13:52 16 August 2018
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    Nagasaki, 1945 (Archivbild)

    Wie die Atombombe das Schicksal der Sowjetunion und der Welt veränderte

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    Am 29. August 1949 testete die Sowjetunion auf dem Übungsgelände in Semipalatinsk ihre erste Atomwaffe - der Test verlief erfolgreich. Die USA hatten bis dahin schon zwei Mal ihre neuen Waffen auf dem Territorium von Japan „getestet“ und nicht die Absicht, damit Schluss zu machen.

    Ein halbes Jahr nach dem Abwurf der zwei Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki, am 5. März 1946, trat der britische Premier Winston Churchill mit seiner allgemein bekannten Rede in Fulton auf, wobei er im Grunde den Kalten Krieg erklärte. Washington vermutete, die Sowjetunion würde ihre Atomwaffen bestenfalls 1955 entwickeln. Die Amerikaner und ihre Verbündeten dachten, ein „heißer“ Krieg könnte Ende 1949 beginnen. Der erste Atomtest in Semipalatinsk bedeutete aber, dass die USA kein Monopolist in Sachen Atomwaffen waren, und garantierte der UdSSR gleichzeitig viele friedliche Jahre.

    US-Atomwaffeneinsatz in Nagasaki, 1945 (Archivbild) - Wiederholung nun möglich?
    © AFP 2018 / US AIR FORCE
    US-Atomwaffeneinsatz in Nagasaki, 1945 (Archivbild) - Wiederholung nun möglich?

    Es ist allgemein bekannt, dass Russland aktuell über das größte Atompotenzial weltweit verfügt. Laut ausländischen Quellen sind die Atomwaffen zwischen verschiedenen Ländern wie folgt verteilt: Russland hat 8000 Atomsprengköpfe, die USA verfügen über 7300 Atomsprengköpfe, Großbritannien 225, Frankreich 300, China 250, Pakistan 100 bis 120, Indien 90 bis 100, Israel 80 und Nordkorea höchstens acht Atomsprengköpfe. Über Atomwaffen, die jederzeit eingesetzt werden können, verfügen Russland (1600 Sprengköpfe), die USA (1920), Großbritannien (160) und Frankreich (290). Das Arsenal der taktischen Atomwaffen Russlands ist wesentlich größer als das der USA. Die ganze Welt erkennt an, dass globale Probleme der nuklearen Sicherheit ohne Russland unmöglich gelöst werden können.

    Zähmung der Atomenergie

    Der Weg der russischen Physiker zum Atomtest von 1949 nahm fast 40 Jahre in Anspruch. Zum ersten Mal hatte noch der Wissenschaftler Wladimir Wernadski im Jahr 1910 von den „sich in der Radioaktivität eröffnenden Atomenergiequellen“ gesprochen, „die um das Millionenfache alle Quellen von Kräften übertreffen, die sich die Menschheit bisher vorstellen konnte“. Wernadski war auch derjenige, der 1922 das Radium-Institut eröffnete.

    Übungsgelände in Semipalatinsk (Archivbild)
    © Sputnik / Alexander Ljiskin
    Übungsgelände in Semipalatinsk (Archivbild)

    Sechs Jahre später entwickelte der Physiktheoretiker des Radium-Instituts Georgi Gamow die erste Theorie des Alpha-Zerfalls. (Das war eine globale Errungenschaft, die auch international anerkannt wurde.) In den 1930er-Jahren etablierte sich die Kernphysik als eine der wichtigsten Richtungen der sowjetischen Physik. Die zuständige Arbeitsgruppe mit Abram Joffe und Igor Kurtschatow an der Spitze begann ihre Arbeit, und die Sowjetunion wurde das zweite Land in der Welt (nach den USA), das über eigene Zyklotrons verfügte.

    1940 erklärte Igor Kurtschatow in einer Sitzung des sowjetischen Expertengremiums für Atomphysik, dass die nukleare Reaktionskette für die sowjetischen Physiker zum Greifen nah sei, und analysierte die Möglichkeiten der Kettenreaktion auf schnellen Neutronen im reinen Uran-235 ohne Bremsmittel (das wichtigste Prinzip der Aufladung von Atombomben).

    Das erste Projekt von Atomwaffen, das die sowjetische Führung offiziell vorgelegt bekam, hatte eine Gruppe von Wissenschaftlern mit Friedrich Lange an der Spitze entwickelt. 1940 wurde dieses Projekt negativ eingeschätzt, aber die von Lange initiierte Methode zur Multiplikation von zwei unterkritischen Uran-Massen durch die Sprengung von üblichem Sprengstoff wurde später zur klassischen Methode für alle Arten der Atommunition. Die UdSSR hätte Atomwaffen vermutlich noch vor dem Zweiten Weltkrieg entwickeln können, aber die Geschichte kennt ja keinen Konjunktiv.

    Mitte der 1930er-Jahre begann in der Sowjetunion eine große Kampagne zur Bekämpfung der so genannten „Feinde des Volkes“, wobei keine Fachbücher aus dem Ausland eingeführt werden durften. Deshalb hatten die sowjetischen Astrophysiker keine Informationen über die Errungenschaften der internationalen Wissenschaft. Für Forschungen wurden keine Finanzmittel bereitgestellt, was sich auf das Misstrauen der sowjetischen Führung gegenüber den Physikern zurückführen ließ, die nämlich verdächtigt wurden, dem Land zu „schaden“. Es war ja kein Zufall, dass der herausragende Physiktheoretiker Gamow 1933 emigrierte.

    Die im Sommer 1940 gegründete Uran-Kommission der sowjetischen Akademie der Wissenschaften hatte die Aufgabe, die Atomenergie-Forschungen in verschiedenen angewandten Richtungen zu ordnen. Der im Juni 1941 ausgebrochene Große vaterländische Krieg behinderte jedoch diese Arbeit. Dennoch begann 1942 das geheime Labor Nr. 2 bei der Universität zu Kasan ihre Arbeit. An der Spitze stand Igor Kurtschatow.  Im Februar 1943 erschien die Bestimmung des Staatlichen Verteidigungskomitees zum Start von angewandten Atomforschungen.  Zu diesem Zeitpunkt bemühten sich die sowjetischen Geheimdienste um Informationen über das Atom-Forschungsprojekt der Amerikaner. So bekam Moskau das Schema der ersten amerikanischen Atombombe nur zwei Wochen nach deren Entwicklung.

    Uraler Ladung mit abchasischem Akzent

    Für die Produktion einer Atomladung in der Stadt Tscheljabinsk-40 im Süden der Region Ural im Juni 1948 wurde ein Betrieb unter der Nummer 817 (Produktionsvereinigung „Majak“) und der erste Meiler für Plutoniumproduktion errichtet. Im Laufe nur eines Jahres hatte die Sowjetunion alle nötigen Stoffe für die Herstellung der ersten Atombombe.

    Dank der Informationen, die die Geheimdienste über das US-amerikanische Plutoniumprojekt gesammelt hatten, konnten die sowjetischen Wissenschaftler etliche Fehler vermeiden und viel schneller ihre erste Atombombe entwickeln. Sicherheitshalber wurde sie nach dem US-Schema gebaut. Später aber lehnten sie viele technische Lösungen ihrer amerikanischen Kollegen ab und kamen auf eigene, effizientere Ideen. Allerdings muss man auch den Beitrag von vielen deutschen Atomenergieexperten zum sowjetischen Atomprojekt erwähnen, die in zwei geheimen Objekten in Abchasien arbeiteten. Wie aber der Vizepräsident der Russischen Akademie der Wissenschaften Schores Alfjorow sagte, „hätte uns keine Aufklärung die Atomwaffen schenken und das Atomproblem lösen können. Die Atomwaffen wurden in der Sowjetunion entwickelt, weil wir schon in den 1920er- bzw. 1930er-Jahren unsere eigene Physikschule hatten.“

    Die taktischen und technischen Anforderungen wurden auch für Atombomben von zwei Typen (Plutonium- und Uranbombe) entwickelt. Die erste sowjetische Atomflugbombe (RDS-1) wurde für das Flugzeug Tu-4 entwickelt. Das war eine vielschichtige Konstruktion (4,7 Tonnen, 3,3 Meter lang, Durchmesser 1,5 Meter), in der der Übergang des Plutoniums in den überkritischen Zustand durch seine Ballung erfolgte.

    Die RDS-1-Bombe wurde auf einem Übungsgelände 170 Kilometer westlich von Semipalatinsk getestet. Das zehn Kilometer große Übungsgelände wurde in verschiedene Sektoren aufgeteilt und mit besonderen Beobachtungsstellen zwecks Einschätzung verschiedener Aspekte der Explosion ausgestattet. Es wurden mehrere Abschnitte von U-Bahn-Tunneln und Start- und Landebahnen gebaut. Dort wurden Flugzeuge, Panzer, Artillerie- und Raketenanlagen usw. aufgestellt.

    erste sowjetische Atombombe RDS-1 (Archivbild)
    © Sputnik / Sergej Mamantow
    erste sowjetische Atombombe RDS-1 (Archivbild)

    Die Bombe Nr. 1 wurde auf einem 37,5 Meter hohen Turm aufgestellt, im Zentrum des Testfeldes. Der Leiter der Tests, Igor Kurtschatow, verfügte, die Bombe am 29. August 1949 zu testen. Um 07.00 Uhr wurde die erste 22 Kilotonnen starke (im Trotyl-Äquivalent) Atomladung gesprengt. 20 Minuten später wurden zwei Panzer mit zusätzlicher Bleipanzerung ins Zentrum des Testfeldes geschickt. Dabei wurde festgestellt, dass alle Einrichtungen im Epizentrum total zerstört worden waren.

    So wurde die Sowjetunion zur zweiten Atomgroßmacht der Welt, und US-Präsident Harry Truman musste einen Monat später diese Tatsache einräumen. Aber das war noch nicht alles: Kurze Zeit später entwickelte die Sowjetunion ihre „Zar-Bombe“, was für die Amerikaner zu einer regelrechten Erniedrigung wurde.

    In den vergangenen Jahrzehnten (von 1945 bis 1992) haben die USA 1032 Atomtests durchgeführt. In der UdSSR belief sich diese Zahl zwischen 1945 und 1990 auf 715. (Für die Parität auf diesem Gebiet waren weitere Tests nicht nötig.) Der Weg zum Frieden ist wirklich schwer, und es ist nun einmal so, dass Politiker mit einem Olivenzweig in der Hand nicht ernst genommen werden.

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    Tags:
    Forschungen, Test, Geschichte, Atomwaffen, Kalter Krieg, Zweiter Weltkrieg, Japan, UdSSR, USA
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