03:43 21 November 2017
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    SPD-Bundeskanzlerkandidat Martin Schulz (Archivbild)

    Schulz als Kanzler gezeigt, nicht als Anwärter – Deutschland-Experte zu TV-Duell

    © REUTERS/ Michael Dalder
    Politik
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    Martin Schulz hat sich nach Meinung des Deutschland-Experten Nikolaj Platoschkin während der Fernsehdebatte mit Angela Merkel kanzlerfähig gezeigt.

    Im Interview mit Sputnik brachte der Politikwissenschaftler seinen aufrichtigen Neid den deutschen Wählern gegenüber zum Ausdruck, denn die beiden Kanzlerbewerber waren aus seiner Sicht argumentativ, sachlich und kompetent. Dabei betonte er, dass 55 Prozent der Deutschen meinten, Schulz wäre besser aufgetreten als erwartet, und nur 24 Prozent der Deutschen waren derselben Meinung von Merkel. Schulz habe die Deutschen positiv überrascht, schlussfolgert Platoschkin. Und was ihn besonders beeindruckt habe, dass „Schulz in den Umfragen, was die Bürgernähe angeht, doppelt so hoch bewertet wurde wie Angela Merkel. So hat Schulz sich kanzlerfähig gezeigt.“

    Gleichzeitig musste der Moskauer Deutschland-Experte anerkennen, dass der sogenannte Amtsbonus in manchen Feldern der Umfrage eine große Rolle spielte. „Zum Beispiel hat Schulz 30 Prozent zu 60 Prozent bei der internationalen Politik verloren, weil viele Deutsche meinten, die Bundeskanzlerin, die mit den Großen dieser Welt spricht, sei wahrscheinlich besser informiert.“

    „Schulz hat in der Frage Türkei für eine richtige Sensation gesorgt, und Frau Merkel musste während der Debatte Schulz zustimmen, obwohl sie vorher ganz anderer Meinung über die EU-Beitrittsverhandlungen mit der Türkei war. Bei den inneren Themen –  Sicherheit, Arbeitsmarkt und Migration – lagen die Werte gar nicht so weit auseinander – drei bis vier Prozent Unterschied zwischen Schulz und Merkel. Vor dem Fernsehduell wurde Schulz doppelt so schlecht bewertet wie die Bundeskanzlerin.“

    Überzeugende Kritik an Merkels Migrations-Politik

    „Entscheidungen wurden erst spät getroffen“, kritisiert Schulz. Nicht 2015, sondern 2017, wo schon eine Million Menschen ins Land gekommen seien. „Berechtigte Kritik“, meint Platoschkin. Schulz habe ihn auch dadurch überzeugt, dass der SPD-Kanzlerkandidat sehr gut über die sozialen Verhältnisse in Deutschland informiert sei. „Die Bundeskanzlerin nicht. Schulz hat sie gefragt, wo die größte Kriminalitätsrate in der Bundesrepublik sei, in welchem Bundesland? Die Bundeskanzlerin war mit dieser Frage überfordert.“

    Schulz habe die Bundeskanzlerin in der Bürgernähe übertroffen, ist sich der Ex-Diplomat sicher. „Frau Merkel sagte viel, aber wenn es um Erfüllung geht, ist das schon eine andere Sache. Darüber hinaus hat Merkel Angstwahlkampf betrieben.“ Der Politologe erinnert an die letzte Frage: „Ich (Frau Merkel) werde keine Koalition mit der AfD und mit den Linken eingehen, und Sie, Herr Schulz?“

    Martin Schulz wolle wahrscheinlich mit den Linken doch koalieren, vermutet Platoschkin. „Wieso auch nicht. Die Linke regiert in Berlin und in Thüringen. Frau Merkel bewegt sich mit ihrem Mercedes jedoch tagelang durch die Bundeshauptstadt, und siehe da, sie wurde nicht verhaftet und nicht in den sibirischen GULAG geschickt.“

    Der Experte stellt gleich die Frage:

    „Und wer will da mit der Linkspartei nicht koalieren? Die Jungkommunistin Angela Kasner, die dann später Merkel wurde und die in der FDJ für Agitation und Propaganda zuständig war? Während die Spitzenkandidatin der Linken, Sahra Wagenknecht, in der DDR gemaßregelt wurde, als sie sich gegen den Wehrunterricht in der Schule stellte. Und jetzt sagt die,Jungkommunistin‘ Merkel, sie will mit der Linkspartei nicht koalieren! Mit sich selbst, oder wie?“

    SPD noch nicht verloren

    Die Hälfte der Bundeswähler habe sich noch nicht entschieden, wen sie wählen würden, so Platoschkin. Deshalb ist nach seiner Meinung das Rennen noch offen. „Schulz wurde vorgeworfen, er war nicht so angriffslustig. Er hat sich aber als Kanzler gezeigt und nicht als Anwärter. Er hat zu allen Fragen sachliche Antworten gegeben. „Wenn man Martin Schulz mit den vorherigen Anwärtern vergleicht, Steinbrück oder Gabriel, ist er für die SPD schon ein Plus, und zwar ein dickes. Wenn aber die Angstkampagne gegen die Linken gemacht wird, dann geht man an den Sachthemen der Bundesrepublik total vorbei.“

    Das komplette Interview mit dem Deutschland-Experten Platoschkin zum Nachhören:

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    Tags:
    Migrationspolitik, Wahlen, SPD, Bundestag, Nikolaj Jolkin, Martin Schulz, Angela Merkel, Türkei, Deutschland
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