bestimmt war.

    Manchmal ereigneten sich auch auf den ersten Blick fast lustige, in Wahrheit aber traurige Geschichten.

    Das Leben nach dem Tod des Schiffbaus in Nikolajew

    Der Tod des Schiffbaus in Nikolajew kam schnell, aber nicht blitzartig. Wie die von uns befragten Menschen erzählten, hatten sie den Behörden noch einige Zeit geglaubt, die beteuerten, die Branche würde weiter bestehen. Aber allmählich verwandelte sich das weltweit bekannte Zentrum des sowjetischen Kriegsschiffbaus in eine ruhige und friedliche ukrainische Provinzstadt.

    Nur noch zahlreiche Pfandleihen erinnern jetzt daran, dass hier einst die Ingenieurs- und Arbeitselite eines Riesenreichs arbeitete, die sich teure Schmuckstücke leisten konnte. Jetzt müssen viele von diesen Rentnern sowie ihre Kinder und Enkel ihre Edelsteine verkaufen – um zu überleben.

    „Wir könnten in unserem Betrieb Militärtechnik jeder Art bauen, unter anderem für das Heer“, sagte der Vorsitzende der Gewerkschaft der Werft „61 Kommunarden“, Nikolai Golowtschenko. „Wir könnten auch Haushaltstechnik herstellen. Doch niemand braucht sie – der Staat, dem wir quasi gehören, hat uns im Stich gelassen.“

    Golowtschenko zufolge orientiert sich die aktuelle Führung in Kiew an der Nato und der EU und hat kein Interesse am Wiederaufbau der eigenen Industrie, weil die Europäer der Ukraine ihre alte Militärtechnik bereitstellen. Gerade deshalb werde der Kreuzer „Ukraina“ nicht mehr gebraucht. Und die Mitarbeiter des Betriebs müssen nach anderen Einnahmequellen suchen.

    Kriegsschiffe im Militärhafen Sewastopol (Archivbild)
    © Sputnik / Mikhail Wosskresenskij
    Kriegsschiffe im Militärhafen Sewastopol (Archivbild)

    Bei ihren Nachbarn von der „Schwarzmeer-Werft“ ereignete sich eine noch merkwürdigere Geschichte: Das Management sucht – und findet – neue Aufträge, unter anderem im Ausland, und zwar in Westeuropa und Russland. Aber wegen der Kontakte mit russischen Kontrahenten ist der Betrieb auf große Probleme gestoßen. Auf den ersten Blick geht es um den „mangelhaften Patriotismus“. Die Wahrheit ist jedoch eine ganz andere.

    Zunächst weigerte sich der ukrainische Staat, der die Werft mit dem Bau von mehreren Kriegsschiffen beauftragt hatte, die bereits erledigten Arbeiten zu bezahlen, später aber beauftragte die sie Staatsanwaltschaft mit der Ermittlung der Umstände, warum die Werft keine Steuern zahlte.

    Bei diesen Vorwürfen geht es aber nicht um Finanzen, sondern um Politik. Der Besitzer der Werft, Wadim Nowinski, ist Abgeordnete des „Oppositionsblocks“ und damit ein politischer Gegner des Präsidenten Petro Poroschenko.

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    Untergang, Schiffbau, Nikolajew, UdSSR, Ukraine