08:08 14 November 2019
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    (v.r.n.l. in der Mitte) Russlands Präsident W. Putin, sein Kollege aus der Türkei R. T. Erdogan und Bundeskanzlerin A. Merkel (Archivbild)

    Türkei vs. Deutschland: Russland ist der frohe Dritte

    © AFP 2019 / Tobias SCHWARZ
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    Das Verhältnis zwischen der Türkei und Deutschland ist vergiftet, spätestens seit dem gescheiterten Putsch von vor über einem Jahr. Russland könnte davon profitieren, wenn auch indirekt, wie der Politologe Alexej Makarkin im Sputnik-Gespräch erklärt.

    Gegenseitige Aversionen Ankaras und Berlins brechen im medialen Dauerfeuer aus. Deutsche Zeitungen werfen Erdogan vor, seit dem Putschversuch verfolge er seine Gegner mit unangemessener Härte und überhaupt sei alles eine Inszenierung, um auch unliebsame Unschuldige loszuwerden. Die türkischen Blätter stellen die Bundeskanzlerin in Nazi-Uniform als „Mutter des Terrors“ dar.

    Merkel in Nazu-Uniform in einem türkischen Blatt
    © AFP 2019 / YASIN AKGUL
    Merkel in Nazu-Uniform in einem türkischen Blatt

     

    Ankara wirft Berlin und Brüssel vor, sich auf Seite der Putschisten gestellt zu haben und ihnen Schutz zu geben. 4.500 türkische Bürger solle die EU ausliefern, fordert die Türkei. Dass Berlin und Brüssel dieser Forderung nachkommen, ist höchst unwahrscheinlich.

    Die Einsätze steigen, der Ton wird rauer. Kürzlich erklärte Erdogan, Deutschlands Regierungsparteien seien „Feinde der Türkei“, und rief die drei Millionen Deutschtürken dazu auf, gegen diese Parteien zu stimmen. Dass der türkische Präsident diesen Appell an seine in Deutschland lebenden Landsleute kurz vor dem 24. September 2017 richtet, ist natürlich kein Zufall.

    Es sei die „Wahlkampfeuphorie“, die den türkischen Staatschef und die deutsche Regierungschefin zu immer neuen rhetorischen Hieben anspornt, sagt der Politologe Alexej Makarkin, Vize-Direktor des Zentrums für politische Technologie.

    „Im April dieses Jahres erst haben niederländische Behörden türkischen Politikern Auftritte in den Niederlanden vor den dort lebenden Türken untersagt. Diese Zuspitzung haben die Niederländer aus kurzfristigem politischem Kalkül benötigt – nämlich um kurz vor den Parlamentswahlen in ihrem Land zu zeigen, dass sie die europäischen Werte nicht minder eifrig verteidigen als die ultrarechten Kräfte“, erklärt der Politikwissenschaftler.

    Eben darin sieht er die Parallele zu Deutschland. „Jetzt stehen die Bundestagswahlen bevor. Ich wage es mal zu vermuten, dass der Konflikt zwischen Ankara und Berlin ebenfalls durch die Wahlkampfeuphorie bestimmt ist.“

    Erdogans Aufruf, die Bundeskanzlerin nicht zu wählen, hätte indes keine Kraft, wenn der türkische Präsident die Deutschtürken nicht hinter sich wüsste, bemerkt Makarkin.  Dann hätte er sich auf dieses gefährliche Spiel nicht eingelassen. Erdogan vertraue in seiner Strategie auf die türkischen Auswanderer in Deutschland und anderen europäischen Ländern – und dies nicht ohne Grund, wie der Politologe sagt.

    „Europa ist heute mit der zweiten Auswanderergeneration konfrontiert. Die Gastarbeiter der ersten Stunde hofften einst auf ein besseres Leben. Ihre Kinder aber wachsen mit einem ganz anderen Gefühl auf: Sie vergleichen sich mit den Deutschen und viele erkennen, dass sie in der deutschen Gesellschaft niemals aufsteigen und niemals dazugehören werden. Unter diesem Eindruck idealisieren sie ihre Heimat und hören willfährig auf alles, was Erdogan sagt“, erklärt der Politologe.

    Wenn aber zwei streiten, freut sich der Dritte: Russland. Moskau könnte, wenn auch indirekt, aus der Zwietracht zwischen Ankara und Berlin seinen Nutzen ziehen, sagt der Politologe. „Der Nutzen wird eher taktisch als strategisch sein“, bemerkt er. „In Syrien haben Russland und die Türkei ihre Einflusssphären aufgeteilt, es gibt Oppositionsgruppen, die von Ankara gedeckt werden. Ein Kompromiss hat sich eingependelt, der niemanden recht zufriedenstellt, mit dem zu leben aber alle gelernt haben – eine Zweckbeziehung, würde ich sagen. Diese könnte man jetzt vertiefen“, resümiert der Politologe.

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