14:04 24 Juni 2019
SNA Radio
    AfD-Bundesparteitag in Köln (Archivbild)

    Russlanddeutsche in der AfD: „Wir sind nicht prorussisch – wir sind prodeutsch“

    © AFP 2019 / Ina Fassbender
    Politik
    Zum Kurzlink
    2220614

    Waldemar Birkle ist Initiator der Anfang August gegründeten Interessengemeinschaft der Russlanddeutschen in der AfD. Er ist auch AfD-Direktkandidat für den Bundestag. Birkle meint, dass die Russlanddeutschen zu den konservativen deutschen Werten stehen und sich deshalb in seiner Partei inzwischen besser aufgehoben fühlen als in der CDU.

    Der aus Kasachstan stammende Russlanddeutsche Waldemar Birkle trat bereits 2013 der damals gerade erst gegründeten AfD bei. Ein Grund dafür war sein Frust über die Regierungsparteien: Seine jüngste Tochter hatte damals in der SPD-regierten Stadt keinen Hortplatz bekommen. Vor acht Jahren hat Birkle noch die SPD gewählt, wie er im Interview erzählte.

    Bei den Landtagswahlen in Baden-Württemberg im vergangenen Jahr hat er in Pforzheim 24,2 Prozent der Stimmen gewonnen. Die CDU hat dagegen in der Stadt über 20 Prozent verloren. So ist es nicht verwunderlich, dass Anfang August die Interessengemeinschaft der Russlanddeutschen in der AfD ausgerechnet in Pforzheim gegründet wurde. Birkle war Gastgeber und Mitgründer. Nun kandidiert Birkle im Wahlkreis Pforzheim/Enzkreis als Direktkandidat für den Bundestag.

    „Bestintegrierteste Gruppe von allen Einwanderern“

    In Pforzheim leben etwa 19.000 Russlanddeutsche, davon allein 5.500 im Stadtteil Haidach, wo sie die Hälfte der Bevölkerung stellen. Entsprechend ist dort das Stadtbild von russischen Supermärkten, Anzeigen in kyrillischer Schrift und russischen Gesprächen auf der Straße geprägt.

    Aber die Russlanddeutschen seien die „bestintegrierteste Gruppe von allen Einwanderern“, so Birkle im Sputnik-Interview. Er weiß mit seiner hemdsärmeligen, direkten und freundlichen Art zu punkten. Und kommt selbst aus der Community und weiß um die Probleme und Befindlichkeiten, die sich aber laut Birkle gar nicht so sehr von den Sorgen der deutschen Bevölkerung unterscheiden:

    „Man sollte Russlanddeutsche nicht als Menschen von einem anderen Planeten darstellen. Sie haben keine anderen Probleme als die einheimischen Deutschen. Wir leben schon viele Jahre hier und wir sind keine Bevölkerungsschicht, die Sonderrechte verlangt. Uns sind die gleichen Interessen wichtig, wie auch anderen Deutschen, die die AfD wählen: die innere Sicherheit, die Familie, Rentensicherheit oder Bildung.“

    Konservative Werte hochgehalten

    Die Russlanddeutschen haben sich konservative deutsche Werte noch mehr erhalten, meint Birkle. Diese seien in der CDU, die klassisch als Wahlheimat der Russlanddeutschen galt, nicht mehr vertreten:

    „Die Russlanddeutschen sind ihren Prinzipien treu geblieben. Die CDU ist fremdgegangen. Die CDU denkt, wenn sie nach links rückt, wäre sie eine moderne Partei.“

    Viele Russlanddeutsche sind mit der Flüchtlingspolitik der Kanzlerin nicht einverstanden. Es gibt die Theorie, dass viele von ihnen empfindlich auf die massive Einwanderung von Flüchtlingen reagieren, weil sie ihr über Jahrzehnte in der Sowjetunion idealisiertes Deutschlandbild dadurch gefährdet sehen. Sie wollen angebliche ein „deutsches Deutschland“, zu dem sie sich dazugehörig empfinden. Manche Russlanddeutsche denken auch, dass es die Flüchtlinge jetzt viel leichter haben als sie damals bei ihrer Ankunft in Deutschland ankamen. Birkle betont, dass er nicht generell gegen Flüchtlinge ist:

    „Das Thema Flüchtlinge stört uns nicht mehr als andere Deutsche. Da sollte es einfach einen geregelten Ablauf geben und die Gesetze müssen eingehalten werden. Wenn jemand tatsächlich Anspruch auf Asyl hat, dann ist das in Ordnung. Aber wenn jemand illegal einreist und die Sozialkassen belastet, dann sind wir dagegen.“

    Auch Beschlüsse wie die „Ehe für alle“ entfremden manche Russlanddeutsche von der CDU, meint der AfD-Kandidat und spricht von einem „schleichenden Ersatz der traditionellen Familie durch gleichgeschlechtliche Ehen“.

    „Wir sind prodeutsch“

    Die CSU hat bereits im Frühjahr eine Wahlkampagne in russischer Sprache in sozialen Netzwerken vorgestellt. Auch die AfD wendet sich bewusst auch auf Russisch an die Russlanddeutschen. Birkle meint, dass diesen ein gutes Verhältnis zu Russland wichtig ist:

    „Wir bei der AfD sind weder prorussisch, noch proamerikanisch. Wir sind prodeutsch. In erster Linie spielen für uns die Interessen unseres Landes eine große Rolle. Was das Verhältnis zu Russland angeht, sehen wir aber klar, dass die Sanktionen uns wirtschaftlich schaden und nicht zum Frieden in Europa beitragen. Und natürlich haben viele Russlanddeutsche noch Verwandte in Russland. Und es schmerzt uns zu sehen, wie die Beziehung zwischen unseren Ländern zugrunde geht.“

    Die deutsche Berichterstattung über das Land sei „ganz klar negativ, besonders seit 2014“. Entweder werde gar nicht berichtet oder nur mit negativem Beigeschmack: „Russland wird dämonisiert.“

    Über die Russlanddeutschen werde „genau so negativ berichtet“, findet Birkle. Er erinnerte: „Die Medien haben einen großen Hype daraus gemacht, dass die AfD bei den Russlanddeutschen eine gewisse Unterstützung gefunden hat und dann ist regelrecht eine Hetzjagd ausgebrochen. Die Russlanddeutschen werden jetzt beschimpft und gedrängt, sich zu rechtfertigen dafür, dass sie ihren Werten treu bleiben. Als sie früher CDU gewählt haben, kam keiner auf die Idee, die Russlanddeutschen dafür an den Pranger zu stellen.“

    Allerdings wäre es vermessen zu behaupten, dass die Russlanddeutschen entscheidend zum bundesweiten Erfolg der AfD beitragen. Die AfD ist auch in Ostdeutschland sehr erfolgreich. In den neuen Bundesländern, außer Berlin, leben jedoch verhältnismäßig wenig Russlanddeutsche. In Pforzheim dürfte aber Birkle ähnlich wie bei den Landtagswahlen gute Chance haben, in den Bundestag einzuziehen.

    Armin Siebert

    Das Interview mit Waldemar Birkle zum Nachhören:

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren

    Zum Thema:

    „Machtübernahme“ in Facebook: „Die Partei“ verleibt geheime AfD-Gruppen ein - VIDEO
    "Untersuchungsausschuss Merkel" - bayerische AfD drängt in den Bundestag EXKLUSIV
    Union und SPD verlieren an Zustimmung, AfD legt zu - Umfrage
    Zur Abwehr von Nordafrikanern? AfD nach Pfefferspray-Verteil-Aktion im Kreuzfeuer
    Tags:
    Russlanddeutsche, Flüchtlingskrise, Wahlkampf, Interview, CDU, Partei Alternative für Deutschland (AfD), Armin Siebert, Deutschland