20:26 25 Juni 2019
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    Ukrainische Soldaten während Unabhängigkeitsfeier (Archivbild)

    Dem Westen gehorsames „Sonderkommando“: Wie Armee unabhängiger Ukraine entstand

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    Alexander Chrolenko
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    Die Ukraine feiert heute den 26. Jahrestag ihrer Unabhängigkeit mit einer 300.000 Mann starken Armee, die zu einem großen Teil aus polizeilichen (Straf)-Einheiten wie dem Freiwilligen-Bataillon Asow besteht.

    US-Verteidigungsminister James Mattis und ukrainischer Präsident Petro Poroschenko in Kiew
    © Sputnik / Michail Palinshak/Pressedienst des ukrainischen Präsidenten
    Der langsam verlaufende Bürgerkrieg im Donezbecken ermöglicht der ukrainischen Armee, sich Gedanken über das Vorhandensein der Kampferfahrung zu machen. Die Ausbildung der ukrainischen Einheiten durch Nato-Instrukteure aus Kanada, Dänemark, Litauen, Polen und Großbritannien lässt Kiew weiter auf den Beitritt zur Allianz hoffen. Doch die ukrainischen Streitkräfte haben fast keine Kriegsflotte und Kampffliegerkräfte. Die Truppen sind de facto nur für die Unterdrückung von Volksunruhen geeignet.

    Kämpfer vom Bataillon Asow (Archivbild)
    © Sputnik / Alexander Maximenko
    Kämpfer vom Bataillon Asow (Archivbild)

    Laut einem aktuellen Ranking von Global Power zur militärischen Stärke rangieren die ukrainischen Streitkräfte zwischen Schweden und Myanmar auf dem 30. Platz, doch die historischen Turbulenzen bewegten die ukrainischen Streitkräfte und die Rüstungsindustrie zu den heutigen afrikanischen Realien. Das ukrainische Militär wird zu einem gehorsamen Sonderkommando des Westens.

    Wie gekommen, so auch gegangen

    Im Juli 1991 versammelten sich in Kiew die Stabschefs der Militärbezirke der Unionsrepubliken und Generäle, die die Idee der Schaffung der republikanischen Streitkräfte teilten. Die Militärs kamen nicht zu einem Konsens, doch nach einem Monat wurde der weitere Verlauf der Geschichte von Ereignissen in Moskau bestimmt.

    Die Bildung der ukrainischen Armee verlief relativ ruhig, da zusammen mit Michail Gorbatschow auch der größte Gegner der Idee der nationalen Armeen zurücktrat – der Generalstabschef der Sowjetunion, Michail Moissejew. In der Ukraine wurde der militärische Eid schnell in die ukrainische Sprache umgeschrieben und die Streitkräfte allmählich von unzuverlässigen Offizieren gereinigt.

    Ukrainische Truppen 1994 (Archivbild)
    © Sputnik / Alexander Makarow
    Ukrainische Truppen 1994 (Archivbild)

    Die unabhängige Ukraine hatte ausschließliche Startmöglichkeiten zum Aufbau der Rüstungsbranche. Kiew erbte von der Sowjetunion nach verschiedenen Angaben 700.000 bis 980.000 Militärs, 6000 bis 8000 Panzer, bis zu 10.000 Kampffahrzeugen und 20.000 verschiedene Typen von Artillerie, mehr als 1100 Kampfflugzeuge und 400 Hubschrauber sowie 138 bis 350 Schiffe der Schwarzmeerflotte.

    Strukturell handelte es sich um 14 motorisierte Schützendivisionen, vier Panzer- und drei Artilleriedivisionen, eine Brigade der Spezialeinheiten, acht Artilleriebrigaden, eine einzelne Armee und neun Flugabwehrbrigaden, drei Luftbrigaden, sieben Hubschrauberregimente. Hier musste kaum etwas extra gebaut, nur alle Papiere erledigt und das Kommando übernommen werden. 

    UdSSR, Übungen in der Ukraine (Archivbild)
    © Sputnik / W.Kiselew
    UdSSR, Übungen in der Ukraine (Archivbild)

    Doch die Stärke der ukrainischen Streitkräfte wurde dann stark reduziert – gleich um das Fünffache. Angeblich angesichts der unbedeutenden Militärbedrohungen, schwacher Wirtschaftsmöglichkeiten des Landes und gemäß dem Vertrag über konventionelle Waffen in Europa. Der größte Teil sowjetischer Waffen wurde im ersten Jahrzehnt der Unabhängigkeit an Länder in Asien und Afrika verkauft.

    Nach Angaben des Stockholmer Internationalen Friedensforschungsinstitutes (SIPRI) und dem russischen Internationalen Institut für strategische Studien entfielen die Rekord-Verkäufe auf 1991-2005. Die Ukraine lieferte an Algerien, Aserbaidschan, Serbien, Sierra Leone, Jemen, Myanmar, Pakistan insgesamt 679 Panzer, 558 Kampfmaschinen, 30 Artilleriesysteme, 172 Flugzeuge und 147 Hubschrauber. Dabei verschwanden Tausende Einheiten Kampftechnik spurlos und gerieten nicht in internationale Berichte. Der ukrainischen Armee blieben kurz vor 2005 nur noch 3784 Panzer und 5345 Kampffahrzeuge. Die Ukraine stieg zu den größten Waffenexporteuren auf.

    In den darauffolgenden Jahren wurde der Verkauf der Waffen fortgesetzt. Zum Jahr 2010 verlor die Ukraine bereits Zwei Drittel der Panzer, die Hälfte der Panzerwagen und Artilleriesysteme. Wohin das ganze Geld floss, bleibt ein Rätsel. Im Ergebnis feierte die Ukraine das neue Jahr 2014 mit 700 Panzern im Dienst und 1445 in Lagern, 2189 Kampffahrzeugen, 1421 Artilleriesystemen, 206 Hubschraubern und 326 Flugzeugen. Dabei kaufte die Ukraine 1991 bis 2015 75 Panzerfahrzeuge Saxon, acht Panzerwagen Spartan und Waffen für eine nicht fertig gebaute Korvette des Projekts 58250.

    Die ukrainischen Streitkräfte und der Rüstungskomplex heute

    Die Ukraine gibt heute rund 7000 US-Dollar pro Jahr für einen Militärangehörigen aus. Zum Vergleich: In den baltischen Staaten sind es 80.000 Dollar, in Polen 90.000 Dollar.

    Seit 2002 gab es drei Versuche der Armeereform. Heute geben selbst einzelne ukrainische Abgeordneten das völlige Scheitern der vergangenen 20 Jahre des Aufbaus des Militärs zu.

    Die ukrainischen Rüstungsunternehmen haben es nicht geschafft, selbst die Produktion von Patronen zu sowjetischen Schusswaffen aufzunehmen, geschweige denn ernsthaftere Entwicklungen. Die ukrainischen Streitkräfte mangeln an Munition (das einzige Patronenwerk liegt in Lugansk), die Kiewer Behörden betteln bei den osteuropäischen Nachbarn um Munition für sowjetische Waffen.

    stillgelegte Militärtechnik in Lwiw (Archivbild)
    © Sputnik / Stringer
    stillgelegte Militärtechnik in Lwiw (Archivbild)

    Die Waffenproduktion wird in der Ukraine nur imitiert – zur Rechtfertigung vor westlichen Kreditgebern. Die Probleme mit Artilleriesystemen, Hubschraubern, Kampfjets, Erdkampfflugzeugen, Flugabwehrsystemen sind nicht gelöst. Der einzige Flugzeugbauer Antonow (genauer gesagt, was von dem sowjetischen Riesen blieb) spezialisiert sich ausschließlich auf Militär-Frachtflugzeuge. Es gibt keine Werke, wo Kampfjets bzw. Erdkampfflugzeuge hergestellt werden können. Auch das  Werk „Motor Sitsch“, das Triebwerke herstellt, löst das Problem der Hubschrauberproduktion nicht. Inzwischen verlor die Ukraine während des Bürgerkriegs im Donezbecken rund 20 Flugzeuge und Hubschrauber.

    Reparatur der stillgelegten Militärtechnik (Archivbild)
    © Sputnik / Michail Woskresenskij
    Reparatur der stillgelegten Militärtechnik (Archivbild)

    Die ukrainischen Streitkräfte nutzen Waffen, die noch in der Sowjetunion hergestellt wurden – 100 Prozent der Panzer, Kampf-, Militär- und Frachtflugzeuge und Hubschrauber, 90 Prozent der Panzerwagen, fast alle Schuss- und Artilleriewaffen. Der rein ukrainische Minenwerfer Molot nutzt Visiere aus der Mitte des vergangenen Jahrhunderts. Ebenso unerfreulich sehen die neuesten Panzerwagen Kosak-2 und die Drohne Fantom aus.

    Es bleibt nur, auf die Hilfe des Westens zu hoffen. US-Behörden stellten 2016 rund 180 Millionen US-Dollar für die Umrüstung der ukrainischen Armee bereit. 2017 schickte die scheidende Obama-Administration 350 Millionen Dollar an die Ukraine, von denen 200 Millionen für Anti-Batterien-Radarsysteme, Aufklärungsmittel, Ausstattung und Panzerwagen ausgegeben wurden.

    Doppel-Eid

    Das Personal für die ukrainischen Streitkräfte wurde mühsam gesammelt, was vielen Offizieren einen schnellen Karriereaufstieg ermöglichte. Der Kommandeur der Division der Anti-U-Boot-Schiffe der russischen Pazifikflotte, Kapitän des ersten Ranges Michail Jeschel wechselte 1993 zur ukrainischen Armee. Drei Jahre später leitete er die Kriegsflotte der Ukraine, 2010 wurde er zum Verteidigungsminister des Landes.

    Der jetzige Verteidigungsminister der Ukraine, Stepan Poltorak, absolvierte die Kommandeurs-Offiziershochschule des Innenministeriums der UdSSR. Der ukrainische Generalstabschef Viktor Muschenko absolvierte in den 1980er Jahren die Leningrader Kommandeurs-Hochschule. In der sowjetischen Armee leistete den Pflichtdienst auch der amtierende ukrainische Präsident Petro Poroschenko. Viele Offiziere des ukrainischen Militärs schworen dem sowjetischen Volk ihre Treue, das nicht in Russen und Ukrainer geteilt wurde.

    Verteidigungsminister der Ukraine Stepan Poltorak während Unabhängigkeitsfeier (Archivbild)
    © Sputnik / Stringer
    Verteidigungsminister der Ukraine Stepan Poltorak während Unabhängigkeitsfeier (Archivbild)

    Der Sondergesandte der USA für die Ukraine, Kurt Volker, sagte im Juli, dass Washington die Möglichkeit der Lieferung von tödlichen Waffen an die ukrainische Armee erwäge. Anscheinend passt der Konflikt im Donezbecken an der Grenze zu Russland wohl den USA und der Nato.

    Wozu braucht das die ukrainische Armee? Die Ukraine wurde von niemandem angegriffen. Anscheinend gerade deswegen ist der Fakt der „russischen Aggression“ für Kiew das Symbol des Glaubens, das nicht verneint werden darf.

    Dieser Text ist eine gekürzte Übersetzung des auf Russisch erschienenen Kommentars von Alexander Chrolenko „Vasall des Westens: Wie die Armee der unabhängigen Ukraine geschaffen wurde“.

    * Die Meinung des Autors muss nicht mit dem Standpunkt der Redaktion übereinstimmen.

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    Tags:
    Verkauf, Militärtechnik, Erbe, Bürgerkrieg, Panzer, Modernisierung, NATO, Streitkräfte der Ukraine, Bataillon Asow, Barack Obama, Michail Gorbatschow, UdSSR, Ukraine