00:50 29 November 2020
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    Kanzlerin Angela Merkel ist als CDU-Vorsitzende auf Wahlkampftour durch die deutsche Provinz. Besonders in ostdeutschen Städten schlägt ihr viel Wut, Hass und Protest entgegen – aber auch in Heidelberg wurde sie mit Tomaten beworfen. Am 6. September ist sie in Sachsen und Brandenburg aufgetreten. In Finsterwalde hat sie ein Pfeifkonzert empfangen.

    Eine Reportage von Armin Siebert

    Die dunklen Wolken über Finsterwalde verheißen nichts Gutes. Die Kleinstadt in Brandenburg empfängt zweieinhalb Wochen vor der Bundestagswahl die Kanzlerin. Am Bahnhof scannen drei Polizisten das ankommende Volk auf Störenfriede. Finsterwalde macht seinem Namen alle Ehre und wirkt eine Stunde vor Merkels Wahlkampfauftritt wie ausgestorben. Es mag am Regen liegen.

    Auf dem Marktplatz wird versucht, Volksfeststimmung zu verbreiten. Bier- und Würstchenstände beköstigen das spärliche Volk, ein Pop-Bändchen spielt Coverhits. Der Moderator holt Lokalpolitiker auf die Bühne, um auf die Ankunft der Kanzlerin einzustimmen. Kein Applaus. So recht will keine Kirmes-Stimmung aufkommen.

    Warum tut sich die Kanzlerin Finsterwalde an? Die Stadt mit 16.000 Einwohnern nennt sich selbst „Sängerstadt“, nach dem Schlager aus dem 19. Jahrhundert „Wir sind die Sänger von Finsterwalde“. Die strukturschwache und eher arme Region Niederlausitz ist bekannt für Braunkohleabbau, der nun abgebaut wird. Die Gegend kam in den letzten Jahren auch durch Übergriffe auf Flüchtlingsheime und eine gewisse Affinität zu rechtem Gedankengut in die Schlagzeilen. Bei den letzten Landtagswahlen kam die AfD in Finsterwalde auf knapp neun Prozent.

    Nur ein Heimspiel?

    Die CDU hat jedoch die besten Chancen, hier die Wahl zu gewinnen. Sollte Finsterwalde also zum Heimspiel werden für die Kanzlerin oder galt es, unentschlossene Wähler zu überzeugen? Nach den misslungenen Auftritten in Bitterfeld vergangene Woche, wo sie ausgebuht wurde, und Heidelberg, wo Merkel am Vortag mit Tomaten beworfen wurde, verhieß auch Finsterwalde nichts Gutes. Zumal sie zuvor am Nachmittag bereits im 60 Kilometer entfernten Torgau in Sachsen ausgepfiffen wurde. Absagen ging jetzt allerdings nicht mehr. Der Wahlkampftermin stand  und war seit Wochen auf Plakaten angekündigt. Das muss die Kanzlerin durchziehen.

    Je näher ihr Auftritt kommt, umso mehr regnet es sich ein. Gegen 19 Uhr haben sich dann doch 400 bis 500 Menschen auf dem Marktplatz der Sängerstadt versammelt – allerdings nicht zum Singen, sondern zum Pfeifen.  Zumindest hinterm Zaun. Vor der Bühne gibt es einen großen abgesperrten Bereich, den nur CDU-Fans mit Einladung betreten dürfen. Nähe zum Volk sieht anders aus. Dies kritisiert auch Demonstrant Christoph Bern. Der Spreewälder hält ein Plakat hoch mit der Aufschrift "Schnauze voll". Er ist empört:

    "Diese Veranstaltung ist der Gipfel an Peinlichkeit. Mit Hunderten herbeigekarrter Merkel-Jubler, zum großen Teil Migranten und hauptamtliches CDU-Personal. Die Kanzlerin verbarrikadiert sich hinter einem geschlossenen Zirkel. Das ist noch schlimmer als zu DDR-Zeiten. Da kam man noch näher an die Bühne der Erhabenen, als heute an die Bühne der Kanzlerin."

    Transparente bei Angela Merkels Wahlkampf-Auftritt in Finsterwalde
    © Sputnik / Armin Siebert
    Transparente bei Angela Merkels Wahlkampf-Auftritt in Finsterwalde

    Bern kommt aus der Region und sieht sich als Teil einer Bürgerbewegung. Er kritisiert die Politik von Angela Merkel: "Wir möchten der Kanzlerin sagen, dass wir ihre Politik für ruinös halten. Dagegen engagieren wir uns als Bürgerbewegung. Die Kanzlerin hat gegen jedes Gesetz die Grenzen geöffnet. Sie lässt eine unkontrollierte Masseneinwanderung von Menschen zu, die mit unserer Kultur und Tradition nichts zu tun haben. Das wird unsere Sozialsysteme zerstören und hat bereits zu einem großen Anstieg der Kriminalität geführt. Es gibt Brennpunkte überall. Auf öffentlichen Plätzen muss man Angst haben, bepöbelt und angegriffen zu werden."

    Fans von „Angie“

    Das Rentnerehepaar Rooch aus Finsterwalde freut sich dagegen auf den Auftritt der Kanzlerin. Sie sind „Angie“-Fans: „Wir wollen Angela Merkel sehen und die Rede hören. Wir finden ihre Ansätze gut. Wenn das alles verwirklicht wird, wäre das super.“ Die Roochs freuen sich, dass auch viele Flüchtlinge den Weg auf den Marktplatz gefunden haben:

    „Ich finde es gut, dass man heute hier viele Ausländer, ganze Familien sieht. Wir müssen ja mit ihnen leben. Natürlich gibt es auch da schwarze Schafe, aber die gibt es in unserem Volk auch.“

    Die Roochs sind keine Freunde der AfD, aber haben auch deren Wahlveranstaltung besucht:

    „Wir waren auch bei der AfD, als die ihre Kundgebung hier gemacht haben. Die Anfänge von dem, was sie sagen, sind auch nicht schlecht, aber das Endprodukt wird ein anderes sein. Da distanziere ich mich voll und ganz."

    Punkt 19 Uhr kommt Angela Merkel durch ein Spalier von etwa dreißig gecasteten Unterstützern auf den Marktplatz geschritten. Die jugendlichen Groupies, darunter auch Migranten, tragen T-Shirts mit dem Aufdruck „Kanzlerinfan“ und halten Pappschilder mit „Angela Merkel“ und „I love Angie“ hoch. Wahlhelfer Daniel ist extra aus Berlin angereist. Er will sich nicht dazu äußern, ob er Geld für seinen Einsatz bekommt. Er meint, er sei freiwillig hier, weil es ihn interessiere. Ein Gespräch mit einem syrischen Merkel-Fan scheitert an mangelnden Deutschkenntnissen. Der junge Mann sagt nur: „Angela Merkel ist sehr gut. Das ist sehr schön.“

    Nieselregen statt guter Stimmung

    Nachdem sich Merkel zur Bühne durchgearbeitet hat, sind noch Lokalpolitiker mit kurzen Grußworten dran, bevor CDU-Generalsekretär Peter Tauber den Star des Abends ankündigt.

    Der Merkel-Fanblock mit seinen Herzchen-Schildern schiebt sich jetzt vor die Gegendemonstranten und versucht, gute Stimmung im Nieselregen zu verbreiten. Die Frage ist, ob es darum geht, dass die Protestler die Bühne nicht sehen sollten oder die Kanzlerin die Protestler nicht sieht.

    Hinter der Absperrung steht ein großer Pulk protestierender Wutbürger mit Trillerpfeifen und Plakaten. Auf den Transparenten ist zu lesen: „Grenzen dicht“, „Merkel wählen heißt Deutschland quälen“ oder „Es reicht“. Einige halten Flyer der NPD hoch, andere AfD-Postkarten. Das Kräfteverhältnis zwischen Merkel-Unterstützern und —Gegnern ist ungefähr gleich. Es handelt sich also keineswegs nur um „einige Schreihälse“, wie es der lokale CDU-Kandidat auf der Bühne formuliert. Und die Gegner sind lauter. Das Pfeifkonzert ist ohrenbetäubend.

    Phrasen statt konkreter Antworten

    Merkel wirkte müde und ohne Enthusiasmus. Morgens war sie noch im Kanzleramt, nachmittags dann der schwere Auftritt in Torgau. Streckenweise sieht es so aus, als rutscht ihr gleich ein Gähnen raus. Sie hat anscheinend keine Lust. Hinter der Absperrung ist sie kaum zu verstehen, da entweder gepfiffen oder Parolen geschrien werden. „Hau ab“ und „Merkel muss weg“ sind noch die nettesten Slogans.

    Die Kanzlerin hält eine halbstündige Standardrede, die an Phrasendrescherei kaum zu überbieten ist. Aufhorchen lässt einzig der Punkt, dass sie beim Thema Flüchtlingskrise einräumt, dass sich eine Situation wie 2015 nie wiederholen dürfe. Merkel weicht nicht einmal vom Protokoll ab, um auf die pfeifenden Protestler einzugehen. Die stellen immerhin rund die Hälfte der versammelten Menschen. 

    • Anhänger von Angela Merkel ...
      Anhänger von Angela Merkel ...
      © Sputnik / Armin Siebert
    • ... und ihre Gegner
      ... und ihre Gegner
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    Anhänger von Angela Merkel ...

    Die vielzitierte Spaltung zwischen Elite und Volk ist in Finsterwalde hautnah zu spüren. Das verstärkt die Absperrung, die den meisten Raum vor der Bühne für geladene Gäste reserviert. Vermutlich können selbst die CDU-Anhänger die Rede ihrer Kanzlerin kaum genießen, da sie in Pfeifen und Buhrufen untergeht.

    Finsterwalde wird Ruf gerecht

    Merkels Auftritt ist ein mittleres Desaster. Vor Ort geht es nur um ein paar Hundert Wähler, die gespaltener nicht hätten sein können und von denen wohl kaum jemand seine vorgefasste Meinung nach ihrer Rede ändert. Streams des Auftritts im Internet dagegen, die Zehntausende erreichen, dürften ein eher kümmerliches Bild zeigen. Es sei denn, die geschnittene Live-Übertragung von der Leinwand auf dem Marktplatz wird gezeigt, auf der nur das Pro-Merkel-Volk im abgesperrten Bereich eingeblendet wird.

    Wahlkampf ist die ungeliebte Ochsentour, aber dann ist wieder vier Jahre Ruhe. Die Kanzlerin kann einem in Finsterwalde fast leidtun. Gefühlt gestern saß sie noch mit den Herrschern der Welt beim G20-Gipfel in der Hamburger Elbphilharmonie. Jetzt muss sie sich in der tieften deutschen Provinz auspfeifen lassen. Es ist frappierend, dass Merkel bei ihren Wahlkampfauftritten auf so viel Widerstand stößt und trotzdem wiedergewählt werden wird.

    Nicht alle in Finsterwalde waren vom Besuch der Bundeskanzlerin begeistert
    © Sputnik / Armin Siebert
    Nicht alle in Finsterwalde waren vom Besuch der Bundeskanzlerin begeistert

    Gegen Ende ihres Auftritts in Finsterwalde lässt auch der Regen nach. Bei der Nationalhymne zum Abschluss der Veranstaltung unterbrechen sogar die Protestler kurz ihr Pfeifkonzert und singen mit. Schließlich ist Finsterwalde die Sängerstadt …

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