03:30 22 September 2018
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    Länderflaggen der BRICS

    Der Fall des globalen Hegemons: Wie die BRICS-Staaten die USA ersetzen könnten

    © Foto : BRICS5
    Politik
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    Am 3. September wird in der chinesischen Stadt Xiamen der neunte Gipfel der BRICS-Staaten stattfinden – einer Vereinigung, die die Welt des 21. Jahrhunderts entscheidend prägen könnte. Georg Mirzajan, Dozent der politikwissenschaftlichen Fakultät an der Finanzuniversität der Regierung der Russischen Föderation erklärt die Ecksteine der BRICS.

    Wird der „Thron“ frei?

    In den 1990er Jahren schien die Welt klar zu sein. Nach dem Ende des Kalten Krieges und der bipolaren Welt wurden der Westen im Allgemeinen (der „kollektive Westen“) und die USA im Einzelnen zum globalen Hegemon. Sie ordneten die Welt nach ihrem Belieben und regulierten das Geschehen der internationalen Beziehungen nach ihren Vorstellungen. Es lässt sich bezweifeln, ob dies „gut“ war, aber „einfach“ war die Situation somit allemal. Inzwischen aber ist die Situation der Weltpolitik längst nicht mehr so „einfach“.

    Erstens, den „kollektiven“ Westen gibt es nicht mehr. Ernsthafte Widersprüche in den Positionen der Vereinigten Staaten und der Europäer haben zu einem sichtbaren Bruch der Beziehungen zwischen Washington und der EU geführt. So hat bereits Deutschland – das Führungsland der EU – erklärt, es werde nicht mehr den USA in allen Fragen folgen, sondern die eigene Position verteidigen. So werde man beispielsweise, wenn nötig, vor die internationalen Gerichte gegen die USA ziehen, falls Washington deutsche Unternehmen mit Sanktionen wegen ihrer Zusammenarbeit mit Russland belegen sollte.

    Zweitens, ist die Hegemonstellung der USA längst nicht mehr eindeutig. Sie sind nicht mehr in der Lage, die Weltprozesse nach Belieben zu beeinflussen. Das liegt zum einen daran, dass sie in eine Art innenpolitischen Elitenkrieg gegen den eigenen Präsidenten, Donald Trump, verstrickt sind und somit keine Möglichkeit haben, sich konsequent auf das globale Geschehen zu fokussieren.

    Zum anderen sind auch die früher als praktisch unerschöpflich geltenden finanziellen und wirtschaftlichen Ressourcen des Landes plötzlich aufgebraucht – zu viel kosteten die Kriege im Irak und in Afghanistan, zu groß sind die Ausgaben für den Militärapparat, zu hoch sind die Schulden und seit zu langer Zeit ist die US-Gesellschaft zu einer Konsumgesellschaft geworden, die selbst kaum produziert.

    Diesjähriger BRICS-Gipfel in China, Xiamen, 3. September 2017
    © AFP 2018 / FRED DUFOUR / POOL
    Diesjähriger BRICS-Gipfel in China, Xiamen, 3. September 2017

    Die wachsende Schwäche Amerikas erzeugt ein globales Machtvakuum, das jedoch im Moment von keinem einzelnen Land gefüllt  werden kann – und so entstehen Perspektiven für Regionalblöcke oder Allianzen, um diese Rolle zu übernehmen. Der Favorit für diese Rolle scheint im Moment die BRICS zu sein.

    Die Ecksteine der BRICS-Macht

    Die BRICS als Bezeichnung für die Staaten Brasilien, Russland, Indien, China und seit kurzem auch Südafrika ist sicherlich kein durchstrukturiertes und institutionalisiertes Bündnis, sondern eher ein Verbund von Staaten, die ein gemeinsames Ziel vor Augen haben – eine neue multipolare Weltordnung.

    Kapazitäten hierfür hat die BRICS allemal: Die Staaten repräsentieren zusammen drei Milliarden Menschen und damit fast die Hälfte der Weltbevölkerung und ihre gemeinsame Fläche beläuft sich auf 39,7 Millionen Quadratkilometer (mehr als ein Viertel der gesamten Landfläche des Planeten). Im Jahr 2016 betrug der Anteil der BRICS-Staaten am kaufkraftbereinigten globalen BIP insgesamt geschätzt rund 31,4 Prozent.

    Außerdem besitzt der Staatenverbund 32 Prozent der weltweiten landwirtschaftlich genutzten Flächen und hat bereits jetzt 40 Prozent der globalen Getreideproduktion, 50 Prozent der Schweinefleischproduktion und noch viele weitere beeindruckende Indikatoren.

    Was Sie über BRICS wissen sollten - die wichtigsten Zahlen und Fakten  (Grafik - Stand 2015)
    © Sputnik /
    Was Sie über BRICS wissen sollten - die wichtigsten Zahlen und Fakten (Grafik - Stand 2015)

    Zuletzt erstarkte auch die Finanzmacht des Staatenverbundes durch die Gründung der New Development Bank der BRICS – einer Bank, die der Welt eine Alternative zur US-dominierten Weltbank und dem Internationalen Währungsfonds geben soll.

    Warum die BRICS keine neue Nato wird

    Sicherlich, der Optimismus über die BRICS sollte sehr vorsichtig sein, denn die Staaten sind zu unterschiedlich und verfolgen in einigen Bereichen zu unterschiedliche Ziele, um zu einer Art neuen Nato zu werden.

    So treten beispielsweise China und Russland aktiv gegen die Reformierung der Uno auf, während die anderen BRICS-Staaten diese herbeiführen wollen.

    Russland und China sind absolut gegen das amerikanische Dominieren des globalen Finanzsystems, während Indien damit durchaus leben und davon profitieren kann.

    Schließlich gibt es auch eine Reihe direkter Spannungen. Indien und China bewegen sich im Prinzip seit Jahrzehnten eng an der Grenze zu einem (neuen) Krieg. Die beiden Staaten konkurrieren um umstrittene Ländereien (wie etwa Teile der Kaschmir-Region) und Hoheitsgewässer im Südchinesischen Meer.

    Und auch für Russland gibt es nachvollziehbare Gründe für Misstrauen gegenüber dem wachsenden chinesischen Einfluss in Fernost.

    Dies alles sind Gründe, warum die BRICS zu keinem monolithischen Akteur a la Nato wird. Doch eine neue Nato in der Rolle eines Weltpolizisten ist vermutlich weder von den Staaten selbst noch vom Rest der Welt erwünscht.

    Partnerschaft „souveräner Staaten“ 

    Daher bleibt die BRICS der Hauptanwärter für die Rolle eines alternativen Zentrums zur Regulierung der globalen Politik. Die Staaten besitzen militärisch, wirtschaftlich und auch ideologisch die besten Alternativen zur amerikanischen destruktiven Hegemonie. Die Staaten sind zudem einig in ihrer vollen Souveränität. Es gibt keinen „Kernstaat“ der BRICS, der versuchen würde, andere Mitglieder in ihrer Souveränität einzuschränken. Damit könnte BRICS zu einem Verbund von wahrlich freien Staaten werden.

    Das unterstrich auch der russische Präsident Wladimir Putin:

    „In der BRICS versuchen wir keinem etwas aufzuzwingen. Wenn die Positionen nicht voll übereinstimmen, wird sorgfältig und geduldig an der Annäherung der Positionen gearbeitet."

    Und genau dies könnte die Hauptstärke der BRICS werden und sie zu einer würdigen Alternative zur unipolaren Stellung der USA machen.

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    Tags:
    Geopolitik, BRICS, USA, Russland, China