06:33 25 Januar 2020
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    Einen Punkt will der SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz den ganzen Wahlkampf lang besonders deutlich machen, findet der Sputnik-Kolumnist Michail Scheinkman. Auch beim jüngsten TV-Duell habe Schulz genau diese eine Botschaft vermittelt: Ohne CDU-Kanzlerin Merkel kann er nicht.

    Das Duell zwischen Merkel und Schulz ist in Deutschland sicherlich mit weniger Aufregung erwartet worden als die Wortgefechte zwischen Trump und Hillary im US-Wahlkampf. Alleine schon aus dem Grund, dass in Deutschland kaum jemand den Schlagabtausch zweier großen Kanzlerkandidaten für wahlentscheidend hält.

    Eines jedoch dürfte den Bundesbürger schon interessiert haben: Wie treten Schulz und Merkel wohl als Pärchen auf? Schließlich hat man die Beiden das letzte Mal zusammen gesehen, als noch unvorstellbar war, dass sie jemals gegeneinander antreten würden: Sie damals schon als Kanzlerin einer europäischen Führungsmacht, er damals noch als Vorsitzender des Europa-Parlaments.

    Eine Liebe war es sicherlich nicht zwischen Merkel und Schulz, doch lebten die Beiden in gewissem Einvernehmen. So ist der Brauch zwischen CDU/CSU und SPD seit nunmehr acht Jahren – mit kleinen Unterbrechungen in Zeiten des Wahlkampfs.

    Doch was auch immer man über Merkels sicheren Sieg sagt, wie gern auch die Kanzlerin ihren Koalitionspartner wechseln würde: Die Umfragen treiben die beiden Parteien wie verhext wiedermal einander in die Arme. Auch deshalb war das TV-Duell zwischen Merkel und Schulz kein Kampf um Leben und Tod, sondern höchstens eine Streitszene nach abgesprochenen Regeln. Den Deutschen wurde im Grunde das künftige Machttandem vorgeführt: Nicht ohne Zwist und doch in Eintracht.

    Diese Eintracht hat man besonders deutlich im Verhältnis zu Russland gesehen. Es war, als hätten die Beiden sich vorher abgesprochen: Über Russland kein Wort. Nur einmal tauchte das Thema „Rosneft“ kurz auf.  Synchron kritisierten Merkel und Schulz den Alt-Kanzler Schröder dafür, dass er dem Aufsichtsrat des russischen Ölkonzerns beitreten wolle. Doch war die Kritik derart lau, dass man auf den ersten Blick gar nicht sagen kann: Geht es den Beiden ums Prinzip oder sind sie einfach nur neidisch? Das war auch schon das Höchste der „Anti-Russland-Gefühle“, das Merkel und Schulz sich an dem Abend erlaubt haben.

    Dafür wetterte Schulz gut und gern gegen Trump. Seine Unberechenbarkeit sei ein Problem, er habe die Welt mit seinen Tweets in die Krise gestürzt und überhaupt könne Deutschland diesen Weg mit den Vereinigten Staaten nicht gehen. Offenkundig geht Schulz davon aus, dass er mit Trump wird nicht arbeiten müssen. Die Kanzlerin ist die, die ihre Worte da sorgfältiger aussuchen muss. Was sie dann auch tat.

    Doch beim Thema Türkei nahm sie kein Blatt vor den Mund. Auf den Vorschlag hin, die Beitrittsverhandlungen mit der Türkei abzubrechen, sagte sie, die Türkei weder jetzt als EU-Mitglied zu sehen, noch sie jemals als solches gesehen zu haben.

    Nach dieser klaren Ansage konnte Schulz‘ seichte Kritik an Merkels Flüchtlingspolitik keine Wirkung mehr erzielen – zumal der SPD-Kanzlerkandidat der Bundeskanzlerin nur geraten hat, so etwas nicht nochmal zu tun. Gemeint war die Grenzöffnung für die Flüchtlinge.

    Alles in allem hat Schulz demonstriert, dass er sich nur äußerlich von Merkel unterscheidet. Und das reicht definitiv nicht aus: Die Zuschauer gaben der Mutti 55 Prozent.

    Alle haben gesehen, dass die Beiden sich hervorragend ergänzen. Schulz spielte die klassische Nummer 2. Im Grunde beweist er den ganzen Wahlkampf lang, dass er ohne Merkel und ihre Entscheidungen nicht kann. Nur weiß man in Deutschland auch, dass Merkel ohne Schulz eine ziemlich windige Wahlentscheidung werden könnte – auch wenn das Verhältnis der Beiden nichts als Kopfschmerzen verspricht.

    Dieser Text ist eine gekürzte Übersetzung des auf Russisch erschienenen Kommentars von Michail Scheinkman. Die Meinung des Autors muss nicht mit dem Standpunkt der Redaktion übereinstimmen.

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    Tags:
    Kritik, Flüchtlingskrise, TV-Duell, Rosneft, SPD, CDU/CSU, Gerhard Schröder, Angela Merkel, Martin Schulz, Deutschland