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    CDU buhlt um Russlanddeutsche - „Gegen verzerrtes Medienbild“

    © REUTERS / Wolfgang Rattay
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    Die CDU entdeckt in der heißen Wahlkampfphase die Russlanddeutschen neu für sich. Dahinter steckt die Angst, wie bei vielen Landtagswahlen 2016 auch bei der Bundestagswahl die traditionellen CDU-Wähler an die Konkurrenz zu verlieren. Jetzt wurde bei der CDU in Baden-Württemberg ein Landesnetzwerk Spätaussiedler und Heimkehrer gegründet.

    Treffen in Pforzheim: Russlanddeutsche gründen deutschlandweite Interessengemeinschaft in der AfD
    © Foto : Interessengemeinschaft der Russlanddeutschen in der AfD
    Es ist sicher kein Zufall, dass das Landesnetzwerk für Russlanddeutsche in der CDU  gerade in Baden-Württemberg gegründet wurde. Dort holte die AfD im vergangenen Jahr bei den Landtagswahlen 15,1 Prozent. Analysten kamen zu dem Ergebnis, dass in einigen Ballungszentren unter anderem auch Russlanddeutsche zu dem guten Abschneiden der AfD beigetragen haben. Allein in Baden-Württemberg leben rund 200 000 der etwa 1,5 Millionen wahlberechtigten Russlanddeutschen. Viele von Ihnen seien von der CDU abgewandert. Entsprechend räumte der der Generalsekretär der Südwest-CDU Manuel Hagel auf der Gründungsveranstaltung des Landesnetzwerks Spätaussiedler und Heimkehrer ein: „Wir haben uns als CDU nicht mehr genug um sie gekümmert.“

    Der Russlanddeutsche Ernst Strohmaier ist CDU-Mitglied und stellvertretender Bundesvorsitzender der "Landsmannschaft der Deutschen aus Russland". Er ist nun zum Vorsitzenden des neu gegründeten Landesnetzwerks gewählt worden. Strohmaier meint im Sputnik-Interview, dass es darum geht, die Russlanddeutschen für die CDU zurückzugewinnen:

    "Die Zeiten ändern sich. Es hat einen Paradigmenwechsel gegeben. Früher haben die Russlanddeutschen aus Dankbarkeit vorwiegend die CDU gewählt. Jetzt muss man die Russlanddeutschen erst wieder davon überzeugen. Die Russlanddeutschen haben sich hier eingelebt und die demokratische Gesellschaft kennengelernt. Sie können also auch andere Parteien aus dem demokratischen Spektrum wählen.“

    Die Dankbarkeit, von der Strohmaier spricht, bezieht sich vor allem auf Helmut Kohl, der sich Anfang der Neunziger stark machte für die unbürokratische und schnelle Übersiedlung der Russlanddeutschen aus der ehemaligen Sowjetunion. Allerdings sollte sich die deutsche Bürokratie vor Ort dann doch noch als Stolperstein für viele Russlanddeutsche herausstellen. Vor allem Bildungsabschlüsse aus der Sowjetunion und Russland wurden nicht anerkannt. So sahen sich viele Spätaussiedler gezwungen, in Berufen mit geringerer Qualifikation und Bezahlung zu arbeiten. Entsprechend niedrig fallen jetzt ihre Renten aus.

    Strohmeier ist sich dieser Probleme bewusst und möchte sich dafür innerhalb der CDU einsetzen. Er betont auch, dass die Initiative für die Gründung dieses Netzwerkes von den Russlanddeutschen in der Partei ausging:

    „Wir, die Russlanddeutschen in der CDU haben die Gunst der Stunde genutzt und darauf gedrängt, dass es so eine Parteigruppierung geben sollte, damit wir unsere Interessen in der Partei besser durchsetzen können.  Das betrifft die Themen, die uns die CDU auch versprochen hatte, wie eine Verbesserung der Lage mit unserer Rente.“

    Für die Bundestagswahl wünscht sich Strohmaier, dass wieder etwa 70 Prozent der Russlanddeutschen die CDU wählen würden. Jeweils fünf Prozent der Stimmen der Russlanddeutschen sieht er bei den Grünen, bei der SPD und auch der AfD. Die Linkspartei würde auch von Russlanddeutschen gewählt werden, vor allem in Berlin. Strohmeier meint dazu:

    "Ich kenne Petra Pau von den Linken ganz gut. Wir sind bei den Linken auch mit den Themen Rente und Altersarmut auf offene Ohren gestoßen."

    Schock durch die Flüchtlingskrise

    Viele Spätaussiedler gelten als eher wertekonservativ und haben deshalb in den vergangenen 20 Jahren vor allem die CDU gewählt. Erst der Umgang von Kanzlerin Angela Merkel mit der Flüchtlingskrise war für viele Russlanddeutsche ein Schock und führte dazu, dass sich einige von der CDU abwandten und zumindest bei den Landtagswahlen die AfD wählten. Allerdings unterscheiden sich die Russlanddeutschen in diesem Punkt nicht von vielen konservativen Deutschen, die jetzt die AfD wählen. Strohmaier meint, dass die Menschen aufgewiegelt würden und es Aufklärung bedarf:

    „Ein Teil der Deutschen aus Russland wird gegen die Flüchtlinge aufgehetzt. Und bei dieser Hetze wird vor allem Angela Merkel kritisiert. Sie wollen einfach nicht verstehen, dass Frau Merkel gar nicht anders reagieren konnte aufgrund ihrer christlichen Werte. Sonst wäre die CDU nicht glaubwürdig gewesen. Hier muss man aber nicht nur bei den Russlanddeutschen Aufklärung leisten, sondern auch bei der einheimischen Bevölkerung.“

    Das Netzwerk der Aussiedler ist sicher auch als Antwort auf die Gründung der Interessengemeinschaft der Russlanddeutschen in der AfD vor einigen Wochen zu verstehen. Für den Bundestagswahlkampf kommt diese Initiative jedoch reichlich spät. Gerade CDU und AfD scheinen um die Stimmen der Russlanddeutschen zu buhlen. Vor allem die zweite Generation der Spätaussiedler, die die Sowjetunion nur in ihrer Kindheit erlebt haben, scheint keine Verpflichtung mehr gegenüber der CDU zu verspüren. Eine gewisse Bindung scheinen aber alle noch nach Russland zu haben. Die AfD setzt sich, ähnlich wie Die Linke offensiv für ein gutes Verhältnis zu Russland ein. Strohmaier hält dies für Populismus:

    „Das sind faule Tricks, mit denen man da vorgeht. Man versucht, den Streit zwischen den Ländern auszunutzen und die Russlanddeutschen da reinzuziehen. Die Russlanddeutschen haben eine gewisse Empathie zu Russland, weil sie dort Freunde haben und oft ihre Jugend verbracht haben. Alles, was in Russland passiert, interessiert uns sehr. Aber wir leben hier und heute. Deshalb dürfen wir uns nicht in die russischen Angelegenheiten einmischen, wenn wir hier leben.“

    „Medienbild der Russlanddeutschen: AfD, Kriminalität und Alkohol“

    In Deutschland leben ca. 2,5 Millionen Spätaussiedler aus der ehemaligen Sowjetunion. Damit stellen sie nach den Deutschtürken die größte Einwandergruppe bei der Wahl. Gemeinhin gelten Russlanddeutsche als bestens integriert. Strohmaier sieht allerdings auch Ausnahmen:

    „Die meisten Menschen aus Russland sind hier angekommen und leben nicht in einer Parallelgesellschaft. Allerdings sind nicht alle integriert. Gerade in ländlichen Bereichen gibt es viele Russlanddeutsche, die nun auch endlich mitgenommen werden müssen. Sonst fühlen sie sich verloren in dieser Gesellschaft.“

    Strohmaier möchte mit dem CDU-Netzwerk für Russlanddeutsche sowohl innerhalb der CDU, als auch in der Community der Aussiedler wirken. Auch das Bild der Russlanddeutschen in der Gesellschaft sei verzerrt und negativ:

    „Wir wollen auch Aufklärungsarbeit in die Gesellschaft hinein leisten, dass die Russlanddeutschen nicht nur in einer Reihe mit der AfD, Kriminalität oder Alkohol genannt werden, wie es Tradition ist in den Medien in Deutschland.“

    Armin Siebert

    Das komplette Interview zum Nachhören:

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    Tags:
    Migrationskrise, Medienattacke, Wahlkampf, Russlanddeutsche, Partei Alternative für Deutschland (AfD), CDU, Helmut Kohl, Deutschland